Gesundheit: Weniger Reinlichkeit könnte helfen, Krankheiten zurückzudrängen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Weniger Reinlichkeit – Aktuelle Hygienemaßnahmen könnten teilweise kontraproduktiv sein

Von Gesundheitsexperten wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Hygiene oft viel zu kurz kommt, und dies zur Verbreitung von Infektionskrankheiten beitragen kann. Doch laut Forschern könnten die aktuellen Hygienemaßnahmen zur Bekämpfung aggressiver Keime teilweise kontraproduktiv sein. Weniger Reinlichkeit könnte dabei helfen, Krankheiten zurückzudrängen.


Ein Zuviel an Hygiene kann schaden

Immer wieder wird darauf hingewiesen, auf richtige Küchenhygiene zu achten, um Infektionen mit gesundheitsgefährdenden Erregern zu vermeiden. Auch der Hinweis auf konsequente Handhygiene wird ständig wiederholt. Doch auch wenn es wichtig ist, sich und seine Umgebung sauber zu halten, verweisen Experten immer wieder darauf, hysterische Hygiene zu vermeiden, da ein Zuviel an Hygiene das Entstehen von Allergien begünstigt. Auch ein interdisziplinäres Forscherteam berichtet nun, dass weniger Reinlichkeit einen gesundheitlichen Nutzen bringen könnte.

Putzen mit Desinfektionsmitteln stört die natürliche Artenzusammensetzung der vorhandenen Mikroorganismen. Das könnte die Ausbreitung von Krankheitserregern sogar begünstigen. (Bild: M. Schuppich/fotolia.com)

Bisherige Strategien auf den Kopf stellen

Wenn auf unserem Körper und in unseren Häusern die gleichen Gesetze der biologischen Vielfalt wie draußen in der Natur gelten, wären unsere aktuellen Hygienemaßnahmen zur Bekämpfung aggressiver Keime teilweise kontraproduktiv.

Das berichtet ein interdisziplinäres Forscherteam vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) im Fachmagazin „Nature Ecology & Evolution“ und schlägt vor, die Rolle der Artenvielfalt verstärkt auch bei Mikroorganismen in den Ökosystemen Körper und Haus zu untersuchen.

Wie es in einer Mitteilung heißt, könnten die Erkenntnisse daraus bisherige Strategien zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten und resistenten Keimen auf den Kopf stellen.

Widerstandsfähiger gegen Krankheitserreger

Laut den Experten sind Ökosysteme wie Wiesen und Wälder mit hoher biologischer Vielfalt widerstandsfähiger gegenüber Störungen wie eindringenden gebietsfremden Arten, Klimaschwankungen oder Krankheitserregern.

Wenn man diese Vielfalt reduziert, gehen grundlegende Funktionen der Lebensgemeinschaften im Ökosystem verloren. Diese sogenannte Stabilitätstheorie wurde bereits in Hunderten von biologischen Studien belegt.

Allerdings behandelten diese vorwiegend die Welt der Tiere und Pflanzen. Betrachtet man unseren Körper oder unser Zuhause durch ein Mikroskop, eröffnet sich eine genauso vielfältige Lebensgemeinschaft aus Mikroorganismen.

Möglicherweise gelten für sie ähnliche Gesetze wie für die „großen“ Ökosysteme. Dies hätte weitreichende Konsequenzen für unsere Gesundheitsvorsorge.

Mikro-Biodiversität wird durch Antibiotika und Desinfektionsmittel bekämpft

Die Wissenschaftler vom Forschungszentrum iDiv schlagen nun vor, die Theorien aus der Ökosystemforschung auch an unserer unmittelbaren Umwelt und deren Mikroorganismen zu testen.

„Wir beeinflussen diese Mikro-Biodiversität täglich, vor allem indem wir sie bekämpfen, beispielsweise durch Desinfektionsmittel oder Antibiotika – eigentlich mit dem Ziel, die Gesundheit zu fördern“, sagte Robert Dunn, Professor an der Universität North Carolina State und der Universität Kopenhagen.

Der Ökologe verfasste den Artikel während eines einjährigen Gastaufenthaltes bei iDiv gemeinsam mit iDiv-Wissenschaftler Nico Eisenhauer, Professor an der Universität Leipzig.

„Diese Eingriffe in mikrobielle Artzusammensetzungen könnten die natürliche Eindämmung von Krankheitserregern behindern“, meinen die Forscher.

Mikroorganismen bilden eigene Ökosysteme

Nach dem ökologischen Nischenmodell teilen sich Pflanzen oder Tiere die vorhandenen Ressourcen in ihrem Lebensraum auf, wobei Arten mit ähnlichen Bedürfnissen miteinander konkurrieren.

