Ungesunde Flüchtlinge? Das Märchen vom Migranten als Seuchenbringer

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Ein Gerücht kursiert, in der Presse und sogar in den Sozialbehörden. Rassisten streuen es, um gegen Migranten zu hetzen. Es lautet: Einwanderer schleppen neue Krankheiten ebenso ein wie längst verdrängte Seuchen. Diese Annahme ist falsch, so das Fachmagazin Lancet. Migranten sind im Gegenteil in der Regel überdurchschnittlich gesund.


Biologisches Misstrauen

Eine Vorsicht, dass fremde Menschen Krankheiten übertragen, ist biologisch begründet. Denn seit unserer Zeit als Jäger und Sammler verbreiten sich Erreger, die in einer Gruppe wüten, bei Kontakt mit anderen Gruppen. Eingeschleppte Seuchen können ganze Völker vernichten: Die American Natives hatten keine Immunabwehr gegen Viren und Bakterien der Europäer und ihrer Tiere. Sie starben zu Millionen an Pocken, Masern oder Grippe.

Migranten sind trotz schlechter sozialer Lage im Durchschnitt gesünder als die Mehrheitsbevölkerung in reichen Ländern. Ein Grund: Nur diejenigen mit starken Abwehrkräften überstehen die Strapazen der Reise. (Bild: oneinchpunch/fotolia.com)

Rassistische Hetze

Rassisten knüpfen an diese reale Gefahr an, um gegen die Minderheiten zu hetzen, die sie ausgrenzen, abweisen oder vernichten wollen. So setzten die Nazis Juden gezielt mit Tieren gleich, die Krankheiten übertragen, wie Ratten. Oder sie verglichen sie sogar mit den Krankheitserregern selbst wie Viren oder Bakterien. Mit dieser Assoziation von Juden und tödlichen Mikroben bereiteten sie den Holocaust vor.

Verbreiteter Mythos

Außer bei Neonazis nimmt die Vorstellung der Seuchen bringenden Migranten heute nicht diese mörderische Form an, doch Vorurteile und Stereotypen gehören auch derzeit zum Mainstream: Demnach belasten Einwanderer das Gesundheitswesen, befinden sich in einem schlechten körperlichen Zustand und tragen viele Keime in sich. Diese Vorurteile grassieren sogar unter Krankenschwestern, Ärztinnen und Medizinern.

Gesunde Überlebende

Das Fachmagazin „Lancet“ hat diese Vorstellungen jetzt als falsch aufgeklärt. Die veröffentlichten Studien „The health of a world on the move“ analysieren auf 200 Seiten die gesundheitliche Situation von Migranten weltweit. Fazit: Migranten haben keine schlechte, sondern meist eine sehr gute Gesundheit. Nur so konnten sie die Strapazen von Migration und Flucht überstehen.

Mehr als eine Milliarde auf der Flucht

Weltweit sind mehr als eine Milliarde Menschen auf der Flucht, drei von vier innerhalb ihrer Heimatländer. Nur 258 Millionen verlassen ihre Heimatländer, die meisten von ihnen wiederum fliehen in Nachbarstaaten – von Afghanistan in den Iran oder von Syrien in den Libanon. 2017 waren nur 3,4 Prozent internationale Migranten.

Last für das Gesundheitssystem?

In der rechtspopulistischen Propaganda gelten Migranten als Last für die nationalen Gesundheitssysteme. Dabei würde die Gesundheitsversorgung ohne Migranten in vielen Ländern Europas ebenso wie in den USA kaum noch funktionieren. Überproportional viele Einwanderer aus Osteuropa, Asien und Afrika arbeiten in der Kranken- und Altenpflege sowie als Ärzte und Ärztinnen. Mehr als ein Drittel der Ärzte in Großbritannien studierte in einem anderen Land.

Seltener krank

Eine Analyse von 15 Millionen Menschen aus 92 Ländern belegt: Die Sterblichkeit unter Migranten in den reichen Ländern liegt unterhalb derjenigen der angestammten Bürger. Migranten leiden weniger an Herzkreislauf-Leiden und an Krebs, haben weniger Probleme mit Erkrankungen der Verdauungsorgane, der Atemwege und Nerven. Viele chronische „Zivilisationskrankheiten“ sind bei Migranten aus ärmeren Ländern selten, weil sie sich in ihren Herkunftsorten mehr bewegten und gesünder ernährten als die durchschnittliche Amerikanerin oder der „Normal“-Deutsche.

Paradoxe Gesunde

Die überdurchschnittliche Gesundheit von Migranten sticht sogar besonders heraus, weil sich die Neuankömmlinge in den wohlhabenden Ländern durchschnittlich in einer schlechteren sozialen Situation befinden als die Einheimischen. Und ein niedriger sozialer Status geht gewöhnlich einher mit einem erhöhten Risiko, zu erkranken. Der „healthy migrant effect“ gleicht sogar harte körperlicher Arbeit, Arbeitslosigkeit und gezielte Diskriminierung aus.

Risiko nur bei wenigen Krankheiten

Nur bei sehr wenigen Krankheiten haben Migranten ein höheres Risiko, sich anzustecken. Das sind Hepatitis, Tuberkulose und HIV. Wenn sie aus Ländern kommen, in denen Tuberkulose vorkommt, können sie diese auch mitbringen. Es handelt sich jedoch um Krankheiten, bei denen vor allem andere Migranten Gefahr laufen, sich anzustecken, nicht die Allgemeinbevölkerung. Zudem sind diese Erkrankungen gut zu behandeln.

Tödliche Seuchen?

Fernreisende kennen die Angst, sich mit tödlichen Tropenkrankheiten wie Ebola zu infizieren. Die Gefahr, dass Migranten solche Killerseuchen einschleppen, ist jedoch mehr als unwahrscheinlich. Erkrankte sind kaum in der Lage, sich auf die Reise zu machen, und wenn, dann würden sie diese nicht überleben. Touristen oder infizierte Tiere sind bei solchen lethalen Infektionen ein viel größeres Risiko, um sie von Kontinent zu Kontinent zu transportieren.

Anfangsprobleme

Geflüchtete leiden vor allem unter Problemen, die sich an Orten, wo Menschen konzentriert leben, sehr schnell einstellen – im Flüchtlingsheim nicht anders als in der Armeekaserne. Dazu gehören Krätze oder Durchfall. Diese lassen sich einfach behandeln und sind schnell verschwunden.

Krankheitsträger oder Krankenpfleger?

Die Gefahr, die AfD-Anhänger und Rassisten suggerieren, dass Geflüchtete massiv Krankheitserreger verbreiten, ist also kaum vorhanden. Stattdessen müssen sich Migrantenhasser darauf einstellen, dass sie im Krankenhaus eine Ärztin aus Syrien behandelt und ihnen ein Pfleger aus Afghanistan einen Lebensabend in Würde ermöglicht. (Dr. Utz Anhalt)

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.