Umfrage zur Lebensmittelkennzeichnung kompromittiert Ernährungsministerin

Abbildung von zwei Lebensmittel-Kennzeichnungssystemen

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Lebensmittelkennzeichnung: Deutsche sprechen sich für Nutri-Score-Ampel aus

Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Nähwertkennzeichnung auf Nahrungsmitteln zu einer gesünderen Ernährung beitragen kann. Doch welche Lebensmittelkennzeichnung ist dafür am besten geeignet? Wie sich nun in einer Umfrage zeigte, spricht sich der Großteil der Deutschen für die Nutri-Score-Ampel aus. Das Nährwert-Modell von Ernährungsministerin Klöckner finden Verbraucher eher verwirrend.


Eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag mehrerer medizinisch-wissenschaftlicher Organisationen und der Verbraucherorganisation foodwatch zeigt, dass sich die Mehrheit der Deutschen für eine Kennzeichnung von Lebensmitteln mit der Nährwertampel Nutri-Score ausspricht. Wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in einer Pressemitteilung schreibt, bevorzugten 69 Prozent der befragten Personen den Nutri-Score gegenüber dem von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner in Auftrag gegebenen Kennzeichnungsmodell „Wegweiser Ernährung“.

Abbildung von zwei Lebensmittel-Kennzeichnungssystemen
In einer Forsa-Umfrage hat sich gezeigt, dass sich die Mehrheit der Deutschen für eine Kennzeichnung von Lebensmitteln mit der Nährwertampel Nutri-Score ausspricht. (Bild: foodwatch)

„Nutri-Score“ oder „Wegweiser Ernährung“?

Laut einer von fooodwatch veröffentlichten Zusammenfassung der Forsa-Ergebnisse wurden vom 5. bis 15. Juli 1003, nach einem systematischen Zufallsverfahren ausgewählte Bürgerinnen und Bürger ab 18 Jahren in Deutschland online befragt.

Zu Beginn wurde den Befragten eine Erklärung zu den zwei Kennzeichnungssystemen für Lebensmittel „Nutri-Score“ und „Wegweiser Ernährung“ gegeben. Danach sahen die Teilnehmenden drei Produkte (Müsli, Putenbrust und Capri-Sonne) in jeweils zwei Versionen nebeneinander, einmal mit Nutri-Score und einmal mit Wegweiser Ernährung gekennzeichnet. So bekamen sie einen Eindruck, wie die beiden Kennzeichnungen auf der Verpackung in verschiedenen Stufen (gesundheitlich sehr günstig – mittelmäßig günstig – sehr ungünstig) aussehen.

Anschließend wurden die Befragten gebeten anzugeben, welchem der beiden Kennzeichnungssysteme sie verschiedene Eigenschaften eher zuordnen würden. Zusätzlich wurden sie gefragt, wie wichtig ihnen persönlich bestimmte Eigenschaften eines Systems sind. Abschließend sollten sich die Teilnehmer „alles in allem“ für eines der beiden Systeme entscheiden.

Modell der Ernährungsministerin fiel bei den Befragten durch

Die Auswertung zeigte, dass der „Wegweiser Ernährung“ beim Großteil der Verbraucherinnen und Verbraucher durchfiel: Nur 25 Prozent sprachen sich für das Modell aus – die Mehrheit der Befragten beurteilte es im Vergleich eher als „kompliziert“ und „verwirrend“. Die Organisationen forderten Ernährungsministerin Klöckner daher auf, im Kampf gegen Fehlernährung keine Zeit mehr zu verlieren und schnellstmöglich den Nutri-Score einzuführen.

„Die Umfrage zeigt: Die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher wollen den Nutri-Score. Diese Nährwert-Ampel hat zuvor in über 35 wissenschaftlichen Studien ihre Wirksamkeit bewiesen“, sagte Barbara Bitzer, Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses DANK und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft. „Wir erwarten, dass Bundesernährungsministerin Julia Klöckner den Nutri-Score schnellstmöglich einführt. Ein Label, das die Mehrheit der Menschen als verwirrend empfindet, ist wissenschaftlich nicht akzeptabel.“

Nutri-Score hilfreicher bei der Auswahl gesunder Produkte

Den Angaben zufolge sprachen sich in der Umfrage vor allem jene Bevölkerungsgruppen für den Nutri-Score aus, die besonders stark von Fehlernährung betroffen sind. Die Befragten mit geringem formalem Bildungsgrad und jene mit starkem Übergewicht bevorzugten demnach jeweils zu drei Vierteln den Nutri-Score. Beide Gruppen bewerteten den Nutri-Score auch öfter als hilfreicher bei der Auswahl gesunder Produkte.

