Ungesundes Essen macht unser Immunsystem aggressiv

Fabian Peters

Fett- und kalorienreiche Ernährung macht das Immunsystem aggressiver

Die Ernährung in den modernen Industrienationen ist oftmals zu fett- und kalorienreich. Entsprechend steigt die Verbreitung gesundheitlicher Probleme wie Übergewicht und Diabetes. Welche Wirkung die ungesunde Ernährung langfristig auf die Immunabwehr hat, blieb dabei bislang weitgehend unklar. Laut einer aktuellen Studie wird durch die fett- und kalorienreiche Kost eine Reaktion des Immunsystems ausgelöst, die ähnlich wie bei einer bakteriellen Infektion ausfällt und langfristig erhöhte Entzündungsreaktionen mit sich bringt.

Das internationale Forschungsteam unter Federführung von Wissenschaftlern der Universität Bonn hat gezeigt, dass das ungesunde Essen nicht nur kurzfristig zu einer Aktivierung des Immunsystems führt, sondern die Körperabwehr auch langfristig aggressiver macht. Noch lange nach Umstellung auf gesunde Kost komme es daher schneller zu Entzündungen. Hierdurch werde direkt die Entstehung von Arteriosklerose und Diabetes gefördert. Veröffentlicht wurden die Studienergebnisse in dem Fachmagazin „Cell“.

Ungesunde Ernährung mit viel Fett und Kalorien verändert langfristig das Immunsystem. (Bild: Alexander Raths/fotolia.com)

Unerwarteter Anstieg der Immunzellen

Im Rahmen der Studie verabreichten die Forscher Mäusen einen Monat lang eine sogenannte „westliche Diät“ mit viel Fett, viel Zucker und wenig Ballaststoffe. Infolgedessen entwickelten die Tiere „eine massive körperweite Entzündung, fast wie nach einer Infektion durch gefährliche Bakterien“, so die Mitteilung der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Laut Aussage von Anette Christ, Postdoktorantin am Institut für Angeborene Immunität der Universität Bonn, hat „die ungesunde Diät zu einem unerwarteten Anstieg einiger Immunzellen im Blut geführt.“ Dies sei ein Hinweis auf eine Beteiligung von Vorläuferzellen im Knochenmark an dem Entzündungsgeschehen.

Große Anzahl von Genen aktiviert

In weiteren Untersuchungen isolierten und analysierten die Forscher die Vorläuferzellen von Immunzellen aus dem Knochenmark der Mäuse, um die Veränderungen besser zu verstehen. Bei den genomischen Untersuchungen habe sich tatsächlich gezeigt, dass in den Vorläufer-Zellen durch die westliche Diät eine große Anzahl von Genen aktiviert wurde, berichtet Prof. Dr. Joachim Schultze vom Life & Medical Sciences Institute (LIMES) der Universität Bonn und vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).

Langfristige genetische Reprogrammierung

Unter den aktivierten Genen waren unter anderem Erbanlagen für ihre Vermehrung und Reifung und das „Fastfood führt dazu, dass der Körper rasch eine riesige schlagkräftige Kampftruppe rekrutiert“, so Prof. Schultze. Wurde den Mäusen anschließend vier weitere Wochen lang die arttypische Getreide-Kost angeboten, verschwand zwar die akute Entzündung, allerdings blieb die genetische Reprogrammierung der Immunzellen bestehen.

„Auch nach diesen vier Wochen waren in ihnen noch viele der Erbanlagen aktiv, die in der Fastfood-Phase angeschaltet worden waren“, sagten die Forscher der Universität Bonn.

Immunsystem verfügt über ein Gedächtnis

Erst seit kurzem ist laut Aussage von Professor Dr. Eicke Latz, Leiter des Instituts für angeborene Immunität der Universität Bonn und Wissenschaftler am DZNE, bekannt, „dass das angeborene Immunsystem über ein Gedächtnis verfügt.“ Nach einer Infektion bleibe die Körperabwehr in einer Art Alarmzustand, um dann schneller auf einen neuen Angriff reagieren zu können. Dieser als „innate immune training“ bezeichnete Prozess wurde bei den Mäusen allerdings nicht durch ein Bakterium ausgelöst, sondern durch ungesunde Ernährung.

