Zweitjob bei Frauen zu Existenzsicherung

Heilpraxisnet

Immer mehr Deutsche gehen einem Neben-Minijob nach

23.05.2014

Viele Deutsche haben einen Zweitjob, wobei gerade Frauen oft auf den Zweitjob angewiesen sind, um ihr ansonsten zu geringes Einkommen aufzubessern, berichtet die Hans-Böckler-Stiftung. Zwar gehen „insgesamt in etwa gleich viele Männer und Frauen einer geringfügigen Nebenbeschäftigung nach“, doch die Beweggründe sind äußerst unterschiedlich.

In ihrer aktuellen Studie haben die Berliner Sozialforscherin Dr. Tanja Schmidt und Dr. Dorothea Voss von der Hans-Böckler-Stiftung die Entwicklung der Neben-Minijobs, die Beweggründe für den Zweitjob und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt auf Basis der Daten des Sozio-oekonomischen Panels der Jahre 2004 bis 2011 untersucht. Seit dem Jahr 2004 sei die Zahl der Neben-Minijobber (mit einem Verdienst von heute maximal 450 Euro) um rund eine Million gestiegen – von 1,66 Millionen auf 2,59 Millionen. Insbesondere Frauen sind zur Existenzsicherung oftmals zusätzlich zu einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis auf einen Zweitjob angewiesen, wohingegen Männer den Minijob eher als willkommene Möglichkeit des Zuverdienstes nutzen.

Frauen in Teilzeitbeschäftigung benötigen Zweitjob zur Existenzsicherung
In Bezug aus die Beschäftigungsverhältnisse der Frauen, stellten die Forscherinnen fest, das diese häufig in Teilzeit arbeiten, wenn sie einen Zweitjob annehmen. Der Nebenjob sei dabei oftmals unfreiwillig, denn „Neben-Minijobberinnen äußern häufiger den Wunsch nach einer längeren Arbeitszeit in der Haupttätigkeit als Beschäftigte, die keinen Zweitjob haben“, berichtet die Hans-Böckler-Stiftung. Die Frauen würden vor allem zur Existenzsicherung eine zweite Beschäftigung aufnehmen. Sie haben in der Regele ein geringeres Einkommen in der Haupttätigkeit als Männer beziehungsweise müssen sich mit einem niedrigeren Stundenlohn begnügen und arbeiten häufiger in Teilzeit. „Je höher das individuelle Einkommen einer Frau ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zusätzlich einen Minijob ausübt“, so die Mitteilung der Stiftung. Für die Neben-Minijobberinnen habe der verwendete Datensatz einen durchschnittlichen Bruttostundenlohn in der Hauptbeschäftigung von 14,47 Euro ergeben, wohingegen dieser bei Männer durchschnittlich 18,42 Euro erreichte.

Scheidung als Ursache für den Zweitjob bei Frauen
Anlass für die Aufnahme eines Zweitjobs bei Frauen ist den Ergebnissen der aktuellen Studie zufolge oftmals eine Trennung vom Ehepartner, die den Zuverdienst „ökonomisch notwendig“ macht. Wenn die Frauen bei einer Scheidung „aus dem materiell einebnenden Status der Ehe herausfallen oder herausgehen, stehen sie vor der Notwendigkeit, fehlendes Einkommen durch die Aufnahme einer geringfügigen Nebenbeschäftigung zu kompensieren“, schreiben Dr. Tanja Schmidt und Dr. Dorothea Voss. Hier werde deutlich, dass der institutionelle Rahmen in Deutschland nicht geeignet sei, um Frauen bei drastischen Veränderungen im Lebensverlauf vor Armut zu schützen.

Männer nutzen Zweitjob als Zuverdienst
Männer gehen den Ergebnissen der Forscherinnen zufolge in der Regel nicht aus Gründen der Existenzsicherung einem Neben-Minijob nach. Die Minijobber zählen zur Gruppe der finanziell Bessergestellten und „mehr als die Hälfte der Männer mit einer geringfügigen Nebentätigkeit findet sich in den beiden oberen Fünfteln der Einkommensverteilung“, berichtet die Hans-Böckler-Stiftung. Die Studienautorinnen gehen davon aus, dass „unter den männlichen Neben-Minijobbern vor allem qualifizierte Facharbeiter“ zu finden sind, „die neben ihrer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung Interesse an einem Zuverdienst haben.“

Minijob zur Abwicklung von Überstunden?
Die Forscherinnen sehen den Anstieg der Neben-Minijobs durchaus kritisch, da diese von Steuern und Sozialabgaben befreiten, staatlich subventionierten Beschäftigungsverhältnisse ihrer Ansicht nach die Situation auf dem Arbeitsmarkt verzerren. Wenn „gerade in Regionen, in denen fast Vollbeschäftigung herrscht, die Zahl der Minijobs (steigt) – zum Beispiel in Baden-Württemberg“, stellt sich nach Ansicht der Studienautorinnen „die Frage, ob steuer- und sozialversicherungspflichtige Überstunden teilweise über abgabenfreie Neben-Minijobs abgewickelt werden.“ Dieser Eindruck habe sich auch bei der branchenspezifischen Auswertung der Daten bestätigt.

Kritische Entwicklung in mehreren Branchen
Insbesondere Branchen mit vielen Teilzeitjobs weisen den Studienergebnissen zufolge auch eine hohe Quote an Neben-Minijobs auf. So seien Neben-Minijobberinnen in ihrer Hauptbeschäftigung am häufigsten in den drei Branchen „Erziehung, Unterricht, Forschung“, „Gesundheits- und Sozialwesen“ sowie „Öffentliche Verwaltung, Sozialversicherungen, Interessenvertretung“ tätig gewesen. Das Entgeltniveau habe dabei im unteren bis mittleren Bereich gelegen, „so dass insbesondere für Teilzeitbeschäftigte angenommen werden kann, dass sie in der Haupttätigkeit kaum ein existenzsicherndes Einkommen erzielen können“, schreiben Schmidt und Voss. Das „Gesundheits- und Sozialwesen“ und der Bereich „Erziehung, Unterricht, Forschung“ seien „besonders auffällige Branchen im Geschehen um Neben-Minijobs“, berichten die Forscherinnen weiter. Denn hier würden viele Neben-Minijobber den gleichen Beruf in Haupt- und Nebentätigkeit ausüben.

Missbrauch der Neben-Minijobs?
Die Studienautorinnen kommen zu dem Schluss, dass überprüft werden muss, ob der steuer- und sozialversicherungsrechtliche Sonderstatus der Minijobs die problematische Aufspaltung von Arbeitszeitvolumen in sozialversicherungspflichtige und geringfügige Beschäftigung beschleunigt. Die aktuelle Entwicklung sei insbesondere für Frauen „ein prekärer Pfad“, da die Neben-Minijobs im Hinblick auf die erworbenen Ansprüche an das soziale Sicherungssystem deutliche Nachteile gegenüber einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung aufweisen. (fp)

Bild: Uschi Dreiucker / pixelio.de