Müssen wir uns bald von Superfoods wie Quinoa, Avocados und Co. verabschieden?

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Monokulturen bedrohen zunehmend die Ernährungsvielfalt

Quinoa aus den Anden, Avocados auf Mexiko, Limetten aus Südostasien, Goji-Beeren aus China, Chia-Samen aus Zentralamerika – noch nie war das Angebot von exotischen Lebensmitteln in deutschen Supermärkten so umfangreich wie heute. Mit einer nachhaltigen Landwirtschaft hat dies allerdings wenig zu tun, warnen Forschende, die den Wandel der weltweiten Landwirtschaft der vergangen 50 Jahre untersuchten. Der Zenit sei bereits überschritten.


Lebensmittel aus aller Welt in Hülle und Fülle. Für diesen Luxus bezahlen wir einen hohen Preis, betont ein Forschungsteam der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – und damit ist nicht das Geld gemeint. Das Team analysierte Trends der weltweiten Landwirtschaft der letzten 50 Jahre und zeigte, wie dies zur massiven Verbreitung von Monokulturen führte, die heute die Ernährungssicherheit und die Ernährungsvielfalt bedrohen. Die Studienergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift „Global Change Biology“ vorgestellt.

Der Anbau von Monokulturen hat sich in den letzten 50 Jahren massiv ausgebreitet und zu folgenschweren Konsequenzen geführt, die immer deutlicher werden. (Bild: farbkombinat/fotolia.com)

Monokulturen breiten sich weltweit stark aus

Während das Angebot in den Supermärkten immer reichhaltiger wird, verarmt die Vielfalt auf den Feldern der Welt. Eine aktuelle Analyse über die Entwicklung der Landwirtschaft im Zeitraum von 1961 bis 2016 zeigte, dass zwar immer mehr Flächen für die Landwirtschaft genutzt werden, die Vielfalt der darauf angebauten Feldfrüchte aber immer weiter abnimmt. Für die Entstehung neuer Flächen werden natürliche Wälder und Wiesen gerodet und mit einheitlicher Nutzbepflanzung versehen. Dadurch nehme die Biodiversität immer weiter ab – mit nachhaltigen Konsequenzen für Menschen, Tiere und Pflanzen.

Soja, Soja und nochmals Soja

Als Beispiel nennen die Forschenden den exzessiven Anbau von Soja. In vielen Ländern Südamerikas wird Soja in riesigen Massen produziert und anschließend als Rinderfutter nach Europa exportiert. „Weltweit ist der Sojaanbau um rund 30 Prozent pro Jahrzehnt gestiegen“, erklärt Studienleiter Professor Dr. Marcelo Aizen. Heute werde zweieinhalb mal soviel Soja angebaut, wie vor 50 Jahren. Für die enormen Flächen mussten zahlreiche natürliche und naturnahe Habitate, einschließlich tropischer und subtropischer Wälder und Wiesen weichen, betont der Fachmann. Langfristig schneidet man sich damit jedoch in die eigene Hand, denn dadurch wird der Lebensraum zerstört, der für den Erfolg der Ernte ausschlaggebend ist.

Viele Bestäuber vom Aussterben bedroht

Wie die meisten Pflanzen sind auch viele Feldfrüchte auf natürliche Bestäuber angewiesen. Die Zerstörung der natürlichen Lebensräume und die Beschränkung auf nur eine Kultur sorgen jedoch dafür, dass genau diese Bestäuber immer seltener werden. „Erst vor wenigen Monaten hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES der Welt gezeigt, dass bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind, darunter auch viele Bestäuber“, erläutert Studienautor Professor Dr. Robert Paxton. Dabei seien 16 von den 20 am schnellsten wachsenden Feldfrüchten auf eine Bestäubung durch Insekten oder andere Tiere angewiesen. Besonders schwer sei die Honigbiene betroffen, die immer stärker von Krankheitserregern und Pestiziden bedroht wird. Der Bestand an Wildbienen sei weltweit seit Jahrzehnten rückläufig.

Die ärmeren Länder werden als erstes die Auswirkungen spüren

Die Expertinnen und Experten erstellten aus ihren Forschungsergebnissen eine Weltkarte, die das Risiko für Ernteausfälle geografisch darstellt. „Besonders betroffen wären demnach die Schwellen- und Entwicklungsländer der Welt in Südamerika, Afrika und Asien“, fasst Professor Aizen zusammen. Dies sei nicht verwunderlich, da in diesen Ländern die meisten Monokulturen für den globalen Markt produziert werden. Das größte Risiko für Missernten sei somit auf die ärmsten Regionen der Welt ausgelagert. Da diese Länder aber vorwiegend für Industrienationen wie Deutschland produzieren, werden sich den Forschenden zufolge die Auswirkungen auch hier deutlich bemerkbar machen. „Fällt in den Ursprungsländern zum Beispiel die Avocado-Ernte aus, könnten auch die Menschen in Deutschland oder anderen Industrienationen keine mehr kaufen“, so Paxton.

Forschungsteam fordert eine Trendwende

Insgesamt sieht das Forschungsteam die momentane weltweite Landwirtschaft als äußerst kritisch: Mit einer nachhaltigen Landwirtschaft, die die Ernährungssicherheit einer wachsenden Weltbevölkerung im Blick hat, habe die aktuelle Entwicklung wenig zu tun, so das Urteil der Forschenden. Es müsse weltweit darauf geachtet werden, die Landwirtschaft wieder diversifizierter und ökologischer zu gestalten. Besonders in ärmeren Ländern müssten wieder kleinere Flächen mit unterschiedlichen Feldfrüchten bestellt werden. Zudem müssten weltweite Anbauflächen naturnaher gestalten werden, beispielsweise durch extra angelegte Blühstreifen, Hecken und weitere Nistmöglichkeiten neben den Feldern. (vb)

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Autor:
Diplom-Redakteur (FH) Volker Blasek
Quellen:
  • Aizen , Marcelo A. / Aguiar, Sebastián / Biesmeijer, Jacobus C. / u.a.: Global agricultural productivity is threatened by increasing pollinator dependence without a parallel increase in crop diversification, Global Change Biology, 2019, onlinelibrary.wiley.com
  • Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Trends in der Landwirtschaft bedrohen Ernährungssicherheit (Abruf: 10.07.2019), pressemitteilungen.pr.uni-halle.de