Lepra: Älteste Krankheit der Menschheit bei Schimpansen wiederentdeckt

Bei wild lebenden Schimpansen in Afrika wurde Lepra entdeckt. Noch ist unklar, wie sich die Affen angesteckt haben. (Bild: Uryadnikov Sergey/stock.adobe.com)

Lepra bei wildlebenden Affen in Afrika entdeckt

Forschende haben bei wildlebenden Schimpansen in Afrika Lepra entdeckt. Derzeit ist noch nicht klar, wie sich die Affen angesteckt haben. Die Infektionskrankheit, die in Deutschland früher als „Aussatz“ bezeichnet wurde, stellt in manchen Weltregionen nach wie vor eine große Gesundheitsgefahr dar.

Laut einer aktuellen Mitteilung der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) haben Forschende in Guinea-Bissau und an der Elfenbeinküste im Westen Afrikas bei wildlebenden Schimpansen Lepra entdeckt. Die Infektionskrankheit gilt laut den Fachleuten als die älteste Krankheit der Menschheit.

Große Forschungs- und Wissenslücken

Lepra früher auch „Aussatz“ genannt – ist eine chronische Infektionskrankheit, die durch Bakterien mit dem Namen Mycobacterium leprae hervorgerufen wird, heißt es auf dem Portal „gesund.bund.de“ des Bundesministeriums für Gesundheit. Auch die Erreger der Tuberkulose (Mycobacterium tuberculosis) gehören zu den Mykobakterien.

Lepra ist laut der DAHW vorwiegend in den tropischen und subtropischen Ländern des Globalen Südens verbreitet.

Die Forschungs- und Wissenslücken bei dieser „biblischen Krankheit“ sind noch immer erschreckend groß und es fehlt an grundlegenden Informationen wie beispielsweise zu den Übertragungswegen.

In der Folge erkranken auch heute noch Jahr für Jahr mehr als 200.000 Menschen weltweit neu und sind dadurch von Behinderungen, Ausgrenzung und Armut bedroht.

Immer mehr deutet darauf hin: Wenn man die Krankheit Lepra endlich ausrotten will, müssen Human- und Veterinärmedizin zusammenarbeiten und sektorübergreifende Maßnahmen im Sinne des „One Health“-Ansatzes umgesetzt werden.

Funde auch schon bei anderen Tierarten

Im Jahr 2011 wurde bei Gürteltieren im Süden der USA ein spezieller Stamm des Lepra-Erregers entdeckt und 2016 wurde in der Fachzeitschrift „Science“ über Funde bei Eichhörnchen in Großbritannien und Irland berichtet. Das Mycobacterium leprae konnte auch bei Primaten in Zoos ursprünglich aus Nigeria und Sierra Leone nachgewiesen werden.

Und jetzt ein Fund bei wildlebenden Schimpansen im Cantanhez-Nationalpark von Guinea-Bissau und im Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste – anders als die anderen Tiere hatten sie sehr wahrscheinlich nie Kontakt zu einem Menschen.

„Deshalb ging man bisher davon aus, dass sich die Tiere durch Kontakt zum Menschen infiziert haben und dieser das Hauptreservoir für den Lepra-Erreger“, erläutert Dr. Fabian Leendertz, Wildtierexperte am Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin.

„Doch der Genotyp des Bakterienstamms, den wir in Stuhl- und Gewebeproben der betroffenen Affen in West-Afrika finden konnten, tritt beim Menschen äußerst selten auf. Es müsste daher andere Quellen in der Tier- und Umwelt geben.“

Auffällige Hautveränderungen

Gemeinsam mit einem Forschungsteam hatte Leendertz in Dschungelgebieten Kamerafallen aufgestellt, die Bilder von Schimpansen mit auffälligen Hautveränderungen im Gesicht und an den Extremitäten lieferten. Da das Team den Tieren nicht zu nahekommen wollte, schickte es die Bilder zur Beurteilung an den Lepra-Experten Professor Dr. August Stich, Chefarzt der Klinik für Tropenmedizin am Klinikum Würzburg Mitte, Vereinsmitglied bei der DAHW.

