Traditionelle Pflanzenmedizin als antibakterielles Wundermittel wiederentdeckt

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Pflanzenmedizin schützte Soldaten vor bakteriellen Infektionen

Im amerikanischen Bürgerkrieg in den Jahren 1861 bis 1865 entstand ein Naturheilkundewerk des Botanikers Francis Porcher. Aus einem Mangel an Medikamenten heraus wandten sich die südlichen Streitkräfte der Naturheilkunde zu, um die zahlreichen verletzten Soldaten vor Infektionen zu schützen. Dieses alte Wissen wurde kürzlich im Rahmen einer Studie wiederentdeckt. Die Forschenden sehen in den antiseptische Eigenschaften der beschriebenen Pflanzen eine Möglichkeit, neue und effektive antibakterielle Mittel zu entwickeln.


Ein Forschungsteam des Woodruff Health Sciences Center der Emory University in Atlanta untersuchte Pflanzen der traditionelle Pflanzenheilkunde auf das Potenzial für neue Wirkstoffe gegen multiresistenten Bakterien. Insbesondere drei Bäume standen im Fokus der Forschung: die amerikanische Weiß-Eiche (Quercus alba), der Tulpenbaum (Liriodendron tulipifera) und der Teufels Krückstock (Aralia spinosa). Alle drei Pflanzen zeigten starke antiseptische Eigenschaften. Die Studienergebnisse wurden kürzlich in dem Fachjournal „Scientific Reports“ vorgestellt.

Eine aktuelle Forschungsarbeit belegt die antibakterielle Wirkung von drei Pflanzenextrakten, die im amerikanischen Bürgerkrieg aus Mangel an Medikamenten gegen Wundinfektionen eingesetzt wurden. (Bild: goldbany/fotolia.com)

In der Not zur Pflanzenheilkunde gewandt

Zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 kam es in den Hochphasen zu Engpässen in der Medikamenten-Lieferung. Unter den zahlreichen verwundeten Soldaten herrschten hohe Infektionsraten. Auf der Suche nach Alternativen baten die südlichen Streitkräfte den Botaniker und Chirurgen Francis Porcher aus South Carolina um Hilfe. Er sollte ein Buch zusammenstellen, dass Heilpflanzen aus den südlichen Bundesstaaten auflistet und Pflanzenheilmittel beschreibt, die von den amerikanischen Ureinwohnern und den versklavten Afrikanern verwendet wurden.

Versorgungsengpass weckte Interesse an der Naturheilkunde

Francis Porcher vollendete sein Werk mit dem Titel „Resources of the Southern Fields and Forests“ im Jahr 1863. Der Confederate Surgeon General Samuel Moore fertigte daraus ein Dokument mit dem Titel „Standardversorgungstabelle der indigenen Arzneimittel für den Außendienst und die Kranken in allgemeinen Krankenhäusern“ an, welches als Leitfaden zur Versorgung von verletzten Soldaten diente, wenn keine Medikamente verfügbar waren.

Die Werke von Francis Porcher wiederbelebt

In der heutigen Zeit stehen die Menschen wieder vor ähnlichen Problemen. Es herrscht zwar kein Bürgerkrieg und auch kein Versorgungsengpass von Medikamenten, doch mangelt es an neuen Mitteln gegen multiresistente Bakterien, die sich immer weiter ausbreiten. Auf der Suche nach neuen Wirkstoffen wandte sich das Emory-Forschungsteam erneut der Naturheilkunde zu.

Pflanzenextrakt rettete verletzen Soldaten Leben und Gliedmaßen

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass Extrakte aus den drei untersuchten Bäumen eine antimikrobielle Wirkung gegen eine oder mehrere von drei gefährlichen Arten von multiresistenten Bakterien haben, die schwere Wundinfektionen auslösen können. Die Extrakte wirkten gegen Bakterien vom Typ Acinetobacter baumannii, Staphylococcus aureus und Klebsiella pneumoniae. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass die Anwendung dieser Extrakte einige Gliedmaßen und Leben während des Bürgerkriegs gerettet hat”, berichtet die leitende Studienautorin Cassandra Quave.

Neue Wirkstoffe in alter Medizin

Professorin Quave ist eine Expertin im Bereich der Ethnobotanik. Diese Wissenschaft untersucht die Verwendung von Pflanzen als Medizin oder als Nutzpflanze sowie das Brauchtum der Pflanze in ethnischen Gruppen und indigenen Völkern. „Der amerikanische Bürgerkrieg ist ein großartiges Beispiel für die Verwendung von Pflanzenheilmitteln”, erklärt die Ethnobotanikerin. Die Forschung könne der modernen Wundversorgung zugute kommen, wenn identifiziert werde, welche Wirkstoffe in den Pflanzen für die antimikrobielle Aktivität verantwortlich sind.

Die Pflanzenextrakte wurden auf traditionelle Weise hergestellt

Die untersuchten Pflanzenextrakte wurden auf der Grundlage von Porchers Werken erstellt. Sie enthalten Auszüge aus der Rinde der Weiß-Eiche, aus den Blättern des Tulpenbaums und aus der Wurzelinnenrinde sowie der Zweigrinde des Teufels Krückstocks. Die Extrakte wurden dann im Labor auf drei Arten von multiresistenten Bakterien getestet, die üblicherweise bei Wundinfektionen vorkommen.

Die Kraft der Weiß-Eiche

Das Bakterium Aceinetobacter baumannii war weit verbreitet unter Soldaten, die aus dem Irakkrieg zurückgekehrt sind. Es weist weitgehende Resistenzen gegen die meisten Antibiotika auf. „Es stellt eine große Bedrohung für Patienten dar, die sich in Krankenhäusern von Wunden erholen sowie für Soldaten, die sich Kampfwunden zuziehen“, erläutert Quave. Extrakte der Weiß-Eiche konnten das Wachstum von A. Baumannii hemmen.

Mit Tuplenbaum und Weiß-Eiche Staphylokokken unterdrücken

Das Bakterium Staphylococcus aureus ist ein gefährlicher Krankheitserreger, der zunächst die Haut befällt, von dort aus in die Blutbahn geraten und so auch entfernte Organe infizieren kann. Extrakte der Weiß-Eiche und des Tulpenbaums konnten das Wachstum des Bakteriums unterdrücken und verhinderten, dass die Bakterien einen Biofilm erzeugen, der Staphylococcus aureus vor Antibiotika schützt.

Teufels Krückstock verhinderte Biofilm-Bildung

Das Bakterium Klebsiella pneumoniae ist ein häufiger Krankenhauskeim und sorgt immer wieder für lebensbedrohende Infektionen, die zu Lungenentzündungen oder zu einem septischen Schock führen können. Extrakte aus dem Teufels Krückstock konnten die Bildung eines Biofilms bei dem Bakterium verhindern und es so anfälliger für Antibiotika machen. (vb)