Risiko: Migräne-Patienten entwickeln häufiger schwerwiegende Gefäßerkrankungen

Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Thrombose bei Migräne-Patienten erhöht

Migräne ist durch schubweise Kopfschmerzen gekennzeichnet, die unter Umständen mit sogenannten Aurasymptome einhergehen können. Betroffene werden durch die Migräne in ihrem Alttag oft massiv eingeschränkt. In mehreren aktuellen Studie wurde nun zudem ein erhöhtes Risiko für Gefäßkrankheiten bei Patientinnen und Patienten mit Migräne festgestellt.


In einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie berichtet, Privatdozent Dr. med. Charly Gaul, Generalsekretär der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), dass das zwei große aktuelle Studien aus den USA und aus Dänemark gezeigt hätten, „dass Migränepatienten etwas häufiger Herzinfarkte, Schlaganfälle und venöse Thrombosen erleiden.“ Veröffentlicht wurden die Studien in den Fachmagazinen „BMJ open“ und „BMJ“.

Migräne-Patienten haben nicht nur unter den Kopfschmerzattacken zu leiden, sondern weisen auch ein erhöhtes Risiko für Gefäßkrankheiten auf. (Bild: psdesign1/fotolia.com)

Sterblichkeit insgesamt bei Migräne nicht erhöht

Zwar sei die Sterblichkeit von Menschen mit Migräne insgesamt nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung, berichtet Professor Dr. Hans-Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Doch Ärzte, die Migränepatienten behandeln, sollten sich seiner Ansicht nach des erhöhten Risikos für Gefäßerkrankungen bewusst sein. Insbesondere Frauen mit häufiger Migräne mit Aura sollten auf Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht und diese dann proaktiv behandelt werden, so Prof. Dr. Diener weiter.

Migräne eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen

Etwa ein Fünftel aller Frauen und acht Prozent der Männer sind laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie von Migräne betroffen. Damit bilde Migräne die häufigste neurologische Erkrankung in Deutschland. Geprägt werde diese durch heftige, häufig einseitige Kopfschmerzen, die mit Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen sowie weiteren Aurasymptomen einhergehen können. Zwar stehe für die Behandlung und Vorbeugung von Migräneattacken eine Vielzahl von Arzneien zur Verfügung, doch habe eine Repräsentativbefragung der DMKG belegt, dass ein erheblicher Anteil der Migränepatienten nicht oder nicht ausreichend behandelt wird.

Hinweise auf Zusammenhang mit Gefäßkrankheiten

In der klinischen Wissenschaft kam zuletzt auch verstärkt die Frage auf, ob Personen mit Migräne häufiger von zerebro- und kardiovaskulären Ereignissen betroffen sind als andere Menschen, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. In den vergangenen Jahren hätten mehrere Untersuchungen an ausgewählten Bevölkerungsgruppen bereits Hinweise in dieser Richtung ergeben. Nun seien diese gleich durch zwei große Studien bestätigt worden. Dabei stütze sich „die größte bisher publizierte Metaanalyse zum Zusammenhang zwischen zerebro- und kardiovaskulären Erkrankungen mit Migräne auf die Daten von 16 Studien“, so Dr. Charly Gaul.

Schlaganfall-Risiko um 42 Prozent erhöht

Insgesamt wurden in der Studie der US-Wissenschaftler knapp 400.000 Migränepatienten und ca. 750.000 nicht Betroffene als Kontrollgruppe berücksichtigt. Es habe sich gezeigt, dass in Bezug auf alle vaskulären Ereignisse das Risiko der Migränepatienten um 42 Prozent erhöht war. Bezogen auf einen Schlaganfall sei das Risiko um 41 Prozent erhöht und für Herzinfarkte um 23 Prozent erhöht gewesen, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Neurologie von den Studienergebnisse.

Sterblichkeit bei Migräne mit Aura erhöht

Die US-Studie zeigte auch, dass das Risiko unter den verschiedenen Formen der Migräne ungleich verteilt ist. So habe jenes Drittel der Patienten, die bei ihren Anfällen eine Aura erleben (z.B. Sehstörungen, Taubheitsgefühl in den Gliedmaßen), ein um 56 Prozent höheres Risiko für Schlaganfälle. Auch sei die Gesamtsterblichkeit dieser Patienten um 20 Prozent erhöht gewesen, während die Sterblichkeit in der gesamten Gruppe nicht höher war als bei der Kontrollgruppe, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Zu ähnlichen Ergebnissen sei auch die Studie aus Dänemark gekommen, in der die Daten von mehr als 50.000 Patienten über einen Zeitraum von bis zu 19 Jahren mit denen von 500.000 Kontrollen verglichen wurden, berichtet die Fachgesellschaft weiter.

Frauen mit häufigen Migräneattacken und Aurasymptomen gefährdet

Obwohl die Studienergebnisse an sich für Migräne-Patienten keinen Grund zur Beunruhigung darstellen sollten, erfordert laut Aussage der Experten eine Gruppe von Betroffenen besondere Aufmerksamkeit. „Frauen mit häufigen Migräneattacken mit Aura sollten nach ihren vaskulären Risikofaktoren befragt und diese dann konsequent behandelt werden“; betont Prof. Diener. Von besonderer Bedeutung sei hier auch das Rauchen und die orale hormonelle Kontrazeption (Antibabypille). Die übrigen Migräne-Patienten sollten sich „von dem erhöhten Risiko nicht verängstigen lassen, denn die absolute Zahl der Ereignisse ist relativ gering“, so Prof. Diener weiter.

Unklar bleibt laut Aussage der Experten bislang, inwiefern durch eine wirksame Behandlung der Migräne auch das Risiko für vaskuläre Ereignisse gesenkt werden kann. „Um dies nachzuweisen, müssten Studien mit einer Beobachtungszeit von mehr als zehn Jahren durchgeführt werden“, betont Dr. Gaul. (fp)