Sollten Nahrungsmittel mit Vitamin D vielfach angereichert werden?

Alfred Domke

Gefährlicher Mangel: Wissenschaftler empfiehlt Vitamin-D-Anreicherung in Lebensmitteln

Vitamin-D-Mangel tritt in den verschiedensten Bevölkerungsgruppen auf. Das wichtige Vitamin wird in der Haut vor allem durch eine chemische Reaktion mit dem Sonnenlicht gebildet. Doch der Lebensstil hierzulande geht oft mit einer sehr geringen Sonnenlichtexposition einher. Ein Wissenschaftler fordert daher nun die Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin D.


Weit verbreiteter Vitamin-D-Mangel

Erst vor wenigen Monaten wurde berichtet, dass rund 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland mehr oder weniger erniedrigte Werte an Vitamin D aufweisen. Zudem zeigte eine Studie, dass etwa die Hälfte der über 65-Jährigen von einem Vitamin-D-Mangel betroffen sind. Allgemein gilt die Vitamin-D-Versorgung in Deutschland als mangelhaft. Manche Menschen setzen daher auf die zusätzliche Einnahme von Vitamin-D-Präparaten. Gesundheitsexperten zufolge sind solche Mittel allerdings nur für wenige Menschen empfehlenswert. Ein Wissenschaftler aus Österreich empfiehlt nun, Nahrungsmittel mit dem wichtigen Vitamin anzureichern.

Vitamin-D-Mangel wird mit einer Reihe von Erkrankungen der Knochen, der Muskulatur und einem schwachen Immunsystem in Verbindung gebracht. Ein Forscher empfiehlt nun, verschiedene Lebensmittel mit dem wichtigen Vitamin anzureichern. (Bild: bit24/fotolia.com)

Aufnahme über die Nahrung nur in niedrigen Konzentrationen

Auch im Nachbarland Österreich tritt ein Mangel an Vitamin-D in allen Bevölkerungsgruppen sehr häufig auf und kann in weiterer Folge eine Reihe von Erkrankungen verursachen.

Vitamin-D wird hauptsächlich in der Haut durch eine chemische Reaktion mit dem Sonnenlicht gebildet.

Wie es in einer Mitteilung der Medizinischen Universität Graz heißt, kann das Vitamin über die Nahrung auf Grund der niedrigen Konzentration nur in sehr geringen Mengen aufgenommen werden.

Daher haben einige Länder bereits eine Anreicherung von Lebensmitteln mit Vitamin-D umgesetzt.

Stefan Pilz von der Med Uni Graz empfiehlt dies auch dringend für Österreich.

Lebensstil mit geringer Sonnenexposition

Weil Vitamin-D auf Grund der geringen Konzentration nur in sehr kleinen Teilen über die Nahrung aufgenommen werden kann (etwa 20 Prozent) – hier vor allem in Form von Fettfischen, Milchprodukten und Speisepilzen – spielt die körpereigene Produktion von Vitamin-D über eine chemische Hautreaktion eine sehr wichtige Rolle.

„Rund 80% des Bedarfs an Vitamin-D werden mit Hilfe von UV-B Strahlung vom Körper selbst gebildet“, erläutert Assoz.-Prof. PD Dr. Stefan Pilz, PhD von der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie der Med Uni Graz.

Daher gilt es, in den warmen Monaten ausreichend, Sonne zu tanken. Doch in der kalten Jahreszeit ist das kaum möglich.

Außerdem verbringen viele Menschen auch bei sonnigem Wetter zu wenig Zeit im Freien. Vitamin-D-Mangel ist daher ein sehr häufig zu beobachtendes Phänomen.

„Unser Lebensstil, der mit einer sehr geringen Sonnenlichtexposition einhergeht, ist hauptverantwortlich für diesen mitunter sehr gefährlichen Mangel“, so Stefan Pilz.

Erkrankungen durch Vitamin-D-Mangel

Vitamin-D ist im Körper zum Beispiel für einen gut funktionierenden Kalziumhaushalt, das Immunsystem oder auch das Hormonsystem verantwortlich.

Ein durch Vitamin-D Mangel verursachtes Ungleichgewicht im Kalziumhaushalt kann zu Erkrankungen der Knochen und der Muskulatur führen.

Zudem können auch vermehrt auftretende Infekte und Schwangerschaftskomplikationen beziehungsweise bei sehr immunschwachen Personen Todesfolgen auf einen Vitamin-D Mangel zurückgeführt werden.

„Das Vitamin-D wirkt ähnlich wie Schilddrüsen- und Sexualhormone bzw. Steroidhormone im gesamten Körper und steuert dort viele Gene“, erklärt Pilz. Daher ist ein ausgewogener Vitamin-D Haushalt auch besonders wichtig.

Einnahme von Vitamin-D-Präparaten

Manche Menschen setzen deswegen auf die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten. Diese sollte jedoch grundsätzlich mit dem Hausarzt abgesprochen werden.

Allerdings sind solche Nahrungsergänzungsmittel nicht für alle Menschen ratsam, warnten Experten der Apothekerkammer Niedersachsen.

Und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) wies darauf hin, dass es auch zu einer Überdosierung mit Vitamin-D-Präparaten kommen kann.

Systematische Anreicherung von Lebensmitteln

In einigen Ländern, wie beispielsweise den USA, Kanada, Indien oder Finnland, geht man andere Wege. Dort wurde eine systematische Anreicherung von verschiedenen Lebensmitteln mit Vitamin-D eingeführt, um dem gefährlichen Mangel zu begegnen.

Stefan Pilz hat gemeinsam mit internationalen Kollegen ein sogenanntes „Guidance Paper“ im Journal „Frontiers in Endocrinology“ veröffentlicht, in dem die wissenschaftlich hinterlegten Motive für eine Vitamin-D Anreicherung in der Nahrungsmittelindustrie dargelegt und vor allem konkrete Vorschläge bzw. Szenarien für eine Umsetzung dieser gesundheitspolitischen Maßnahme skizziert werden.

Innerhalb der Europäischen Union hat Finnland schon vor einigen Jahren begonnen, systematisch Milchprodukte mit Vitamin-D anzureichern.

„Diese von der Politik initiierte Intervention war nicht nur sicher und gut akzeptiert, sondern führte auch dazu, dass es in der finnischen Bevölkerung nahezu keine Menschen mehr gibt, welche einen Vitamin-D Mangel mit Werten des 25-Hydroxyvitamin D unter 12 ng/mL (30 nmol/L) haben“, erklärt Stefan Pilz.

„In Ländern wie zB. Österreich und Deutschland ist eine Vitamin-D Anreicherung in Nahrungsmitteln wie in Finnland eine für mich notwendige und geeignete Maßnahme, um vielen Menschen die negativen gesundheitlichen Folgen eins Vitamin-D Mangels zu ersparen“, so der Experte.

„Länder wie zB. die USA führen eine Vitamin-D Anreicherung in Nahrungsmitteln nicht nur wegen der Verbesserung der Volksgesundheit durch, sondern auch weil sich dadurch im Sinne der Kosteneffektivität Einsparungen im Gesundheitssystem ergeben“, erläutert der Forscher.

Er hofft, dass ihre Publikation dazu beiträgt, dass dies künftig auch in Österreich und Deutschland so sein wird. (ad)