Studie: Hunderte verbreitete medizinische Praktiken sind überholt und unwirksam

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

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Sind fehlerhafte Behandlungen weitverbreitet?

Ein umfangreiche Analyse von verschiedenen Untersuchungen in hoch renommierten Fachblättern ergab jetzt, dass viele derzeitige medizinische Praktiken unwirksam sind. Die Forschenden fanden heraus, dass es alleine bei den untersuchten Fällen derzeit fast 400 sogenannte Medical Reversals gibt.


Bei der gemeinsamen aktuellen Untersuchung der University of Maryland, der University of Chicago und der Oregon Health & Science University wurde festgestellt, dass es derzeit knapp 400 medizinische Praktiken gibt, welche eigentlich unwirksam oder fehlerhaft sind. Die Ergebnisse der Studie wurden in der englischsprachigen Fachzeitschrift „eLife“ publiziert.

Eine fehlerhafte Behandlung kann schlimme Folgen für Patienten haben. Forschende identifizierten jetzt knapp 400 medizinische Praktiken, welche unwirksam oder anderweitig fehlerhaft sind. (Bild: Coloures-pic/fotolia.com)

Was ist Medical Reversal?

Medical Reversal ist ein Begriff, der Fälle definiert, in denen neue und verbesserte klinische Studien belegen, dass derzeitige medizinische Praktiken unwirksam oder fehlerhaft sind. Medical Reversals treten auf, wenn neue klinische Studien zeigen, dass eine bestimmte medizinische Praxis nicht funktioniert oder mehr schadet als sie nutzt. Diese neuen Studien sind den vorherigen Untersuchungen aufgrund besserer Kontrollen, besserem Studiendesign oder größerer Stichproben überlegen. Sogenannte Medical Reversals betreffen häufig Medikamente, können aber auch chirurgische Eingriffe umfassen. Die neue Metaanalyse von etwa 3.000 Studien identifizierte jetzt 396 Fälle von Medical Reversals.

3.000 Studien wurden ausgewertet

Die Forschenden wollten eine umfassendere Liste von Medical Reversals bereitstellen, um eine effektivere und wirtschaftlichere Behandlung zu ermöglichen. Zu diesem Zweck analysierten sie über 3.000 kontrollierte Studien, die in den letzten 15 Jahren in drei renommierten medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden: Journal of the American Medical Association (JAMA), The Lancet und The New England Journal of Medicine (NEJM). Die Analyse indentifiziere 396 Studien, die eine medizinische Kehrtwende darstellte: 154 davon in JAMA, 129 in NEJM und 113 in The Lancet. Die meisten dieser Studien (92 Prozent) wurden in Ländern mit einem hohen Einkommen durchgeführt, acht Prozent in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen – darunter China, Indien, Malaysia, Ghana, Tansania und Äthiopien.

In welchen Bereichen wurden Medical Reversals festgestellt?

Die Medical Reversals traten in den Bereichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen (20 Prozent), Volksgesundheit und Präventivmedizin (zwölf Prozent) und Intensivmedizin (elf Prozent) auf. Die häufigsten festgestellten Medical Reversals betrafen Medikamente (33 Prozent), medizinische Eingriffe (20 Prozent), Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel (13 Prozent), medizinsche Geräte (9 Prozent) und Systeminterventionen (8 Prozent).

Unwirksame Behandlungen müssen vermieden werden

Sobald eine unwirksame Praxis etabliert ist, kann es schwierig sein, Anwendende davon zu überzeugen, genutzte Anwendung aufzugeben. Versuche, neuartige Behandlungen rigoros zu testen, bevor sie sich in der Praxis ausbreiten, könnten die Anzahl der Medical Reversals reduzieren und unnötigen Schaden an den Patienten verhindern, erklären die Autoren der Studie. Die aktuelle Studie liefere zudem einen Ausgangspunkt für eine Liste von Praktiken, die wahrscheinlich keinen wirklichen Nutzen für weitere Forschung haben.

Gab es Einschränkungen bei der Studie?

Die Autoren warnen allerdings auch davor, dass ihre Rezension einige Einschränkungen aufweist, wie beispielsweise die geringe Anzahl der darin enthaltenen Fachzeitschriften und das begrenzte Fachwissen der Rezensenten zu einigen Themen. Experten aus verschiedenen Bereichen sollten die Medical Reversals in der Analyse genau betrachten und kritisch bewerten. Hoffentlich führen die Ergebnisse der aktuellen Studie dazu, dass Mediziner ihre eigenen Praktiken kritischer bewerten und qualitativ hochwertige Forschung einfordern, bevor sie neue Anwendungen in der Praxis übernehmen, so das Fazit der Forschenden. (as)

Autor:
Alexander Stindt
Quellen:
  • Meta-Research: A comprehensive review of randomized clinical trials in three medical journals reveals 396 medical reversals