Den „Wegweiser Ernährung“ hingegen empfand ein besonders großer Anteil der Menschen mit starkem Übergewicht als das kompliziertere Label. „Das neue Kennzeichnungssystem muss gerade für die besonders von Fehlernährung und Übergewicht betroffenen Bevölkerungsgruppen verständlich sein“, so Prof. Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

„Wenn Eltern einen geringen Bildungsstand haben oder übergewichtig sind, dann haben ihre Kinder ein deutlich erhöhtes Risiko, auch dick zu werden. Der Nutri-Score erreicht diese Bevölkerungsgruppen offenbar gut und kann deshalb wirksam helfen, Kinder vor Übergewicht zu schützen.“

Schnelle und verständliche Orientierung beim Einkauf

In der Umfrage wurde auch erfasst, wie wichtig den Befragten bestimmte Eigenschaften bei einer Kennzeichnung sind. Ein Label muss demnach vor allem „eindeutig“ sein (72 Prozent halten dies für sehr wichtig), „leicht verständlich“ (70 Prozent) und „unkompliziert“ (61 Prozent). Genau diese Eigenschaften sahen die Verbraucherinnen und Verbrauchern vor allem beim Nutri-Score gegeben. Detaillierte Informationen auf der Vorderseite der Verpackung wie beim „Wegweiser Ernährung“ waren den Menschen hingegen deutlich weniger wichtig (35 Prozent).

„Die Umfrage zeigt klar, dass der Nutri-Score genau das liefert, was die Menschen erwarten – eine schnelle, verständliche Orientierung beim Einkauf“, sagte Prof. Dr. Hans Hauner, Vorsitzender der Deutschen Diabetes Stiftung und Beiratsmitglied der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. „Die Politik muss diese wirksame Maßnahme für eine gesündere Ernährung endlich umsetzen.“

Ärzteverbände, medizinische Fachgesellschaften sowie Verbraucherorganisationen fordern schon seit langem verbindliche Maßnahmen gegen Fehlernährung und Übergewicht – eine verständliche Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben ist dabei ein wichtiger Baustein. In Ermangelung einer verbindlichen EU-weiten Regelung haben inzwischen mehrere Länder Ampelkennzeichnungen auf freiwilliger Basis eingeführt.

Der von unabhängigen französischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern entwickelte Nutri-Score wird bereits in Frankreich und Belgien verwendet, Spanien hat seine Einführung angekündigt und auch in Portugal, Luxemburg und der Schweiz wird über die Einführung diskutiert.

Das Modell nimmt eine Gesamtbewertung der Nährwertzusammensetzung eines Produktes vor, indem es ernährungsphysiologisch günstige und ungünstige Nährwertbestandteile miteinander verrechnet und auf einer von grün nach rot abgestuften Farbskala einordnet. Mit dem Nutri-Score lassen sich so die Nährwerte verschiedener Lebensmittel wie Tiefkühlpizzen, Frühstücksflocken oder Fruchtjoghurts auf einen Blick vergleichen.

Den „Wegweiser Ernährung“ hat Julia Klöckner im Mai vorgelegt, das staatliche Max-Rubner-Institut hatte es im Auftrag der Ernährungsministerin entwickelt. Anders als beim Nutri-Score fehlt bei diesem „Waben“-Modell eine Einordnung in Ampelfarben. (ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Deutsche Diabetes Gesellschaft: Repräsentative Umfrage zur Nährwertkennzeichnung: Große Mehrheit für Nutri-Score-Ampel. Klöckner-Modell fällt bei deutschen Verbraucherinnen und Verbrauchern durch, (Abruf: 14.08.2019), Deutsche Diabetes Gesellschaft
  • foodwatch: Verbrauchermeinungen zu Nutri-Score und Wegweiser Ernährung, (Abruf: 14.08.2019), foodwatch