Volksleiden Rückenschmerzen: Patienten werden zu oft falsch behandelt

Volker Blasek

Rückenschmerzen sind ein gesundheitliches und ökonomisches Problem

Über 540 Millionen Menschen weltweit leiden an Rückenschmerzen, doch viele erhalten die falsche Behandlung, wie ein englisches Forscherteam in einer Studie feststellte. Die Kernaussagen der Studie lauten:

  • Derzeitige Behandlungsansätze bei Rückenschmerzen sind ineffizient.
  • Rückenschmerzen verursachen massive Ausfälle.
  • Ärzte verordnen zu häufig die falschen Behandlungen.
  • Medikamente mit Opiaten sind bei Rückenschmerzen nur bedingt effektiv.
  • Gezielte sportliche Aktivitäten werden zu selten bei Rückenschmerzen eingesetzt.
  • Die Forscher fordern eine konzeptionelle Umgestaltung der Behandlungen.

Ein englisches Forscherteam der Keele University klärt in Zusammenarbeit mit Gesundheitsorganisationen auf der ganzen Welt über Missstände in der Behandlung von Rückenschmerzen auf. Diese reichen von der übermäßigen Verwendung ungeeigneter Tests, über die Verordnung falscher Behandlungen und Medikamente bis hin zu unnötigen Operationen. Die Studienergebnisse erscheinen in einer dreiteiligen Serie in dem Fachjournal „The Lancet“.

Rückenschmerzen stellen ein massives weltweites Problem dar. Erschwerend kommt hinzu, dass laut einer aktuellen Studie gängige Behandlungsmethoden ineffizent sind. (Bild: staras/fotolia.com)

Rückenschmerzen – Weltweit häufigste Ursache von Behinderungen

Rückenschmerzen sind weltweit die häufigste körperliche Einschränkung und betreffen schätzungsweise 540 Millionen Menschen. Die aktuelle Forschungsarbeit zeigt, in welchem Ausmaß die Erkrankung falsch behandelt wird. Die eingesetzten Behandlungsmethoden stehen häufig im Widerspruch zu den Leitlinien für Rückenschmerzen.

Falsche Ratschläge

Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass in der Praxis häufig die falschen Behandlungen verschrieben werden und Ärzte oft falsche Ratschläge geben. In den Leitlinien wird zur Aufklärung und Beratung in Bezug auf körperliche Aktivität geraten. Stattdessen werden viele Patienten zur Ruhe angehalten und krank geschrieben. Oft kommen heftige Schmerzmittel einschließlich Opiate zum Einsatz. Außerdem werden bei Personen mit Rückenschmerzen zu häufig diverse Scans oder Operationen durchgeführt.

Die Lücke zwischen idealer Behandlung und gängiger Praxis

Professorin Nadine Foster, eine der Hauptautorinnen der Studie, erläutert die klaffende Lücke, die zwischen der theoretischen Idealbehandlung und der realen praktischen Anwendung herrscht. „Wir müssen die Finanzierung weg von ineffektiven oder schädlichen Tests und Behandlungen führen“, so Foster in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen. Stattdessen müssen Ansätze zur körperlichen Aktivität und Funktion gefördert werden.

Neue Ansätze

Foster fordert weitere Forschungen zu neuen, vielversprechenden Ansätzen, die darauf abzielen, Menschen mit Rückenschmerzen besser zu helfen, um diesen ein produktiveres Leben zu ermöglichen und auch am Arbeitsplatz länger funktionsfähig zu bleiben.

Rückenschmerzen aus wirtschaftlicher Sicht

In der „Global Burden of Disease“ Studie aus dem Jahr 2017 wurde thematisiert, dass Rückenschmerzen in fast allen Ländern mit hohem Einkommen wie Mitteleuropa, Osteuropa, Nordafrika, dem Nahen Osten und Teilen Lateinamerikas Rückenschmerzen die Hauptursache für Behinderungen sind. Zusammengezählt kommen jedes Jahr in Großbritannien stolze eine Millionen Jahre durch Krankschreibungen und Arbeitsunfähigkeiten wegen Rückenschmerzen zusammen. In den USA sind es sogar 3 Millionen Jahre.

Beispiel USA

Rückenschmerzen führen in den USA jedes Jahr zu 2,6 Millionen Notfallbesuchen, bei denen eine hohe Anzahl Opiate verschrieben wird. Die Wissenschaftler verweisen auf eine Studie aus dem Jahr 2009, die ergab, dass Opioide in den USA bei etwa 60 Prozent der Notarztbesuche für Rückenschmerzen verschrieben wurden. Nur etwa die Hälfte der Menschen mit chronischen Rückenschmerzen wurde mit Hilfe sportlicher Aktivitäten behandelt.

Schmerzmittel haben nur eine begrenzte Wirkung

„In vielen Ländern werden Schmerzmittel, die eine begrenzte positive Wirkung haben, routinemäßig für Schmerzen im unteren Rückenbereich verschrieben“, berichtet Foster. Der Schwerpunkt bei dieser Behandlung müsse aber auf gezielten Übungen liegen.

Schmerzen im unteren Rücken

„Im Vereinigten Königreich wissen wir, dass Schmerzen im unteren Rücken sehr häufig sind“, schildert Foster. Ganze elf Prozent aller Behinderungen seien auf Rückenschmerzen zurückzuführen. In den letzten zwei Jahrzehnten habe eine zwölf prozentige Zunahme der Behinderung im Zusammenhang mit Rückenschmerzen stattgefunden. Das Problem werde also stetig schlimmer und nehme mit dem Altern der Bevölkerung noch weiter zu.

Derzeitige Behandlungsansätze sind ineffizient

„Unsere derzeitigen Behandlungsansätze sind nicht in der Lage, die Belastung durch Rückenschmerzen zu reduzieren“, kommentiert Professor Martin Underwood von der Warwick University die Studienergebnisse. Die Art und Weise, wie wir die Behandlung von Rückenschmerzen angehen, müsse geändert werden.

Wer leidet unter Rückenschmerzen?

Erwachsene im arbeitsfähigen Alter sind oft von Rückenschmerzen betroffen. Nur in seltenen Fällen kann eine spezifische Ursache ausgemacht werden. Die meisten Fälle werden als unspezifisch bezeichnet. Laut den Forschern gibt es Hinweise darauf, dass psychologische und ökonomische Faktoren für das Fortbestehen der Kreuzschmerzen eine wichtige Rolle spielen.

Bessere Aufklärung

Die Autoren raten, dass Gesundheitssysteme schädliche und nutzlose Behandlungen bei Rückenschmerzen vermeiden sollten. Auch müssten weit verbreitete Missverständnisse über die Ursachen, die Prognose und die Wirksamkeit verschiedener Behandlungen für Rückenschmerzen in der Bevölkerung und bei Berufstätigen in der Gesundheitsbranche aufgeklärt werden.

Forscher fordern Unterstützung der Regierung

„Der Schutz der Öffentlichkeit vor unbewiesenen oder schädlichen Ansätzen zur Linderung von Rückenschmerzen erfordert, dass Regierungen und Führungskräfte der Gesundheitsfürsorge festgefahrene und kontraproduktive Strategien, Interessengruppen sowie finanzielle und berufliche Anreize angehen, die den Status quo beibehalten“, resümiert der Studienautor Professor Jan Hartvigsen von der Universität von Süddänemark. (vb)