Neu hinzukommende Arten haben es daher schwer, sich zu etablieren, zumindest in einem stabilen Ökosystem. Auf artenarmen oder vom Menschen gestörten Standorten können sich gebietsfremde Arten allerdings wesentlich leichter breitmachen.

Auch Mikroorganismen bilden eigene Ökosysteme. Es sind bislang mehr als zweihunderttausend Arten bekannt, die in menschlichen Behausungen sowie auf und in menschlichen Körpern leben.

Die Hälfte davon machen Bakterien in menschlichen Behausungen aus, tausende Bakterienarten leben auf unseren Körpern. Dazu kommen rund vierzigtausend Pilzarten in unseren Häusern, die sich jedoch weniger auf menschlichen Körpern finden.

Ausbreitung gefährlicher Keime wird begünstigt

„Krankheitserreger in unserem Umfeld sind vergleichbar mit invasiven Organismen in der Natur“, erläuterte der Ökologe Eisenhauer.

„Überträgt man die Erkenntnisse aus den großen Lebensräumen auf die Welt der Mikroben, muss man daher befürchten, dass unsere notorische Nutzung von Desinfektionsmitteln und Antibiotika die Ausbreitung gefährlicher Keime sogar noch erhöht, weil dadurch die natürliche Artengemeinschaft gestört wird.“

Dies wurde zum Beispiel für Stäbchenbakterien der Art Clostridium difficile nachgewiesen, die Darmentzündungen mit Durchfall auslösen.

Nach der Einnahme von Antibiotika konnten sie sich schneller ausbreiten. Sogenannte Nichttuberkulöse Mykobakterien (NTMs), die einen Biofilm vorrangig an Duschköpfen bilden und teilweise Krankheiten auslösen können, kommen vor allem bei gechlortem Wasser vor.

Auf metallenen Duschschläuchen können sie sich weitgehend ungehindert vermehren, während Duschschläuche aus Kunststoff, die eine reiche Gemeinschaft an Mikroorganismen begünstigen, geringere Mengen von NTMs aufweisen.

Krankheiten vorbeugende Bakteriengemeinschaften

Bakteriengemeinschaften, die Krankheiten vorbeugen, lassen sich auch aktiv herstellen.

So fanden etwa Wissenschaftler in den 1960er Jahren heraus, dass Babys, deren Nasen und Bauchnabel mit harmlosen Stämmen des Bakteriums Staphylococcus aureus beimpft wurden, nur selten von S. aureus 80/81 besiedelt wurden.

Dieses Bakterium kann Krankheiten von Hautinfektionen bis zu lebensbedrohlichen Blutvergiftungen oder Lungenentzündungen auslösen.

Ein weiteres Beispiel sind Stuhltransplantationen: Indem man eine gesunde Gemeinschaft an Mikroorganismen von Mensch zu Mensch überträgt, ist es möglich, Darminfektionen zu behandeln.

Nur ein geringer Anteil der Mikroorganismen löst Krankheiten aus

Ist unsere Angst vor Bakterien und Co. also unbegründet und ihre reflexartige Bekämpfung sogar gefährlich?

„Wir sind keine Mediziner“, sagte Eisenhauer. „Ich würde also mit Sicherheit keinem Chirurgen empfehlen, unsteril am offenen Körper zu arbeiten“, so der Ökologe.

„Was allerdings Oberflächen anbetrifft, könnten gezielte Beimpfungen mit einer ausgesuchten Mikrobengemeinschaft die Ausbreitung gefährlicher Erreger möglicherweise verhindern.“

Wie es in der Mitteilung heißt, löst ohnehin nur ein relativ geringer Anteil der Mikroorganismen in unserem Umfeld tatsächlich Krankheiten aus.

Dies gilt auch für Insekten und andere Gliederfüßer, die in Wohnungen und Häusern in der Regel als Störenfriede betrachtet werden – allen voran Spinnen.

Diese erbringen als Räuber wichtige Ökosystemleistungen indem sie Stechmücken, Bettwanzen, Schaben oder Hausfliegen dezimieren, die wiederum Krankheiten übertragen können. „Wir müssen sie nur lassen“, sagte Robert Dunn.

Wo die Theorien aus der Biodiversitäts- und Ökosystemforschung im Gesundheitsbereich zutreffen, sollte nach Ansicht der drei Autoren systematisch untersucht werden.

Eisenhauer schlägt hierzu zum einen vor, zu testen, in welcher Mikrobengesellschaft sich gängige Krankheitserreger auf Oberflächen besser oder schlechter ausbreiten können. Längerfristig soll so die ideale Artenzusammensetzung „guter“ gegen „böse“ Mikroben gefunden werden. (ad)