Traumatisierte Flüchtlingskinder – Uniklinik richtet eine Spezialambulanz für Kinder ein

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Die Kölner Uniklinik richtet eine Spezialambulanz für geflüchtete Kinder ein. Der Grund: Diese Kinder sind besonders häufig traumatisiert und leiden unter den daraus folgenden Erkrankungen wie Post-Traumatischem-Belastungssyndrom, Borderline, einer Bindungsstörung, Angststörungen oder Suizidalität.


Warum leiden geflüchtete Kinder an Traumatisierungen?

Wichtige Auslöser für Traumatisierungen sind: Einer gefährlichen Situation hilflos ausgesetzt zu sein; zu sehen, wie vertraute Menschen sterben und/oder ihnen Gewalt angetan wird; selbst Gewalt zu erleiden; sexuell misshandelt oder vergewaltigt zu werden. Kinder, die aus Krieg und Chaos geflohen sind, haben so etwas sehr häufig erlebt.

Viele geflüchtete Kinder sind traumatisiert und benötigen psychische Unterstützung. Die Universitätsklinik in Köln hat dafür jetzt eine Spezialambulanz eingerichtet. (Bild: Lydia Geissler/fotolia.com)

Bis zu 50 % Traumatisierte

Studien lassen den Schluss zu: 19 % bis 50 % aller Kinder und Jugendlichen mit Fluchthintergrund leiden unter Störungen, die durch Traumata bedingt sind. Besonders häufig ist das Post-Traumatische-Belastungssyndrom. Hier lösen objektiv harmlose Situationen die Gefühle der traumatisierenden Geschehnisse aus: Menschen, die aus einem Auto steigen aktivieren die Erinnerung an Soldaten, die die Eltern massakrierten; Kamingeruch lässt die Bilderwelten des brennendes Dorfes lebendig werden.

Regression und Schlafstörungen

Andere Symptome lassen Außenstehende weniger offensichtlich auf das Trauma schließen: Betroffene leiden unter Schlafstörungen, sie haben Alpträume und Bauchschmerzen. Typisch für traumabedingte Störungen sind Regressionen: Jugendliche lutschen am Daumen, werden zu Bettnässern oder sprechen wie Babys.

Auffälliges Spielverhalten

Die Kinder zeigen häufig ein auffälliges Spielverhalten, sei es, dass sie die gesehenen oder erlittenen Gewalttaten nachspielen, sei es, dass sie sich in einer Fantasiewelt verlieren. Manche basteln sich gar in Computerspielen eine komplett „andere Welt“, um den Erinnerungen zu entfliehen.

Was macht die Spezialambulanz?

Die Spezialambulanz an der Universitätsklinik in Köln bietet Gruppentherapien für circa acht Teilnehmende an, die von Kinder- wie Jugendpsychiatern betreut werden. Im Oktober 2018 startete die erste davon mit acht Jungen aus Nordafrika, Syrien und Afghanistan.

Wozu dient die Gruppentherapie?

Die Gruppentherapie soll die Betroffenen erst einmal stabilisieren. Das ist die Voraussetzung, damit die Fachkräfte überhaupt das Trauma aufarbeiten und den Betroffenen das Handwerkszeug geben können, um mit ihren Erfahrungen umzugehen.

Versorgungslücke

Laut der zuständigen Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es zwar bereits Angebote an anderen Einrichtungen sowie Ärzte, die mit traumatisierten Flüchtlingskindern arbeiten, aber es bestehe eine wesentliche Lücke in der Versorgung.

Trauma-Ambulanz

Schwere Fälle kommen von der Gruppentherapie an die Trauma-Ambulanz der Klinik oder an das Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugend-Psychotherapie.

Wer ist am stärksten betroffen?

Generell sind alle Kinder, die Flucht, Vertreibung, Krieg und Folter, Gefangenschaft und Hunger erlebten, in Gefahr, traumatisch bedingte Erkrankungen zu erleiden. Besonders schlimm sieht es bei Kindern aus Syrien aus. Von diesen litt 2015 mutmaßlich jedes fünfte an einer posttraumatischen Störung.

Sicherheit und pädagogische Unterstützung

Geflüchtete Kinder sind verunsichert, ihre „alte Welt“ besteht nicht mehr, und ihr Sicherheitsgefühl ist durch die Erfahrung von Chaos, Tod und Gewalt erschüttert. Darum brauchen sie pädagogische und psychologische Hilfe, die ihnen Sicherheit vermittelt – egal, ob sie offen an traumabedingten Krankheiten leiden oder nicht.

Wie können Außenstehende Traumatisierungen erkennen?

Die Diagnose einer PTBS und anderer traumabedingter Störungen stellen Fachleute. SozialbetreuerInnen, ErzieherInnen und LehrerInnen sollten im Alltag jedoch auf folgende Signale einer Traumatisierung achten: Verhält sich das Kind außergewöhnlich misstrauisch? Wirkt es oft geistesabwesend – wie „in einer anderen Welt“? Ist es übermäßig ängstlich? Ist es sehr nervös? Ist es emotional instabil? Leidet es unter Ängsten, die es selbst nicht versteht? Leidet es an Ess-Störungen? Wirkt es verwirrt?

Was können medizinische Laien tun?

Die Symptome der Traumatisierung aktivieren das Stressprogramm des Körpers. Dieses ist evolutionär als Reaktion auf Gefahren entstanden. Wichtig ist deshalb, den Kindern in der konkreten Situation ein Gefühl von Sicherheit zu geben, sie im Alltag zu begleiten und zu zeigen „ich bin da und kümmere mich“. Wenn das Kind Fragen hat, sollten Sie diese kindgerecht und ehrlich beantworten. (Dr. Utz Anhalt)

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.