Bislang unbekannte Risikofaktoren für Schizophrenie, ADHS und Autismus entdeckt

Wie Risikoschwangerschaften sich auf neurologische Entwicklungsstörungen auswirken

Eine aktuelle Studie berichtet von der Rolle der mütterlichen Plazenta als bislang unbekanntes Bindeglied zwischen den Genen und der Entwicklung möglicher neurologischer Entwicklungsstörungen wie Schizophrenie, ADHS, Autismus, Dyslexie und Tourette-Syndrom. Den an der Studie beteiligten Forschern zufolge gibt es einen starken Zusammenhang zwischen Komplikationen während der Schwangerschaft, bestimmten genetischen Vorbedingungen und der Entwicklung psychischer Erkrankungen. Gesteuert wird dieser Zusammenhang offenbar über die Plazenta.


Anhand der Forschungsergebnisse lässt sich zukünftig genauer vorhersagen, wer von psychischen Erkrankungen bedroht ist. Außerdem ermöglicht die Arbeit neue Therapieansätze um psychische Erkrankungen zu verringern oder gar zu verhindern. Dabei spielt die bislang völlig vernachlässigte Plazenta eine zentrale Rolle. Die Studie wurde von Forschern des „Lieber Institute for Brain Development“ (LIBD) in Baltimore durchgeführt und kürzlich im Fachjournal „Nature Medicine“ publiziert.

Eine neue Studie zeigt den Zusammenhang zwischen Plazenta, bestimmten genetischen Bedingungen und Schwangerschaftskomplkationen. Diese Kombination erhöht das Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen enorm. (Bild: unlimit3d/fotolia.com)

Die Plazenta hat in der Mythologie schon immer einen hohen Stellenwert

In alten Bräuchen und auch bei vielen Naturvölkern wird der Plazenta eine heilende oder glückbringende Wirkung nachgesagt. So wurde sie beispielsweise in Form von Pulver oder als Essenz zu Heilmittel verarbeitet oder im Garten vergraben und ein Baum darauf gepflanzt. Auch die Homöopathie nutzt die Plazenta als Heilmittel. Aus wissenschaftlicher Sicht spielte der Mutterkuchen bislang eine untergeordnete Rolle, doch die jüngsten Forschungsergebnisse könnten das ändern.

Frühe Komplikationen in der Schwangerschaft

„Zum ersten Mal haben wir eine Erklärung für den Zusammenhang zwischen Frühkomplikationen, genetischem Risiko und ihren Auswirkungen auf psychische Erkrankungen gefunden“, erläutert der LIBD-Leiter Daniel R. Weinberger in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen. Dabei offenbarte sich, dass die Plazenta einen zentralen Beitrag zu dieser Entwicklung leistet. In früheren Studien zu diesem Thema wurden nur bestimmte genetische Vorbedingungen als Risiko für psychische Erkrankungen betrachtet.

Welche Rolle spielt die Plazenta?

Die Plazenta versorgt das Embryo mit Nährstoffen und Chemikalien, die für die normale pränatale Entwicklung entscheidend sind. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass viele Gene, die mit dem Risiko für Schizophrenie assoziiert sind, indirekt die frühe Gehirnentwicklung zu verändern scheinen, indem sie die Plazenta beeinflussen. Bei Komplikationen in der Schwangerschaft werden diese Gene aktiv.

Schizophrenie und der Mutterleib

Seit mehr als 25 Jahren gehen Forscher davon aus, dass sich das Risiko für eine neurologische Entwicklungsstörung wie Schizophrenie bereits während der Schwangerschaft und kurz nach der Geburt bildet. Bislang nahmen Wissenschaft an, dass allein die genetischen Varianten für diese Entwicklung verantwortlich sind. Die biologischen Mechanismen waren jedoch kaum verstanden. Die jüngste Studie zeigt, dass die Kombination von Schwangerschaftskomplikationen und bestimmten genetischen Varianten das Risiko für bestimmte neurologische Entwicklungsstörungen um mindestens das fünffache erhöht.

Ablauf der Studie

Die Forscher in Baltimore untersuchten über 2800 erwachsene Personen, von denen 2038 Schizophrenie hatten. Die Probanden waren verschiedener ethnischer Herkunft und stammte von unterschiedlichen Kontinenten, einschließlich Nordamerika, Europa und Asien. Alle wurden einer genetischen Untersuchung unterzogen. Weiterhin wurde die Geburtsgeschichte der Teilnehmer betrachtet. Die Forscher fanden eine starke Interaktion zwischen Schwangerschaftskomplikation und Genen, die mit einem Risiko für Schizophrenie assoziiert sind.

Schwangerschaftskomplikationen und genetische Vorbedingungen

Die Forscher zeigten, dass Personen mit einem hohen genetischen Risiko, bei denen es zu schweren Komplikationen während der Schwangerschaft kam, eine mindestens fünffach größere Wahrscheinlichkeit aufwiesen, eine Schizophrenie zu entwickeln, im Vergleich zu Personen mit einem ähnlich hohen genetischen Risiko, bei denen aber keine Schwangerschaftskomplikationen auftraten. In Versuchen stellten die Wissenschaftler fest, dass während der Komplikationen die für Schizophrenie verantwortlichen Gene aktiv sind und in Folge dessen auch die Plazenta verstärkt unter Stress gerät und beispielsweise mehr entzündliche Reaktionen zeigt.

Plazenta als neues Herzstück der Forschung

Permanenter Stress der Mutter wirkt über das Fruchtwasser aufs Baby ein. Dies zeigte bereits eine Züricher Forschergruppe im Jahr 2017. „Die überraschenden Ergebnisse dieser Studie machen die Plazenta zum Herzstück eines neuen Bereichs biologischer Forschung im Zusammenhang mit der Interaktion von Genen und Umwelt“, resümiert Weinberger. In kommenden Studien sollen nun neue Ansätze für therapeutische Behandlungen und Präventionsstrategien getestet werden, bei denen die Plazenta eine zentrale Rolle einnimmt. (vb)