Bei Dissozialität zeigt sich eine reduzierte Hirnaktivität bei Teenagern

Studie: Veränderte Hirnaktivität bei sozial auffälligen Jugendlichen

In einer aktuellen Studie hat sich gezeigt, dass Mädchen mit problematischem Sozialverhalten eine reduzierte Hirnaktivität zeigen. Die neuen Erkenntnisse bieten eine neurobiologische Erklärung für die Schwierigkeiten der Betroffenen, ihre Gefühle zu kontrollieren, und liefern Impulse für die Therapie.


Ungünstige psychische Entwicklung

Störungen des Sozialverhaltens zählen in Europa zu den häufigsten Gründen für eine Anmeldung in kinder- und jugendpsychiatrischen Fachstellen. Diese Störungen sind durch oppositionelles, aggressives und dissoziales Verhalten (Dissozialität) gekennzeichnet und häufig mit einer ungünstigen psychischen Entwicklung verbunden. Bei Betroffenen besteht ein hohes Risiko für Schulabbrüche, fehlende berufliche Integration, die Entwicklung von psychischen Erkrankungen oder Kriminalität. In einer Studie wurde nun festgestellt, dass Jugendliche mit problematischem Sozialverhalten eine reduzierte Hirnaktivität und eine schwächere Vernetzung zwischen Hirnregionen, die für die Emotionsregulation relevant sind, zeigen.

Forschende fanden heraus, dass Mädchen mit problematischem Sozialverhalten eine reduzierte Hirnaktivität und eine schwächere Vernetzung zwischen Hirnregionen, die für die Emotionsregulation relevant sind, zeigen.(Bild: Syda Productions/fotolia.com)

Störung des Sozialverhaltens

Wie die Universität Zürich (UZH) in einer Mitteilung schreibt, durchlaufen wir in unserer Jugend eine Vielzahl körperlicher und psychischer Veränderungen, die mit einer erhöhten Emotionalität einhergehen.

Für das soziale Funktionieren im Alltag und auch für das eigene körperliche und mentale Wohlbefinden ist es wichtig, diese Gefühle erkennen, verarbeiten und kontrollieren zu können.

Teenagern, die an einer Störung des Sozialverhaltens leiden, fällt dieser Prozess schwer, was zu antisozialen, oft aggressivem und klar von der Alternsnorm abweichenden Reaktionen führt: beispielsweise zu Fluchen, Zuschlagen, Stehlen oder Lügen.

Ein internationales Team von Forschenden aus der Schweiz, Deutschland und England konnte nun mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie nachweisen, dass sich diese Schwierigkeiten auf der Verhaltensebene auch in der Hirnaktivität widerspiegeln.

Weniger Aktivität in bestimmten Hirnregionen

In der im Fachmagazin „Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging“ veröffentlichten Studie untersuchten die Wissenschaftler die Gehirnfunktion von knapp 60 weiblichen Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren, die Strategien der bewussten Emotionsregulation anwendeten.

Die Hälfte der Gruppe wies eine diagnostizierte Störung des Sozialverhaltens auf, die andere Hälfte eine normale Sozialentwicklung.

Bei den Teenagern mit einem problematischem Sozialverhalten zeigte sich in den präfrontalen und temporalen Hirngebieten, welche die kognitiven Kontrollprozesse steuern, weniger Aktivität.

Diese Bereiche waren auch weniger gut mit weiteren Hirnregionen vernetzt, die für die Emotionsverarbeitung und die kognitive Kontrolle wichtig sind.

„Unsere Resultate bieten erstmals einen neuronalen Erklärungsansatz für Emotionsregulationsschwierigkeiten von Mädchen mit auffälligem Sozialverhalten“, so Erstautorin und UZH-Professorin Nora Raschle.

„Die unterschiedliche neuronale Aktivität in den beiden Versuchsgruppen kann auf fundamentale Differenzen bei der Gefühlsregulation hinweisen“, erklärt die Expertin.

„Sie ist möglicherweise aber auch auf eine verzögerte Hirnentwicklung bei den Versuchsteilnehmerinnen mit problematischem Sozialverhalten zurückzuführen.“

Bessere Emotionsregulation

Wie in der Mitteilung erklärt wird, wird in der Behandlung betroffener Jugendlicher meist auf mehreren Ebenen gearbeitet: an der Emotionskontrolle ebenso wie am Erkennen, Verarbeiten und Ausdrücken von Emotionen.

„Unsere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass ein verstärkter Fokus die Emotionsregulation hilfreich sein könnte“, sagt Raschle. Zukünftige Studien sollen zudem die Wirksamkeit spezifischer Therapieformen prüfen:

„In Hinblick darauf werden wir kognitiv-verhaltensbezogene Interventionsprogramme anwenden, die auf eine bessere Emotionsregulation bei Mädchen mit problematischem Sozialverhalten abzielen“, erklärt Letztautorin Christina Stadler von den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken in Basel.

Zu untersuchen bleibt, ob männliche Teenager mit einer Störung des Sozialverhaltens ähnliche Hirnaktivitäten während der Emotionsregulation zeigen.

Dem Forschungsteam zufolge mehren sich die Hinweise, dass die neuronalen Ausprägungen von auffälligem Sozialverhalten geschlechtsspezifisch sein könnten.

„Die meisten Studien fokussieren jedoch – anders als unsere – auf junge Männer, weshalb das bisherige neurobiologische Wissen eher auf sie zugeschnitten ist“, erläutert Raschle. (ad)