Wissenschaft: Psychologen entschlüsseln eine Art Sprachcode von Depressiven

Volker Blasek

Menschen mit Depressionen ändern die Art ihrer Sprachweise

In einer Studie aus England haben Wissenschaftler die Art und Weise untersucht, wie depressive Menschen sprechen. Demnach nutzen Depressive häufiger absolute Formulierungen. Die Identifizierung häufig genutzter Wörter und Ausdrucksweisen könnte dazu beitragen, die Krankheit schneller zu diagnostizieren und sogar eventuelle Suizidgedanken zu erkennen. Die Sprache ändert sich der Studie zufolge sowohl in schriftlicher als auch in mündlicher Form.

Depressionen verändern die Betroffenen massiv. Neben dem Schlafrhythmus und der Art, wie man sich bewegt und mit anderen interagiert, ändert sich auch die Sprachweise. Berühmte Persönlichkeiten wie Kurt Cobain haben mit so einem von Depressionen geprägtem Sprachstil eine starke Wirkung auf andere Personen erzielt. Ein Forscherteam der University of Reading ist in seiner aktuellen Studie nun Wörtern und Sprachstilen nachgegangen, die häufig von depressiven Menschen verwendet werden – mit dem Ziel, die Krankheit besser zu diagnostizieren. Die Ergebnisse der Studie wurden in dem Fachjournal „Clinical Psychological Science“ veröffentlicht.

Einer englischen Studie zufolge benutzen depressive Menschen häufig einen anderen Sprachstil und andere Worte als Menschen ohne Depressionen. (Bild: hikrcn/fotolia.com)

Bekannte Künstler gaben die Hinweise

Frühere Erkenntnisse auf diesem Gebiet lieferten die Analysen einzelner depressiver Menschen. Dazu zählen beispielsweise persönliche Aufsätze und Tagebucheinträge von Depressiven und die Arbeiten von bekannten Künstlern, die unter Depressionen litten, wie Kurt Cobain und Sylvia Plath. Über das gesprochene Wort haben auch Tonaufnahmen von Menschen mit Depressionen Einblicke gegeben.

Die Ergebnisse dieser Forschungen zeigten bereits klare und konsistente Hinweise auf Sprachunterschiede zwischen Menschen mit und ohne Depressionssymptomen.

Computergestützte Analysen verhalfen zum Durchbruch

Gegenüber traditionellen Analysemethoden, bei denen Texte händisch durchgearbeitet werden mussten, konnten die Wissenschaftler mit Hilfe computergestützter Textanalyseverfahren eine extrem große Datenmenge verarbeiten. Dadurch konnten die Forscher sprachliche Merkmale herauskristallisieren, die Depressive eindeutiger identifizieren. Zu den Merkmalen zählen beispielsweise die Häufigkeit bestimmter Wörter, die durchschnittliche Satzlänge und grammatische Muster.

Welche Ausdrücke verwenden Depressive häufig?

Wie man vielleicht schon vermuten kann, verwenden depressive Menschen häufiger Wörter, die negative Emotionen vermitteln. Insbesondere negative Adjektive wie einsam, traurig oder unglücklich finden häufige Verwendung. Auffallend war auch die Verwendung von Pronomen der ersten Person Singluar. So wurde das Wort „Ich“ signifikant häufiger von depressiven Menschen genutzt als von gesunden. Ebenso nutzen Depressive deutlich weniger Zweit – oder Drittpersonenpronomen wie du, er, sie oder es.

Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei?

Diese Sprachmuster deuten darauf hin, dass Menschen mit Depressionen mehr auf sich selbst fokussiert und weniger mit anderen verbunden sind. Laut den Forschern sind die Pronomen bei der Diagnose von Depression tatsächlich zuverlässiger als die negativen Emotionen. Jetzt stehen die Forscher vor der berühmten Frage mit dem Huhn und dem Ei. Verursacht die Depression die Konzentration auf sich selbst oder bekommen Menschen, die sich auf sich selbst fokussieren, eher Symptome einer Depression?

Depressive verwenden häufiger absolutistische Wörter

Die Wissenschaftler fanden ebenfalls heraus, dass Menschen mit Depressionen häufiger Wörter verwenden, die eine absolute Größe oder eine absolute Wahrscheinlichkeit vermitteln, wie immer, vollständig oder nichts. So wurden in Angst- und Depressionsforen 50 Prozent häufiger absolutistische Wörter verwendet, als in 19 Kontrollforen.

Bei Menschen mit Suizidgedanken konnten die Forscher sogar eine 80 prozentige Erhöhung feststellen. Auch scheinen Menschen, die schon mal depressive Symptome gehabt haben, eine größere Tendenz zum absolutistischen Denken zu haben, selbst wenn es gegenwärtig keine Symptome einer Depression gibt. Dies könnte zur früheren Erkennung depressiver Episoden eine Rolle spielen.

Welche praktischen Auswirkungen können die Ergebnisse haben?

Das Verständnis des Sprachgebrauchs von depressiven Menschen kann helfen zu verstehen, wie Betroffene denken. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO leben weltweit mehr als 300 Millionen Menschen mit Depressionen. Dies stellt eine Zunahme von mehr als 18 Prozent seit 2005 dar.

Angesichts dieser Zahlen ist es laut den Forschern wichtig, mehr Instrumente zur Verfügung zu haben, um die Krankheit zu erkennen und tragische Suizide wie die von Plath und Cobain verhindern zu können.

Verbesserte Forschungsmethoden

Die Ergebnisse der Studie zeigen ebenfalls, welche Möglichkeiten moderne computergestützte Analysemethoden bieten. Laut den Wissenschaftlern könne eine Verbesserung der maschinellen Lernklassifizierung mit komplexeren Algorithmen dazu beitragen, noch tiefere Betrachtungsweisen zu ermöglichen, die auch auf andere psychische Gesundheitsprobleme wie Perfektionismus, Minderwertigkeitsgefühle oder soziale Ängste angewendet werden können. (vb)