Schilddrüsenprobleme: Medikamente in vielen Fällen unnötig

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Schilddrüsenunterfunktion bei Kindern und Jugendlichen – Medikamente oft unnötig

Eine Unterfunktion der Schilddrüse tritt zwar meist im fortgeschrittenen Alter auf, doch sie kann auch schon in sehr jungen Jahren auftreten und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen immens beeinträchtigen. Dennoch sind in vielen Fällen keine Medikamente zur Behandlung nötig.


Frauen häufiger betroffen als Männer

Laut dem Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) leiden mindestens zwei Prozent aller Frauen, aber nur rund 0,1 bis 0,2 Prozent der Männer an einer Schilddrüsenunterfunktion. Diese wird laut den Experten meist zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr entdeckt. Die Erkrankungsrate steigt mit zunehmendem Alter. Doch eine Unterfunktion der Schilddrüse kann auch angeboren sein und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen immens beeinträchtigen – schließlich ist das kleine Organ ein wichtiger Hormonproduzent. Dennoch ist es oft nicht nötig, Medikamente zur Behandlung einzusetzen.

Eine Schilddrüsenunterfunktion kann die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen immens beeinträchtigen. Doch nicht in allen Fällen sind Medikamente zur Behandlung nötig. (Bild: Orawan/fotolia.com)

Unspezifische Symptome

Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder Übergewicht – es sind sehr unspezifische, auch in anderem Zusammenhang keineswegs seltene Symptome, mit denen sich eine Schilddrüsenunterfunktion bei Kindern und Jugendlichen bemerkbar macht, erklärt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in einer Mitteilung.

Daher sehen sich Ärzte häufig veranlasst, die Schilddrüsenwerte ihrer jungen Patienten zu überprüfen.

„Aus Sorge um die Entwicklung der Kinder sind diese Tests auch gerechtfertigt“, so Professor Dr. med. Heiko Krude, Direktor des Instituts für Experimentelle Pädiatrische Endokrinologie an der Charité–Universitätsmedizin Berlin.

Schließlich stellt eine Schilddrüsenunterfunktion für Kinder und Jugendliche eine ernsthafte Gefahr dar: Wenn die Hormonstörung bereits im Kindesalter auftritt, können sich die geistige und sprachliche Entwicklung sowie das körperliche Wachstum verzögern.

Bei einer Erkrankung im Teenageralter entwickeln sich oft Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen.

Blutanalyse kann Aufschluss geben

Ein Mangel an Schilddrüsenhormonen kann über eine Blutanalyse jedoch früh erkannt und durch die Gabe des entwicklungsrelevanten Hormons LT4 ausgeglichen werden.

Daher ist es auf den ersten Blick erfreulich, dass Kinder und Jugendliche immer öfter auf auffällige Schilddrüsenwerte hin untersucht werden.

Die Tests führen aber auch vermehrt dazu, dass Kinder die Hormone fälschlicherweise erhalten – etwa, weil die Funktion ihrer Schilddrüse nur vorübergehend oder nur leicht beeinträchtigt ist.

Körper versucht gegenzusteuern

Als wichtigster Blutwert zur Bestimmung einer Schilddrüsenunterfunktion gilt der sogenannte TSH-Wert. TSH steht für Thyreoidea-stimulierendes Hormon oder Thyreotropin.

„Dieses Hormon regt in der Schilddrüse die Bildung von LT4 und LT3 an“, erklärt Professor Matthias M. Weber, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE).

Nur wenn die Schilddrüse diese wichtigen Hormone in ausreichender Menge produziert, werde die TSH-Produktion über einen Rückkopplungsmechanismus gedrosselt.

Arbeitet die Schilddrüse aber nicht richtig und stellt zu wenig LT4 und LT3 her, versuche der Körper, über eine zunehmende TSH-Produktion gegenzusteuern.

Erneute Kontrollen

Dennoch weist nicht jeder erhöhte TSH-Wert auf eine echte Schilddrüsenunterfunktion hin. Das TSH wirkt auf die Schilddrüse mit dem Ziel, die Bildung von T4 und T3 zu stimulieren.

Häufig liegen die eigentlich krankheitsrelevanten Werte für LT4 und LT3 oft im Referenzbereich – trotz auffälligem TSH. Eine Hormonbehandlung ist dann unnötig.

„Dennoch wird meist allein aufgrund des erhöhten TSH-Wertes eine Therapie mit LT4 eingeleitet“, kritisiert Krude.

Laut den Fachleuten sei dies für die jungen Patienten in mehrfacher Hinsicht schädlich. Zum einen müssten sie die tägliche Einnahme von Tabletten in ihren Tagesablauf einplanen, zum zweiten werde das Gesundheitsbewusstsein der Jugendlichen gestört.

In einer ohnehin schwierigen Phase der Selbstwahrnehmung empfänden sie sich als krank, obwohl es dafür keinen Grund gebe. Nicht zuletzt bestehe auch das Risiko, durch die Hormongaben eine Schilddrüsenüberfunktion herbeizuführen.

Daher plädiert Krude dafür, einen leicht erhöhten TSH-Wert nach drei Monaten, einen deutlich erhöhten Wert nach sechs Wochen erneut zu kontrollieren – zunächst ohne eine Behandlung einzuleiten.

Wenn die Werte in dieser Zeit nicht weiter ansteigen, empfiehlt der erfahrene Pädiater lediglich eine weitere Kontrolle.

„Große Studien zeigen jedoch, dass der TSH-Wert in der Zwischenzeit meist spontan wieder im Referenzbereich liegt“, so der Experte. (ad)

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.