Während bisher die Annahme galt, dass vorwiegend Jungen von Autismus-Spektrum-Störungen betroffen sind, zeigen neue Forschungsergebnisse bei Mädchen und jungen Frauen eine vergleichbare Inzidenz. Sie erhalten ihre Diagnose allerdings oftmals erst im Erwachsenenalter.
Ein internationales Forschungsteam hat die Veränderungen bei den Diagnosen von Autismus-Spektrum-Störungen unter Männern und Frauen über einen Zeitraum von 35 Jahren untersucht und dabei eine deutlich höhere Inzidenz unter den Frauen nachgewiesen, als bisher vermutet. Die entsprechenden Studienergebnisse sind in dem Fachmagazin „BMJ“ veröffentlicht.
Anstieg der Autismus-Spektrum-Störungen
In den vergangen Jahrzehnten war nicht nur in Deutschland, sondern in vielen europäischen Ländern und auch in den USA ein deutlicher Anstieg der Diagnose von Autismus-Spektrum-Störungen wie dem frühkindlichen Autismus, atypischem Autismus oder dem Asperger-Syndrom zu verzeichnen.
Dabei galten die Autismus-Spektrum-Störungen lange als eine Erkrankung, die mit einem Verhältnis vier zu eins vorwiegend Jungen betrifft, berichtet das Forschungsteam.
Hier könnten jedoch die typischerweise besseren sozialen und kommunikativen Fähigkeiten von Mädchen zu eine Unterdiagnose führen und bisher habe keine große bevölkerungsbasierte Studie die Trends bei den Diagnosen von Autismus-Spektrum-Störung über den gesamten Lebensverlauf untersucht.
Geschlechtsspezifische Diagnosen untersucht
Anhand der Daten von knapp 2,8 Millionen schwedischen Kindern, die zwischen 1985 und 2020 geboren wurden und für die Daten bis zu einem Alter von maximal 37 Jahren vorlagen, analysieren die Forschenden nun das geschlechtsspezifische Auftreten von Autismus-Spektrum-Störungen in den verschiedenen Altersstufen.
In dem Beobachtungszeitraums wurde bei 78.522 Teilnehmenden (2,8 Prozent) eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert, wobei das im Durchschnittsalter der Diagnose insgesamt bei 14,3 Jahren lag, berichtet das Team.
Mädchen erhalten Diagnose häufig erst später
Mit jedem Fünfjahresintervall im Kindesalter sei die Diagnosehäufigkeit gestiegen und bei Jungen habe sie ihren Höhepunkt im Alter von 10 bis 14 Jahren erreicht, während bei Mädchen die meisten Diagnosen im Alter von 15 bis 19 Jahren gestellt wurden, so die Fachleute weiter.
Zwar waren bei den Jungen im Kindesalter Autismus-Diagnosen wesentlich häufiger, doch in der Adoleszenz holten Mädchen laut den Forschenden deutlich auf, so dass im Alter von 20 Jahren fast die gleiche Inzidenz erreicht wurde.
Insgesamt ist im Laufe der Zeit das Verhältnis von Jungen zu Mädchen bei den Diagnosen der Autismus-Spektrum-Störungen gesunken und der Anteil betroffener Mädchen könnte deutlich höher liegen, als lange vermutet.
Diese Erkenntnis unterstreicht nach Ansicht des Forschungsteams die Notwendigkeit, zu untersuchen, warum Autismus-Spektrum-Störungen bei Mädchen und Frauen tendenziell später diagnostiziert werden als bei Jungen und Männern. (fp)
Autoren- und Quelleninformationen
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- Caroline Fyfe, Henric Winell, Joseph Dougherty, David H. Gutmann, Donald O. Schnuck Alexander Kolevzon, Natasha Marrus, Kristina Tedroff, Tychele N. Turner, Lauren A. Weiss, Benjamin H K. Yip, Weiyao Yin, Sven Sandin: Time trends in the male to female ratio for autism incidence: population based, prospectively collected, birth cohort study; in: BMJ (veröffentlicht 04.02.2026), bmj.com
- Anne E. Cary: Towards the equal recognition of autism in girls and women; in: BMJ (veröffentlicht 04.02.2026), bmj.com
- Kinder- und Jugendärzte im Netz: Autismus: Vermutlich Anzahl betroffener Mädchen ähnlich hoch wie bei Jungen (veröffentlicht 30.03.2026), kinderaerzte-im-netz.de
- Neurologen und Psychiater im Netz: Was sind Autismus-Spektrum-Störungen? (Stand 01.04.2026), neurologen-und-psychiater-im-netz.org
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