Haben Diabetes und Polyneuropathie gemeinsame Ursachen?

Sebastian Bertram

Chinesische Medizin behandelt beide Erkrankungen erfolgreich

Allein in Deutschland gibt es etwa 8 Millionen Diabetiker. Wortwörtlich bedeutet Diabetes mellitus übrigens „süßer Durchlauf“ und beschreibt, dass der Blutzuckerspiegel erhöht ist. Behandelt wird in der Regel mit Zuckertabletten oder Insulin. Einen erhöhten Blutzuckerspiegel findet man jedoch oft, wenn der Diabetes noch nicht diagnostiziert wurde oder schlecht eingestellt ist. Dies kann langfristig zu Schädigungen von Nerven, der kleinen Blutgefäße und der Nieren führen. So gilt Diabetes beispielsweise als die häufigste und bekannteste Ursache der Polyneuropathie, einer Nervenerkrankung, die sich meist an den Füßen und Beinen zuerst zeigt. Etwa die Hälfte der Typ-2-Diabetiker erkranken irgendwann daran.


Vor diesem Hintergrund lassen sich auch folgende Zahlen erklären: Bis zu 11 Prozent haben bereits bei Diagnosestellung des Diabetes eine sensible Polyneuropathie. Bei Prädiabetikern, sogenannte „Noch-Gesunde“, bei denen sich der Blutzucker nur bei extremer Zuckeraufnahme erhöht, liegt die Erkrankungsrate sogar bei bis zu 20 Prozent. Das bedeutet wiederum, dass die Polyneuropathie schon da ist, bevor sich Diabetes manifestiert, insbesondere wenn Bauchumfang und Körpergewicht deutlich erhöht sind. Ein Erklärungsmodell dafür liefert die Chinesische Medizin mit dem sogenannten Tan-Konzept.

Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Hauptursache hierfür ist Arteriosklerose. Forscher arbeiten daran, arteriosklerotische Herzerkrankungen bei Diabetikern zu vermindern. (Bild: Printemps/fotolia.com)

Dr. Christian Schmincke, Experte für Chinesische Medizin und Leiter der Klinik am Steigerwald, erklärt was es damit auf sich hat: „Als ‚Tan‘ bezeichnet die Chinesische Medizin stellvertretend alle unerwünschten Substanzen, die sich den Klärungs- und Ausscheidungsaktivitäten des Körpers entziehen.“ Auch ein häufig erhöhter Blutzucker kann stoffliche Langzeitfolgen haben, die dem Tan-Konzept entsprechen. Ein erhöhter Blutzucker würde demnach zu einer Anheftung von Zuckermolekülen an körpereigene Eiweißstoffe führen. Letztere verlieren dadurch wiederum ihre biologische Funktion und sammeln sich als unerwünschte Schlackenstoffe – dem Tan – in den Geweben.

„Tan behindert den Stoffaustausch zwischen Blut und Nerven, weil es sich ansammelt und ablagert – die Nervenenden ersticken sozusagen mangels Vitalstoffzufuhr“, unterstreicht Polyneuropathie-Experte Dr. Schmincke. Eine weitere Theorie ist, dass Tan alle Transportvorgänge zwischen Blutbahn und Organen behindert. Damit würde es im Prinzip auch Insulin als Blutzuckerregulier in seiner Wirkung behindern. Diabetes und Polyneuropathie hätten damit den gleichen Ursprung in einer übermäßigen Tan-Ansammlung. „Die Ähnlichkeiten in den Ursachen von Diabetes und Polyneuropathie werden durch Erfahrungen gestützt: Beide Erkrankungen lassen sich mit ähnlichen Arzneirezepturen erfolgreich behandeln.“

Die zentrale Behandlungsmethode der fernöstlichen Medizin ist die chinesische Arzneitherapie. Mit ihr gelingt es die entzündlichen Klumpen im Gewebe aufzulösen, in die Zirkulation zu überführen und über die Schleimhäute auszuscheiden. „Wir beobachten in der Phase der Besserung einzelner Symptome der Polyneuropathie oft deutliche Veränderungen der Ausscheidungen und andere vegetative Zeichen, die auf stoffliche Entlastungsvorgänge hinweisen“, erklärt Dr. Schmincke den Therapieprozess. Dieser Heilungsprozess lässt sich durch Akupunktur und physiotherapeutische Verfahren unterstützen. Der chinesische Therapieerfolg für Polyneuropathie, die allgemein als „unheilbar“ gilt, ist gut: Etwa jedem zweiten Patienten mit schweren Verlaufsformen kann mittel- und langfristig geholfen werden. Auch bei Diabetes schlägt die Therapie gut an.