„Als Humanmediziner war es gar nicht so einfach, auf Basis der Fotografien eine Ferndiagnose zu erstellen, zumal Lepra in sehr unterschiedlichen klinischen Bildern auftreten kann“, so Stich. Die Bestätigung erbrachte schließlich eine Analyse von Kotproben der betroffenen Tiere. „Für die Bekämpfung der Lepra heißt das, wir dürfen uns nicht nur auf den Menschen fokussieren, sondern müssen das Tierreich mit einbeziehen.“

Eine Erkenntnis, die sich auch bei anderen sogenannten Vernachlässigten Tropenkrankheiten (Neglected Tropical Diseases, NTDs) immer mehr durchsetzt.

Denn von den aktuell 20 gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als NTDs klassifizierten Krankheiten, zu denen Lepra zählt, handelt es sich bei mindestens 14 sehr wahrscheinlich um sogenannte Zoonosen: um Krankheiten und Infektionen, die – ausgelöst durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten – von Tier zu Mensch (Zooanthroponosen) oder von Mensch zu Tier (Anthropozoonosen) übertragen werden können.

Auch bei Tuberkulose, der HIV-Infektion, Ebola oder der durch das Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelösten Krankheit COVID-19 handelt es sich um Zoonosen.

Keine Stigmatisierung wie bei Menschen

„Gerade weil man im Bereich der NTDs so wenig über die genauen Infektionswege weiß, ist der ‚One Health‘-Ansatz so wichtig“, sagt auch Dr. Saskia Kreibich, Public Health Beraterin bei der DAHW.

Ziel ist es, in den NTD-Projekten der DAHW mehr holistische und sektorübergreifende Konzepte umzusetzen, die Human- und Veterinärmedizin sowie Umweltwissenschaften zusammenbringen. „Denn wenn wir die gemeinsam genutzten Lebensräume von Tier und Mensch besser verstehen, können wir mit geeigneten Aufklärungsmaßnahmen das Risikobewusstsein und die Hygienestandards zur Prävention verbessern. Damit würden viele Übertragungen unterbunden.“

Zudem könnten gemeinsame Schulungen von Gesundheitspersonal in der Tier- und Humanmedizin einen positiven Effekt auf die Diagnostik und Behandlung von zoonotischen Erkrankungen haben.
Wie sich die Erkenntnisse der Affenforschenden genau auf die weitere Lepra-Arbeit auswirken wird, ist noch nicht abzusehen.

„In jedem Fall wurde eine weitere Brücke von der Tier- zur Humanmedizin geschlagen“, meint der RKI-Wildtierexperte Dr. Fabian Leendertz. Sein Team versucht jetzt, die Quelle des Lepra-Erregers im Dschungel in Guinea-Bissau und an der Elfenbeinküste zu finden.

Abschließend eine gute Nachricht: Bis dato konnten keine signifikanten Auffälligkeiten beim Verhalten der Herde gegenüber den von Lepra betroffenen Affen festgestellt werden, die auf eine ähnliche Stigmatisierung der Krankheit hinweisen würden, wie sie bis heute in menschlichen Gesellschaften gegenwärtig ist. (ad)

Autoren- und Quelleninformationen

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Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW): Leprafund bei Schimpansen, (Abruf: 30.01.2021), Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW)
  • Bundesministerium für Gesundheit: Lepra, (Abruf: 30.01.2021), gesund.bund.de
  • Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW): Lepra, (Abruf: 30.01.2021), Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW)
  • Charlotte Avanzi, Jorge del-Pozo, Andrej Benjak, Karen Stevenson, Victor R. Simpson, Philippe Busso, Joyce McLuckie, Chloé Loiseau, Colin Lawton, Janne Schoening, Darren J. Shaw, Jérémie Piton, Lucio Vera-Cabrera, Jesùs S. Velarde-Felix, Fergal McDermott, Stephen V. Gordon, Stewart T. Cole, Anna L. Meredith: Red squirrels in the British Isles are infected with leprosy bacilli; in: Science, (veröffentlicht: 11.11.2016), Science

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.