Zu viele Operationen in Deutschland

Sebastian

Bundesweit durchschnitlich und fachübergreifend 15 Prozent mehr Operationen

16.09.2011

Wird in Deutschland zu schnell zum Skalpell gegriffen? Nach Auswertungen der gesetzlichen Krankenkasse KKH-Allianz ist deutschlandweit ein drastischer Anstieg vor allem bei den orthopädischen Operationen zu verzeichnen. Angesichts dieser Daten machen sich Kassenvertreter Sorgen um die Patienten.

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Ist tatsächlich jeder medizinische Eingriff sinnvoll? Diese Frage müssen sich Versicherte angesichts einer neuen Patientendaten-Auswertung der Krankenkasse KKH-Allianz stellen. Die Studie hatte ergeben, dass in einigen Medizinbereichen im Vergleich zu früheren Vergleichsdaten fast doppelt so häufig operiert wird. So stieg die Zahl der Eingriffe seit 2006 um mehr als 15 Prozent (Erhebungswerte für 2010). Demnach wurde in 166.000 Fällen in deutschen Kliniken zum Messer gegriffen. Besonders häufig wurde im Bereich des Rückenmarks und der Wirbelsäule operiert, wie es in dem Krankenkassen-Report heißt. Am Rückenmark wurde eine Steigerungsrate von über 61 Prozent gemessen. An der Wirbelsäule haben Chirurgen etwa doppelt so häufig (53 Prozent) operiert, als noch vor vier Jahren. Aber auch im Bereich der inneren Medizin sind massive Steigerungen zu verzeichnen. Operationen an der Niere haben laut Kassenbericht etwa um 45 Prozent zugenommen.

Operationen aufgrund finanzieller Interessen?
Sind die Menschen in dem kurzen Zeitraum kränker geworden? Sind neue medizinische Erkenntnisse entwickelt worden, die zu diesem Anstieg geführten haben? Wohl kaum, denn die Steigerungen zeigen sich interdisziplinär und deuten vielmehr auf ein anderes Problem hin. Nicht nur aus finanziellen Gründen bereitet den Krankenkassen die Vielzahl der Operationen Kopfzerbrechen. So sagte der Krankenkassen-Vorsitzende der KKH-Allianz Ingo Kailuwei, "die deutlichen Steigerungen innerhalb weniger Jahre erfüllen uns mit einiger Sorge". Viele Krankenhäuser erleben derzeit schwierige Zeiten und Finanzsorgen. Werden deshalb wohl möglich Patienten vielfach operiert, obwohl sanftere oder weniger schwerwiegende Behandlungen eigentlich viel effektiver wären. Hier „drängt sich der Verdacht auf, dass nicht immer nur zum Wohle des Patienten entschieden wird“, sagt auch Kassenchef Kailuwei. Vielfach können nämlich Operationen die Beschwerden verschlimmern, gerade im Lenden- und Wirbelbereich, wie unlängst auch renommierte Ärzte des Portals „Unnötige Operationen“ mahnten.

Spezialisierungen der Kliniken gefordert
Der Kassenvorsitzende fordert daher ein stärke Spezialisierung der Krankenhäuser, um die Qualität der Therapien zu steigern. „Es ist weder unter qualitativen noch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sinnvoll, jedes Krankenhaus als Gemischtwarenladen mit sämtlichen Leistungen zu betreiben“, mahnte Kailuweit. Demnach sollten Kliniken therapeutische Schwerpunkte bilden, um „bei speziellen Krankheitsbildern hochprofessionelle Hilfe anzubieten.“

Am rasantesten stiegen die Zahlen in Hamburg. Hier wurden fachübergreifend 36 Prozent mehr medizinische Eingriffe registriert, als noch 2006. Kritiker sehen hierin ein Zeichen für die fortschreitende Privatisierung des Gesundheitswesen. Statt um die Gesundheit des Patienten geht es oft nur noch ums Geld. (sb)