Weniger Krebsrisiko durch Multivitaminpräparate?

Sebastian

Laut einer Studie sollen Multivitaminpräparate das Krebsrisiko senken. Experten kritisieren die Studie als zu ungenau und raten nicht zur zusätzliche Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit künstlichen Vitaminen.

20.10.2012

Eine Auswertung der Amerikanischen Vereinigung für Krebsforschung einer aktuellen Nahrungsergänzungsmittel-Studie zeigte leichte Effekte, das Krebsrisiko zu senken, wenn männliche Probanden regelmäßig Multivitaminpräparate verzehren. Die Studie, die im Fachblatt „JAMA“ veröffentlicht wurde, will andere Forschungsarbeiten widerlegen, die berichteten, dass Vitaminpräparate das Krebsrisiko steigern können. Experten befinden allerdings, dass eine gesunde Lebensführung weitaus effektiver ist, als täglich Vitaminpillen zu schlucken.

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Die neuere Medizinforschung warnt vor Nahrungsergänzungsmitteln, die mit Vitaminen oder Mineralstoffen versetzt sind. Diese seien weitestgehend überflüssig und einige könnten sogar das Erkrankungsrisiko steigern. Multivitaminpräparate könnten das Krebsrisiko bei Männern allerdings leicht senken, so die Autoren der Studie.

Multivitamin-Präparate sind die am häufigsten eingenommenen Nahrungsergänzungsmittel in den USA. Etwa ein Drittel der Erwachsenen nehmen die Vitaminpillen regelmäßig ein. Laut des Studienautors J. Michael Gaziano aus Boston hätten „bislang keine Beobachtungsstudien Beweise für eine spezifische Krebsinzidenz und Mortalität erbracht.“ Die Forscher wollten mit ihrer Studienarbeit feststellen, „ob die längerfristige Einnahme von Vitaminpräparaten das Risiko von Krebsereignissen bei Männern senkt.“

An der Studie nahmen über 15.000 Männer teil. Alle Probanden, die selbst Ärzte sind, hatten das 50.Lebensjahr bereits überschritten und waren zu Beginn der Studie klinisch gesund. Während des Beobachtungszeitraums nahmen rund die Hälfte der Teilnehmer ein Multivitaminpräparat ein, die anderen bekamen als Vergleichsgruppe ein Placebo.

Acht Prozent reduziertes Gesamtrisiko von Krebserkrankungen
Nach Studienende zeigte sich, dass die Gruppe mit den Vitaminpillen ein etwa um acht Prozent geringeres Risiko aufwiesen an Krebs zu erkranken, als die diejenigen, die ein Scheinpräparat einnahmen. „Verglichen mit der Placebo-Gruppe wiesen die Männer die täglich Multivitamin-Präparate konsumierten, eine statistisch signifikante Reduktion der Inzidenz von Krebserkrankungen auf“, so Studienautor J. Michael Gaziano. Zudem konnte „kein signifikanter Effekt einer täglichen Multivitamin-Einnahme auf Prostatakrebs beobachtet werden“.

Doch ist der Effekt tatsächlich ein Zugewinn mit dem Menschen ihren ungesunden Lebensstil ausgleichen können? Denn eine gesunde Ernährung, aktive Bewegung und der Rauchverzicht kann das Krebsrisiko zum Vergleich um jeweils 20 bis 30 Prozent senken, entgegnen Kritiker. Zudem wurde die Studie nur mit Männern unternommen, weshalb unklar ist, wie sich die regelmäßige Einnahme auf Frauen auswirkt oder wie die Effekte bei jungen Männern bzw. bereits Erkrankten ist.

Keine ausreichende Aussagekraft der Studie
„Es ist ein sehr milder Effekt, und ich bin mir nicht sicher, ob das Ergebnis so signifikant ist, dass man jedem Vitaminpräparate empfehlen kann“, kritiserte Ernest Hawk, Vizepräsident für Krebsprävention am Krebsforschungszentrum an der Universität von Texas

Der Krebsexperte hatte die Studie für die US-Amerikanische Vereinigung für Krebsforschung ausgewertet und auf der Krebsforschungstagung in Anaheim (Kalifornien) vorgestellt. Dennoch sei die Arbeit „vielversprechend“, weil sich auch zeigte, dass „die untersuchten Präparate nicht der Gesundheit schaden können“, so Hawk.

Die Pharmaindustrie suggeriert mit ihrer Bewerbung der Produkte, dass diese eine Art Ausgleich für schlechte Lebensweisen sein können. So zeigte zum Beispiel die „Iowa Women’s Health Study“, dass „künstlich hergestellte Vitaminpillen die relative Lebenserwartung von Frauen senkt“. Einzig Kalzium-Tabletten konnten im Verlauf der Langzeitstudie das Sterberisiko der Frauen um 3,8 Prozent senken.

Auch der Studienleiter J. Michael Gaziano zeigte sich in seinem Resümee vorsichtig. Viele Menschen nehmen die Mittel, um ein Defizit auszugleichen. Das könne aber nicht erreicht werden. Die Studie erzeuge jedoch Hinweise, dass ältere Männer durch die Einnahme ihr Krebsrisiko senken könnten, so Gaziano.

Weil nunmehr unterschiedliche Hinweise vorlägen und die Studie Unsicherheiten zeigte, sprachen sich die Wissenschaftler auf der Fachtagung für weitergehende Forschungen auf diesem Gebiet aus. Die Auswertung habe nämlich ergeben, dass die Probanden in der vorliegenden Studie in der Mehrheit eine gesündere Lebensweise pflegten. So waren beispielsweise nur vier Prozent der Teilnehmer Raucher.

Wer nicht auf Vitamin-Pillen verzichten will
Wer dennoch auf die Pillen nicht verzichten will, sollte nach Ansicht der Experten wichtige Ratschläge beherzigen. Zum einen unterliegen die Pillen nicht den strengen Überprüfungsregeln der Arzneimittelzulassung, da es keine Medikamente, sondern sogenannte Nahrungsergänzungsmittel sind. Bevor die Einnahme erwogen wird, sollte der behandelnde Arzt konsultiert werden, da es auch zu negativen Wechselwirkungen mit Arzneien kommen kann. So verträgt sich die Einnahme von Vitamin K nicht mit speziellen Herzarzneimitteln oder Blutverdünnern. Eine zusätzliche Vitamin-C-Einnahme kann auch die Wirksamkeit einer Chemotherapie mindern. Vor allem Raucher und ehemalige Raucher sollten auf die Vitaminpillen verzichten, da eine hohe Menge von Betacarotin oder Vitamin A das Risiko von Lungenkrebs erhöhen kann. Das hatten zuletzt einige andere Studien ermittelt.

Alles in allem kann demnach behauptet werden, dass natürliche Vitamine die Obst und Gemüse stecken, sehr viel gesünder sind, als künstlich hergestellte im Pillenform. (sb)