Warum besuchen Deutsche so häufig den Arzt?

Heilpraxisnet

Warum besuchen Deutsche so häufig den Arzt? Der durchschnittliche Bundesdeutsche hat 18,1 Arztbesuche im Jahr. Österreicher, Polen, Franzosen, Dänen oder Belgier suchen im Durchschnitt jährlich etwa nur siebenmal einen Arzt auf. Das bedeutet, dass die Deutschen durchschnittlich mehr als einmal im Monat zum Arzt gehen. Wie kommt es dazu?

Ein niedergelassener Arzt in Deutschland behandelt laut dem Arztreport 2010 der Barmer GEK durchschnittlich etwa 45 Patienten pro Werktag und hat pro Patient acht Minuten Zeit. Der Report weist in Deutschland doppelt soviele Patientenkontakte der Ärzte wie im internationalen Vergleich, eine Steigerung der abgerechneten Behandlungsfälle und eine weiter steigende Zahl von Arztbesuchen gegenüber den Vorjahren auf.Basis für den Bericht der Barmer GEK sind nach eigenen Aussagen ambulante Abrechnungsdaten von etwa 1,7 Millionen Versicherten. Das sind etwa 2 Prozent der Deutschen- was Rückschlüsse und repräsentative Hochrechnungen auf die Situation der ambulanten Gesamtversorgung zulässt. Der Barmer GEK Arztreport wird vom hannoverschen Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) jährlich veröffentlicht.

In dem, auf einer Pressekonferenz heute in Berlin, vorgestelltem Bericht wird weiterhin die Wirkung der Praxisgebühr in Frage gestellt, durch die die Kassen jährlich mittlerweile 2 Milliarden Euro einnehmen und darauf hingewiesen, dass „die grundsätzlich sinnvolle hausarztzentrierte Versorgung in der Sackgasse steckt“.

Mehr zum Thema:

Die sogenannte Praxisgebühr von 10 Euro pro Quartal für den Erstbesuch bei einem Arzt wurde 2004 eingeführt. Sie sollte zur Entlastung der Kassen beitragen, da man unter anderem annahm, dass Arztbesuche wegen Bagatellen weniger würden. Desweiteren ist seitdem der Besuch eines Facharztes nicht ohne vorherige Konsultation eines Hausarztes möglich.

Dr. med. Thomas G. Grobe, Projektleiter des Arztreportes und wissenschaftlicher Mitarbeiter am hannoverschen ISEG, stellt berechtigterweise die Frage, ob ein Mehr an Behandlung nicht eventuell die Zahl der Besuche verringern würde: „Für den einzelnen Patientenkontakt bleibt offenbar immer weniger Zeit. Mancher Arztkontakt dürfte sich wiederum durch längere Behandlungszeiten erübrigen.“

Die Barmer GEK kommt zu dem Schluss, dass die Krankenkassen, die Hausarztverbände und die Kassenärztlichen Vereinigungen nun ein gemeinsames Vorgehen zur besseren Umsetzung dieser Informationen angehen sollten.

Nicht nur in Medizinerkreisen wird gemutmasst, dass die Praxisgebühr einen Bumerangeffekt verursacht hat. Viele Versicherte könnten nach dem Zahlen der Praxisgebühr der Auffassung vertreten, dass sie nun die 10 Euro in diesem Quartal „voll ausnutzen“ und möglichst viele Arztkonsultationen absolvieren wollen. (Thorsten Fischer, Heilpraktiker Osteopathie, 19.1. 2010)

Weitere Informationen:

Internetseite des hannoverschen Institutes für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung