Vor Gericht: Depressionen und Erektionsstörungen durch spezielles Haarwuchsmittel?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Haarwuchsmittel mit Finasterid zerstörte Leben eines jungen Mannes

Bereits im Juli 2018 warnte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor Haarwuchsmitteln mit dem Wirkstoff Finasterid. Medikamente mit dem Wirkstoff können laut BfArM psychische Störungen und sexuelle Dysfunktionen auslösen. Ein Mann aus Nordrhein-Westfalen litt nach der Einnahme unter Depressionen und Erektionsstörungen und verklagte nun den Pharmahersteller auf 100.000 Euro Schmerzensgeld. Dieser Prozess stellt eine Musterklage für viele weitere Klagen dar.


Am Mittwoch, dem 22. Mai 2019 begann ein Prozess, in dem der Kläger aus Nordrhein-Westfalen ein Haarwuchsmittel für seine schweren Depressionen und sexuellen Störungen verantwortlich macht. Arzneien mit dem Wirkstoff Finasterid wurden in der Vergangenheit bereits häufiger mit schweren gesundheitlichen Problemen in Verbindung gebracht. In den USA klagten schon über 1400 Männer diesbezüglich gegen einen Pharmakonzern. Die Anzahl der Geschädigten ist so hoch, dass bereits von einem eigenen Krankheitsbild gesprochen wird: dem Post-Finasterid-Syndrom.

In drei Musterprozessen soll nun geklärt werden, ob Haarwuchsmittel mit dem Wirkstoff Finasterid für die schwerwiegenden Nebenwirkungen der Kläger verantwortlich sind. (Bild: Kurhan/fotolia.com)

Haarwuchsmittel machte jungen Mann zum Krankheitsfall

„Ich bin annähernd impotent, habe starke Schmerzen im Unterleib, von unangenehm bis unerträglich“, berichtet der Mitte 30-jährige Kläger gegenüber dem Westdeutschen Rundfunk. Früher sei der Diplomkaufmann ein gesunder, aktiver und positiver Mensch gewesen. Finasterid habe aus ihm einen übergewichtigen und schmerzgeplagten Mann mit Depressionen gemacht, obwohl er das Medikament bereits im Jahr 2015 abgesetzt hatte. Der Kläger fordert nun 100.000 Euro Schmerzensgeld von dem Hersteller. Das angeklagte Unternehmen plädiert darauf, dass die gesundheitlichen Schäden nicht durch das Medikament entstanden sind.

Spätfolgen von Finasterid

Die Gesundheitsrisiken von Finasterid sind nicht unbekannt. Das BfArM rät in einen Rote-Hand-Brief Ärztinnen und Ärzte dazu, ihre Patienten über die möglichen Nebenwirkungen von Finasterid aufzuklären. „Patienten sollten sich des Risikos einer sexuellen Dysfunktion unter der Therapie mit Finasterid bewusst sein“, schreibt das BfArM. Ebenso sollte darauf hingewiesen werden, dass dieser Wirkstoff zu Stimmungsänderungen führen könne, die von depressiven Verstimmungen bis hin zu Suizidgedanken reichen können. Nach Angaben des BfArM können die Nebenwirkungen in einigen Fällen sogar länger als zehn Jahre nach dem Absetzen des Medikaments fortbestehen.

Wie wirkt Finasterid?

Finasterid ist in mehreren verschreibungspflichtigen Medikamenten wie beispielsweise in Propecia, Finapil und Finasterid-ratiopharm enthalten und wird zur Behandlung von Haarausfall oder bei einer gutartigen Prostatavergrößerung eingesetzt. Der Wirkstoff ist ein synthetisches Steroid, welches dem Geschlechtshormon Testosteron ähnelt. Es greift in den Stoffwechsel ein und beeinflusst die Hormone. Dies kann zwar einerseits das Haarwachstum wieder anregen, anderseits auch die oben genannten Nebenwirkungen verursachen.

Post-Finasterid-Syndrom

Aufgrund der Vielzahl der möglichen Nebenwirkungen und der hohen Zahl von Betroffenen wurden gesundheitliche Beschwerden nach der Einnahme von Finasterid unter dem Begriff „Post-Finasterid-Syndrom“ zusammengefasst. Im Jahre 2012 wurde in den USA eine eigene Foundation gegründet mit dem Ziel, über die Folgen aufzuklären und die Suche nach wirksamen Therapien zu unterstützen. Auch in Deutschland gibt es bereits Webseiten und Prozessfinanzierer, die Betroffene unterstützen. Nach Angaben der ProzessFinanz AG ist neben der aktuellen Klage vor dem Landgericht Paderborn auch eine weitere Musterklage in Berlin angelaufen. Eine dritte Klage sei bereits für Oktober in Stuttgart geplant. Wird der Pharmahersteller für schuldig befunden, könnte dies die Tür für zahlreiche weitere Klagen öffnen. (vb)