Messie-Syndrom: Ab dann ist Unordnung eine psychische Störung

Wann wird Unordnung zur Störung?

Wenn Menschen unkontrolliert Gegenstände in ihrer Wohnung anhäufen, bis das komplette Chaos ausbricht, sodass ein normales Leben in der Wohnung kaum noch möglich ist, dann liegt häufig eine Organisations-Defizit-Störung vor, die im Volksmund oft als Messie-Syndrom bezeichnet wird. Die Betroffenen sind nicht einfach nur unordentlich, sondern leiden unter bestimmten Erlebnissen oder gestörten sozialen Funktionen, die sie fortlaufend ins Chaos treiben. Eine Expertin berichtet über mögliche Auswege aus dem Chaos.


Allein in Deutschland sind über Helfernetzwerke und andere Institutionen 1,8 Millionen Menschen bekannt, die unter einer Organisations-Defizit-Störung leiden. Das ist allerdings nur eine grobe Schätzung. Denn laut dem Deutschen Verband für Ergotherapeuten e.V. (DVE) ist die Dunkelziffer weitaus höher. „Das Thema ist schambehaftet wie kaum ein anderes“, erläutert DVE-Ergotherapeutin Karoline Stiebler.

Hinter einer Organisations-Defizit-Störung (Messie-Syndrom) steckt mehr als nur bloße Unordnung. Oft leiden die Betroffenen unter sozialen Störungen, die sie in das Chaos treiben. (Bild: DoraZett/fotolia.com)

Fast jeder ist ein Miniaturformat-Messie

Die meisten Menschen kennen das Problem in den Grundzügen an sich selbst. In einer Schublade werden alte Eintrittskarten oder Postkarten gelagert. Kleine Mitbringsel aus Urlauben finden sich überall und alte Lieblingsklamotten verstopfen den Schrank, werden aber nicht mehr getragen. Menschen trennen sich ungern von Dingen, denen sie eine Bedeutung zuschreiben, obwohl sie kaum einen realen Gegenwert haben.

Wenn Sammelleidenschaft zur Krankheit wird

Was bei Sammlern noch einen gewissen Charme entfalten kann, wird bei Betroffenen einer Organisations-Defizit-Störung zur Qual. „Das, was sich im Außen zeigt, spiegelt das Innenleben der Betroffenen wider“, erklärt Stiebler in einer Mitteilung der DVE. Diese Menschen haben extreme Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen. Dies beeinflusse auch die Auswahl der Dinge, die behalten oder weggeschmissen werden. Neben bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen seien auch häufig Traumata oder gestörte soziale Funktionen die Ursache.

Innerseelische Gründe für die Störung

Eine weitere Theorie sieht die Gründe im innerseelischen Bereich. Beispielsweise könne sich aus einem übersteigerten Reinlichkeitsverhalten im Kindesalter eine fehlende Selbstwirksamkeit entwickeln oder eine überstrenge Erziehung führt zu einer ausgeprägten Unselbstständigkeit. Die Gründe, aus denen sich eine Organisations-Defizit-Störung entwickelt, sind vielschichtig. Die Betroffenen leiden sehr stark unter der Situation. Oft lassen sie jahrelang niemanden mehr in ihre Wohnung und haben Probleme mit ihren Partnern, Vermietern oder Nachbarn. In manchen Fällen werden sogar die Kinder vom Jugendamt aus den Familien genommen.

Mit Respekt und klaren Zielen aus dem Chaos

Ergotherapeutin Karoline Stiebler berichtet über mögliche Auswege aus dem Chaos. Aus Erfahrung weiß sie, dass man als Therapeut zunächst viel Fingerspitzengefühl benötigt, um Vertrauen zu den Betroffenen aufzubauen. „Diese Menschen haben Angst, dass man ihnen ihre Sachen wegnimmt. Das haben sie schon erlebt“, betont die Therapeutin. Sie begegnet ihren Klientinnen und Klienten auf Augenhöhe und mit Respekt, trifft klare Abmachungen mit ihnen und erarbeitet gemeinsame Ziele.

Sich mit dem Kellertrick von überflüssigen Dingen trennen

Laut Stiebler müsse zunächst die Motivation geklärt werden, warum die Betroffenen etwas ändern wollen. Mit dem sogenannten ‚Messie-House-Index‘ kann festgestellt werden, wie viel Fläche der Wohnung noch begehbar ist. Danach müsse man gemeinsam beginnen, in kleinen Schritten das Chaos zu beseitigen. Beispielsweise könne zunächst eine Kiste in der Ecke oder überflüssiges Geschirr in den Keller ausgelagert werden. Alles erfolge mit dem Einverständnis der Betroffenen. Wenn die aussortierten Dinge dann nicht nach einigen Wochen vermisst werden, trennen sich die Betroffenen oft leichter von ihnen.

Motivation fördern

Wie Stiebler berichtet, ist es für Ergotherapeuten besonders wichtig, die Motivation der Betroffenen zu stärken. Beispielsweise könne dies durch konsequentes Loben der Erfolge geschehen. Auch das ständige einflechten der Beweggründe für die Veränderung könne die Betroffenen dabei unterstützen, ihr Ziel zu erreichen. Bei Rückschlägen müsse man Verständnis zeigen. „Es ist wirklich wichtig, sich als Therapeut davon freizumachen, dass nur Resultate zählen“, so die Ergotherapeutin. Im Endeffekt komme es darauf an, welche Bedeutung Betroffene den Dingen zukommen lässt.

Therapeuten haben mehr Abstand als Familienmitglieder

„Kann der Klient Dinge nicht loslassen oder weggeben, ist das seine und nicht meine Sache“, betont Stiebler. Im Unterschied zu Angehörigen oder Freunden seien Therapeuten weniger emotional involviert. Von der Familie sei dieses professionelle Verhalten eher nicht zu erwarten. Die Aufgabe der Freunde und Familie sei eher, mit den Betroffenen in einer positiven und wertschätzenden Beziehung zu bleiben.

Wie können Veränderungen dauerhaft erhalten bleiben

Wenn mehr Ordnung in die Wohnung eingekehrt ist, müsse dafür gesorgt werden, dass diese auch gehalten werden kann. Tagespläne, Wochenpläne und Haushaltspläne können dabei helfen, die Ordnung beizubehalten. „Es gibt Selbsthilfegruppen, die sich zum Beispiel ‚Messiehilfe‘ oder ‚Messie-Selbsthilfegruppe‘ nennen. Dort werden Tipps ausgetauscht und auch Angehörige können mitkommen“, empfiehlt die Expertin. (vb)