Karpaltunnelsyndrom: Kribbeln in Fingern durch Nutzung von Smartphones

Mann hält sein schmerzendes Handgelenk

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Intensive Nutzung von Smartphones fördert vermutlich das Karpaltunnelsyndrom

Aktuelle Studien belegen, dass die intensive Nutzung von Smartphones vermutlich einen Nerven-Engpass im Handgelenk mit schmerzhaften Taubheitsgefühlen fördert, das sogenannte Karpaltunnelsyndrom (KTS).


„Drehende Bewegungen im Handgelenk verstärken das KTS, das ist bekannt“, bestätigt Professor Dr. med. Helmut Buchner von der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) in einer Mitteilung, die vom idw – Informationsdienst Wissenschaft veröffentlicht wurde. Wer häufig Kribbeln im zweiten und dritten Finger spürt, sollte unbedingt einen Neurologen aufsuchen.

Mann hält sein schmerzendes Handgelenk
In Studien hat sich gezeigt, dass die intensive Nutzung von Smartphones und Computertastaturen einen Nerven-Engpass im Handgelenk, das sogenannte Karpaltunnelsyndrom (KTS), auslösen kann. (Bild: santiago silver/fotolia.com)

Frauen sind deutlich öfter betroffen als Männer

„Das Karpaltunnelsyndrom tritt meist bei Menschen im Alter von 40 bis 70 Jahren auf. Bei Kindern ist es sehr selten. Frauen erkranken häufiger daran als Männer“, schreibt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) auf seinem Patienteninformationsportal „gesundheitsinformation.de“. „Auch Menschen, die körperlich arbeiten, haben öfter damit zu tun. Man schätzt, dass pro Jahr etwa 3 von 1000 Menschen ein Karpaltunnelsyndrom bekommen“, so die Experten.

Mediziner wissen seit langem, dass Karpaltunnel-Beschwerden durch intensive Handarbeit entstehen können. „Bei Fleischern etwa gilt das KTS als Berufskrankheit“, erklärt Buchner. „Die drehenden Bewegungen im Handgelenk mit dem Messer fördern den Nerven-Engpass.“ Die gilt auch für intensives Stricken oder Reinigungskräfte, die unablässig Wäsche auswringen.

„Insofern ist es plausibel, dass der dramatische Mehrgebrauch von Smartphones und Computertastaturen ein KTS auslösen kann, auch wenn dies bisher nur Studien aus Asien belegen“, so der Neurologe. „Ich kann keinen Grund erkennen, warum es bei uns anders sein sollte.“

Wie in der Mitteilung erläutert wird, gerät beim Karpaltunnel-Syndrom der Nervus medianus unter Druck, der an einer Engstelle durch das Handgelenk führt. Ursache ist meistens eine Schwellung, die durch belastende Bewegungen entsteht, ferner durch nächtliches Schlafen mit abgeknickten Handgelenken, starke Gewichtszunahme oder hormonelle Einflüsse wie Schwangerschaft und Wechseljahre.

„Frauen sind drei bis vier Mal häufiger als Männer betroffen“, erläutert Buchner. „Schon aufgrund ihres Monatszyklus können Schwellungen leichter entstehen.“ Die Schwellung führt oft zu Entzündungen, die wiederum Vernarbungen hervorrufen können, was die Durchblutung weiter verschlechtert und die Schwellung befördert.

Erste Symptome sind ein Kribbeln in den Spitzen der ersten drei Finger, vom Daumen bis zum Mittelfinger. „Das Kribbeln fühlt sich elektrisierend und brennend an“, erklärt Buchner. Wenn man die Hände schüttelt, verschwinden die Missempfindungen häufig. Im weiteren Verlauf können Schmerzen auftreten, die nachts sogar bis in den Arm ziehen.

„Zum Schluss kann das Kribbeln in ein permanentes Taubheitsgefühl übergehen und sich die Muskulatur am seitlichen Daumenballen der betroffenen Hand zurückbilden“, so der DGKN-Experte.