„Fastfood-Sensor“ identifiziert

In ihrer Studie konnten die Wissenschaftler sogar den „Fastfood-Sensor“ in den Immunzellen identifizieren, der für den Effekt verantwortlich ist, so die Mitteilung der Universität Bonn. Anhand einer Untersuchung der Blutzellen bei 120 Testpersonen konnte nachgewiesen werden, dass bei einigen Probanden das angeborene Immunsystem einen besonders starken Trainings-Effekt zeigt. Genetische Untersuchungen ergaben, dass daran ein sogenanntes Inflammasom beteiligt ist.

Inflammasom durch bestimmte Nahrungsmittel-Inhaltsstoffe aktiviert

Als Sensoren des angeborenen Immunsystems erkennen Inflammasome schädliche Substanzen und setzen in der Folge hoch entzündliche Botenstoffe frei, erläutern die Wissenschaftler. Das identifizierte Inflammasom werde durch bestimmte Nahrungsmittel-Inhaltsstoffe aktiviert, was neben der akuten Entzündungsreaktion auch langfristige Konsequenzen hat. So wird laut Aussage der Forscher die Art und Weise verändert, in der die Erbinformation verpackt ist.

Epigenetische Veränderungen durch die Ernährung

Die DNA-Fäden mit den Erbinformationen sind um Proteine gewickelt und stark verknäuelt, weshalb viele Gene auf der DNA nicht abgelesen werden können – sie sind einfach zu schlecht zugänglich, erläutern die Wissenschaftler. Die ungesunde Ernährung führe dazu, dass sich manche dieser normalerweise versteckten DNA-Teile entrollen und die Bereiche der Erbsubstanz dadurch langfristig leichter ablesbar werden. Diese sogenannten epigenetischen Änderungen werden durch das Inflammasom angestoßen, erläutert Professor Latz. Das Immunsystem reagiere in der Folge schon auf kleine Reize mit stärkeren Entzündungsantworten.

Erhöhtes Diabetes-Risiko, Arteriosklerose, Schlaganfälle und Herzinfarkte

Durch die veränderte Entzündungsreaktion wird die Entstehung von Gefäßkrankheiten oder auch Typ 2-Diabetes laut Aussage der Wissenschaftler drastisch beschleunigt. Beispielsweise werde bei der Arteriosklerose das Wachstum der typischen Gefäßablagerungen (sogenannte Plaques) durch die Entzündungsreaktion gefördert. Werden die Plaques zu groß, platzen sie auf, werden vom Blutstrom fortgetragen und können andere Gefäße verstopfen, was schlimmstenfalls einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zur Folge haben kann, erläutern die Wissenschaftler.

Durch die veränderte Entzündungsreaktion steigt auch das Risiko für einen Herzinfarkt. (Bild: hriana/fotolia.com)

Dramatische Konsequenzen ungesunder Ernährung

Den Ergebnissen der Forscher zufolge zeigt die Fehlernährung somit langfristig dramatische Konsequenzen. Diese Erkenntnis hat nach Einschätzung von Prof. Latz eine enorme gesellschaftliche Relevanz. In den letzten Jahrhunderten sei die durchschnittliche Lebenserwartung in den westlichen Ländern stetig gestiegen, doch dieser Trend werde gerade erstmalig durchbrochen. Wer heute geboren wird, werde im Schnitt vermutlich kürzer leben als seine Eltern, wobei falsche Ernährung und zu wenig Bewegung dem Experten zufolge daran einen entscheidenden Anteil haben.

Laut Professor Latz müssen die Grundlagen einer gesunden Ernährung noch viel stärker als heute zum Schulstoff werden, da Kinder nur so frühzeitig gegen die Verlockungen der Lebensmittel-Industrie immunisiert werden können, bevor sich langfristige Konsequenzen entfalten. Heute haben Kinder jeden Tag die Wahl, was sie essen und „wir sollten ihnen ermöglichen, bei ihrer Ernährung eine bewusste Entscheidung zu treffen“, so das Fazit des Experten. (fp)