Heidelberg Skandal: Jede zweite Frau erhielt einen falschen Krebs-Befund

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Bluttest diagnostiziert bei jeder zweiten Frau fälschlicherweise Krebs

Ein Bluttest aus Heidelberg sorgte kürzlich für Aufsehen. Der Test hatte eine dermaßen hohe Fehlerquote, dass er rund jeder zweiten Frau fälschlicherweise Krebs diagnostizieren würde. Ein Team des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung schaute sich den Fall genauer an und erhebt schwere Vorwürfe gegen das Forschungsteam aus Heidelberg.


„Wenn ein solcher Test zum Brustkrebs-Screening eingeführt werden würde, würden knapp die Hälfte aller gesunden Frauen in Deutschland einen verdächtigen Befund erhalten“, schreibt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Die RWI-Fachleute haben sich den Heidelberger-Bluttest-Skandal genauer angesehen und wählten den Test zur „Unstatistik des Monats“.

Bluttest-Skandal: Der Heidelberger-Bluttest zur Diagnose von Brustkrebs hätte bei jeder zweiten Frau eine falsche Krebsdiagnose gestellt. (Bild: StudioLaMagica/fotolia.com)

„Weltsensation aus Deutschland“ entpuppt sich als Mega-Flopp

Der besagte Bluttest für Brustkrebs wurde in einer Pressemitteilung der Heidelberger Universität als „Meilenstein der Brustkrebsdiagnostik“ vorgestellt. In der BILD-Zeitung schaffte es der Test auf die Titelseite und wurde als „Weltsensation aus Deutschland“ angepriesen. Der Test habe eine Trefferrate von 75 Prozent und sei bereits marktfähig.

Es ist nicht entscheidend ob man trifft, sondern was

Die Forschenden des RWI betonen jedoch, dass eine Trefferrate allein keine zuverlässige Aussage über einen Test ist. Entscheidend sei auch, die Anzahl der Falsch-Alarm-Rate. Diese wurde bei dem Heidelberger-Bluttest aber nicht kommuniziert.

Warum die Falsch-Alarm-Rate genauso wichtig wie die Trefferquote ist

Das RWI-Team verdeutlicht den Zusammenhang in einem einfachen Beispiel: „Wenn man schlicht bei jeder Frau einen Tumor diagnostiziert, dann wird jeder Tumor gefunden, aber auch jede gesunde Frau wird falsch diagnostiziert.“ Die Falsch-Alarm-Rate läge dann bei 100 Prozent, die richtige Diagnose von Krebserkrankungen läge ebenfalls bei 100 Prozent. Eine hohe Trefferquote sei somit nur beeindruckend, wenn gleichzeitig die Falsch-Alarm-Rate möglichst gering ist. Zum Vergleich: Das Mammographie-Screening habe beispielsweise eine Trefferrate von rund 80 Prozent bei einer Falsch-Alarm-Rate von fünf bis zehn Prozent.

Die Falsch-Alarm-Rate lag wissentlich bei 46 Prozent

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erhielt kürzlich Unterlagen zu einem Vortrag der Universität Heidelberg zu dem Bluttest. Die Unterlagen wurden von Professor Christof Sohn erstellt, der den Bluttest vorstellte. Aus den Folien ging hervor, dass die Falsch-Alarm-Rate bei allen getesteten Frauen bei 46 Prozent lag. Dieser Fakt wurde sowohl von der Universität als auch von der BILD-Zeitung verschwiegen.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Universität

Wäre der Test deutschlandweit zum Einsatz gekommen, dann würde bei fast jeder zweiten Frau fälschlicherweise Brustkrebs diagnostiziert werden. „Einen derart schlechten Test zu vermarkten und von den Krankenkassen bezahlen zu lassen, wie die Heidelberger Forscher ankündigten, wäre unverantwortlich“, schreiben die RWI-Fachleute in einer Pressemitteilung. Laut RWI ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim in diesem Fall. Die Universität Heidelberg habe sich entschuldigt und eine Untersuchungskommission eingesetzt.

Erst zur BILD statt zur Begutachtung

Die Expertinnen und Experten der RWI werfen den Heidelberger Forschenden vor, wissenschaftliche Standards verletzt zu haben. Statt zuvor die Studie begutachten zu lassen und diese zu veröffentlichen, sei man direkt zur BILD-Zeitung gegangen und habe eine Sensation kreiert, die Tausende Menschen in die Irre geführt habe. Die Forschenden scheinen wissentlich in Kauf genommen zu haben, dass im Falle einer gelungenen Vermarktung Millionen von Frauen eine falsche Krebsdiagnose erhalten hätten. (vb)

Wichtiger Hinweis:
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