Allergien in der Kindheit erhöhen die Gefahr für psychische Krankheiten

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Psychische Erkrankungen: Krankheitsanfälligkeit entwickelt sich schon im Kindesalter

In einer neuen Studie hat sich gezeigt, dass gehäufte Allergien in der Kindheit das Risiko für psychische sowie chronisch entzündliche Erkrankungen im Erwachsenenalter erhöhen. Die neuen Erkenntnisse sind eine weitere Bestätigung der Hygienehypothese.


Allergien haben stark zugenommen

„Die so genannte Hygienehypothese, auch Bauernhof- oder seltener Urwaldhypothese genannt, beruht auf der Beobachtung, dass Allergien bzw. atopische Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten in den Industrieländern und hier vor allem unter Stadtbewohnern stark zugenommen haben“, heißt es auf dem Portal „Allergieinformationsdienst“. Von dieser Hypothese ausgehend, untersuchte eine Gruppe von Schweizer Forschenden nun Daten von fast 5.000 Personen und stellten dabei fest, dass traumatisierte Kinder und Kinder mit mehreren Allergien im Erwachsenenalter eher an chronischen Entzündungskrankheiten und psychischen Beeinträchtigungen leiden.

Personen, die im Kindesalter an Allergien litten, haben im Erwachsenenalter ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen. (Bild: Zlatan Durakovic/fotolia.com)

Immunsystem wird in der Kindheit geformt

Das menschliche Immunsystem wird schon in der Kindheit geformt: Die sogenannte Hygienehypothese liefert dazu eine vielbeachtete Perspektive, heißt es in einer Mitteilung der Universität Zürich (UZH).

Diese Hypothese besagt, dass eine bessere Hygiene, Veränderungen in der Landwirtschaft und die Verstädterung dazu geführt haben, dass unser Immunsystem mit manchen Mikroben weniger oft oder erst später im Leben in Kontakt kommt.

Als negative Folgen dieser Entwicklung werden eine Zunahme von chronisch entzündlichen Erkrankungen, von Allergien und psychischen Erkrankungen wie Depressionen vermutet.

In Studien konnten auch bereits einige dieser Annahmen bestätigt werden. So stellten Schweizer Forscher fest, dass das Leben auf einem Bauernhof vor Allergien schützt.

Schwedische Wissenschaftler wiederum fanden heraus, dass Haustiere das Allergierisiko bei Kindern senken.

Und in einer US-amerikanischen Untersuchung zeigte sich, dass Hausstaub Stadtkinder vor Allergien schützt.

Fünf unterschiedliche Gruppen

Wissenschaftler der Universitäten Zürich und Lausanne untersuchten nun von der Hygienehypothese ausgehend die epidemiologischen Daten einer Kohorte von knapp 5.000 Mitte des 20. Jahrhunderts geborenen Personen.

Sie konzentrierten sich dabei auf die Koinzidenz von Allergien, viralen und bakteriellen Krankheiten sowie psychosozialen Belastungen in der Kindheit.

Aus den frühen Krankheitsmustern identifizierten die Forschenden fünf unterschiedliche Gruppen, die sie anhand biologischer Marker (weiße Blutkörperchen, Entzündungsmarker) charakterisierten und in einem weiteren Schritt mit chronischen Entzündungskrankheiten sowie psychischer Störungen im Erwachsenenalter in Verbindung brachten.

Die Ergebnisse der Studie wurden vor kurzem im Fachmagazin „BMC Medicine“ veröffentlicht.

Die Hauptgruppe, die fast 60 Prozent der untersuchten Menschen umfasste, verfügte über ein unauffälliges, „neutrales“ Immunsystem. Ihre Krankheitsbelastung im Kindesalter war vergleichsweise niedrig.

Noch stärker traf dies für die zweitgrößte Gruppe mit über 20 Prozent der Personen zu: Sie zeigte ein besonders widerstandsfähiges, „resilientes“ Immunsystem.

Selbst Symptome typischer und zu jener Zeit unvermeidbarer Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln manifestierten sich in dieser Gruppe deutlich weniger als in der neutralen Gruppe.

Der resilienten Gruppe stehen drei kleinere Gruppen gegenüber: In der „atopischen“ Gruppe (7 Prozent) traten mehrere allergische Erkrankungen auf.

Die ungefähr gleich große „gemischte“ Gruppe (rund 9 Prozent) war gekennzeichnet durch einzelne allergische Erkrankungen – etwa Medikamentenallergien – sowie bakterielle und mit Hautausschlägen einhergehende Kinderkrankheiten wie Scharlach, Keuchhusten oder Röteln.

Die kleinste der fünf Gruppen (rund 5 Prozent) umfasste Personen, die in der Kindheit traumatisiert wurden. Sie waren anfälliger für allergische Erkrankungen, reagierten aber vergleichsweise resilient bei typischen viralen Kinderkrankheiten.

Hygienehypothese bestätigt

Laut der Mitteilung der Uni ergaben vergleichende Analysen, dass die neutrale und die resiliente Gruppe bei älteren Jahrgängen häufiger vertreten sind als bei jüngeren.

Genau entgegengesetzt verhielt es sich aber mit der atopischen Gruppe: Diese hat bei jüngeren Jahrgängen zugenommen.

„Damit bestätigt unsere Studie die Hygienehypothese“, so Erstautor Vladeta Ajdacic-Gross von der UZH, „geht zugleich aber über diese hinaus“.

Denn Unterschiede zwischen den Gruppen manifestierten sich auch hinsichtlich der späteren Gesundheit.

Den Angaben zufolge waren Personen, die zur resilienten Gruppe gehören, im Erwachsenenalter nicht nur vor chronischen Entzündungskrankheiten, sondern auch vor psychischen Beschwerden besser geschützt.

Wer hingegen der atopischen oder der gemischten Gruppe angehörte, war später einem erhöhten Krankheitsrisiko ausgesetzt – sowohl im somatischen als auch im psychischen Bereich.

Auch die traumatisierte Gruppe zeigte eine höhere Anfälligkeit für psychische Erkrankungen im Erwachsenenalter und – allerdings nur bei den Frauen – ein höheres Risiko für chronische Entzündungskrankheiten.

„Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Immunsystem wie eine Schaltstelle zwischen somatischen und psychischen Prozessen funktioniert“, sagte Ajdacic-Gross.

„Sie helfen uns zu verstehen, weshalb auch viele Menschen ohne psychosoziale Vorbelastungen von psychischen Beschwerden eingeholt werden und weshalb umgekehrt traumatisierte Personen zu chronischen Entzündungskrankheiten neigen.“ (ad)