Zwei einfache Tests helfen bei der Diagnose

Um zu klären, ob ein KTS vorliegt, erfragt der Neurologe beim Patienten zunächst Vorgeschichte und Beschwerden. Dann folgen meist zwei einfache Tests. Beim Phalen-Test presst der Patient die Handflächen wie beim Beten aneinander und knickt zugleich die Handgelenke im 90-Grad-Winkel ab.

„Mit dieser Haltung provoziert man die Enge“, erläutert Buchner. „Tritt nach zwei Minuten kein Kribbeln auf, liegt kein KTS vor.“ Beim Hoffmann-Tinel-Zeichen beklopft der Arzt den Mediannerv in der Innenseite des Handgelenks mit dem Finger. Wenn das zum Kribbeln in den Fingerspitzen führt, ist dies ein Hinweis auf ein KTS.

Eine eindeutige Aussage erlaubt die elektrische Diagnostik, die Elektroneurographie. „Mit leichten Stromimpulsen messen wir, wie viel Zeit der Mediannerv für die Weiterleitung eines Reizes benötigt“, so Buchner. Dauert es zu lange, das heißt länger als 4,2 bis 4,5 Millisekunden, hat der Nerv eine Funktionsstörung erlitten. Dann kann eine Therapie erforderlich werden. „Dafür eignet sich ein dreistufiges Vorgehen“, rät Buchner.

Verschiedene Behandlungsmethoden

Im Anfangsstadium hilft es mitunter, Belastungen zu vermeiden – etwa mit einer Handschiene, die ein Abknicken der Gelenke verhindert. „Oder durch den Verzicht auf intensive Smartphone-Nutzung, vor allem auf drehende Handgelenkbewegungen wie beim Wischen auf dem Display“, erläutert Buchner. Allerdings lösen Verhaltensänderungen die Engstelle nicht auf, räumt der DGKN-Experte ein.

Das einmalige Spritzen von entzündungshemmendem Kortison in die Engstelle schlägt oft gut an. Das Verfahren wird aber in Deutschland eher selten angewandt. „Diese Behandlung ist besonders für Schwangere geeignet, deren Hormonhaushalt sich nach der Geburt wieder umstellt“, meint Buchner. Sorgen um das ungeborene Kind sind dem Experten zufolge unbegründet: „Die Kortison-Dosis ist minimal und nur örtlich wirksam.“

Am häufigsten und am wirksamsten ist aber nach wie vor die Operation, die bei anhaltenden Beschwerden unumgänglich wird. Dabei spalten Hand- oder Neurochirurgen über einen kleineren Schnitt in örtlicher Betäubung das Bindegewebsgewebsband über dem Karpaltunnel, so dass der eingeklemmte Nerv mehr Platz bekommt und der Druck sinkt. In Deutschland erfolgen jährlich etwa 300.000 Eingriffe dieser Art.

Operation hilft nicht immer

Wie das IQWiG in einer Mitteilung auf dem Portal „gesundheitsinformation.de“ berichtet, kommt es aber vor, dass die Operation nicht ausreichend hilft. „Bei manchen Menschen bleiben die Beschwerden bestehen oder treten erneut auf. Wie die Chancen auf Besserung sind, lässt sich nicht genau vorhersagen. Dies kann unter anderem von der Dauer und Stärke der Beschwerden abhängen und davon, ob jemand weitere Erkrankungen hat“, schreibt das Institut.

Die Erfolgsaussichten sind zum Beispiel höher, wenn das Karpaltunnelsyndrom noch nicht weit fortgeschritten ist. Zwar berichten etwa 75 bis 90 von 100 Menschen noch einige Jahre nach dem Eingriff, dass ihre Beschwerden nachgelassen haben oder ganz verschwunden sind, doch dies hätte bei einigen von ihnen auch ohne Operation eintreten können.

Zudem können nach einem solchen Eingriff kleinere und größere Komplikationen auftreten. (ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.: DGKN: Kribbeln in Fingern und Händen – Nutzung von Smartphones und Nerven-Engpass-Syndrom, (Abruf: 13.08.2019), idw – Informationsdienst Wissenschaft
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Karpaltunnelsyndrom, (Abruf: 13.08.2019), gesundheitsinformation.de
  • Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Wann ist eine Operation sinnvoll oder notwendig?, (Abruf: 13.08.2019), gesundheitsinformation.de