Wenn Smartphones uns krank machen: Daumenschmerzen typische Folge

Neue Krankheit: Handy-Daumen richtig therapieren

Smartphones sind aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Das ständige Nutzen der kleinen Geräte kann jedoch gesundheitliche Folgen haben; eine davon ist der sogenannte „Handy-Daumen“. Experten erklären, was Betroffenen helfen kann.


Handybesitzer aktivieren ihr Gerät über 50 Mal pro Tag

Handys und Smartphones sind für viele Menschen zum unverzichtbaren Alltagsbegleiter geworden. Vor allem für einen Großteil der jüngeren Bevölkerung ist ein Leben ohne die kleinen Geräte heutzutage kaum mehr vorstellbar. So zeigte eine Studie, dass es viele Kinder nur 30 Minuten ohne Handy aushalten, bis sich regelrechte Entzugserscheinungen einstellen. Doch auch Erwachsene können ihre Finger kaum davon lassen: Laut einer Untersuchung von Forschern der Universität Bonn aktivieren Handybesitzer ihr Gerät im Durchschnitt 53 Mal am Tag. Das kann gesundheitliche Folgen haben: Eine intensive Handy-Nutzung begünstigt „Phone-Krankheiten“ wie den „Handy-Daumen“. Experten erklären, was dagegen unternommen werden kann.

Die dauerhafte Nutzung von Smartphones kann zu gesundheitlichen Problemen führen, unter anderem zum sogenannten „Handy-Daumen“. Experten erklären, was Betroffene dann tun sollten. (Bild: Antonioguillem/fotolia.com)

Smartphone-Nutzung mit gesundheitlichen Folgen

Dass die immer intensivere Nutzung von Smartphones nicht ohne gesundheitlichen Folgen bleibt, ist schon länger bekannt.

So zeigten Studien, dass solche Geräte den Schlaf stören und bei Kindern und Jugendlichen zu Sprach- und Konzentrationsstörungen führen.

Zudem gehen Experten davon aus, dass durch die ständige Smartphone-Nutzung die Kurzsichtigkeit zunehmen wird.

Des Weiteren drohen durch die Körperhaltung mit gesenktem Kopf Haltungsschäden wie Nackenverspannungen.

Und nicht zuletzt riskieren Menschen, die ständig simsen, surfen und whatsappen, dass sie Daumenschmerzen bekommen.

Neue „orthopädische“ Zivilisationskrankheit

Wie es in einer Mitteilung des Universitätsklinikums Leipzig (UKL) heißt, wird in Deutschland inzwischen vom „Handy-Daumen“ gesprochen, in englischsprachigen Ländern von „WhatsAppitis“ oder „WhatsApp Disease“ – das Smartphone hat der Welt eine neue „orthopädische“ Zivilisationskrankheit gebracht.

„Beim einhändigen Bedienen des Smartphones wird der Daumen überbeansprucht“, so Prof. Dr. Stefan Langer, Bereichsleiter Plastische, Ästhetische und spezielle Handchirurgie an der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie des Universitätsklinikums Leipzig.

„Das verstärkt sich mit zunehmender Größe der Handy-Displays – und mit dem Drang, ununterbrochen in den sozialen Netzen unterwegs zu sein.“

Stärkster Finger der menschlichen Hand

Wie die Experten in der Mitteilung erklären, ist der Daumen „von der Konstruktion her“ dazu gedacht, das Greifen der Hand zu unterstützen.

Der Faustschluss ist eine typische Bewegung für den stärksten Finger der menschlichen Hand; eine Dehn- oder Abspreiz-Bewegung auf Dauer jedoch nicht.

„Die fortgesetzte Daumenbewegung in Richtung kleiner Finger strengt an und führt zu Schmerzen im daumenseitigen Handgelenk“, erläutert Prof. Langer.

„Der typische Patient heute ist 15 bis 25 Jahre, eigentlich kerngesund und natürlich total vernetzt. Früher war der typische Patient eine 65-jährige Frau, die ihr ganzes Leben gearbeitet hat. Sie litt unter Verschleißerkrankungen, zu denen dann auch eine klassische Sehnenscheidenentzündung im Daumenbereich gehörte.“

Handy weglassen bis die Schmerzen weg sind

Laut den Fachleuten ist der Unterschied von heute zu früher im Patientenalter und in der körperlichen Konstitution nicht nur statistisch interessant, sondern raubt den Medizinern Therapieoptionen.

„Die ältere Dame bekam oft eine Kortisonspritze, die Schmerzen ließen nach, die Entzündung klang ab. Nur zur Not mussten wir operieren und das Sehnenfach öffnen“, so der Experte.

„Dem jungen Handy-User kann ich guten Gewissens kein Kortison geben: Der Patient beziehungsweise die Sehne hat noch das ganze Leben vor sich. Da kann es noch echte medizinische Probleme geben, bei denen Kortison unverzichtbar ist“, sagt Prof. Langer.

„Auch für eine OP gibt es keinen wirklichen Anlass. Ich kann den jungen Patienten nur raten: Handy weglassen. Mit etwas Geduld lassen die Schmerzen nach eine Woche nach.“

Auch Ergotherapeuten können helfen

Ergotherapeuten können ebenfalls helfen, beispielsweise Norina Weisenbilder von der Zentralen Einrichtung Physikalische Therapie und Rehabilitation am UKL.

„An jeder Haltestelle sehe ich meine künftigen Patienten stehen – Kopf geneigt, Rundrücken und den Daumen immer in Bewegung. Auf Dauer sind dann Muskelverspannungen die logische Folge. Erst der große Daumenbeuger, dann der Unterarm, die Schulter, der Nacken“, so die Expertin.

Ergo- und Physiotherapeuten beherrschen Techniken, mit denen Faszien, Muskeln und Bindegewebe gelöst werden. Auch ein Kinesio-Tape am Daumensattelgelenk und an der Daumenseite des Unterarms kann helfen, den langen Daumenbeuger zu stabilisieren.

„Ich rate den Handy-Tippern, beide Daumen zugleich einzusetzen“, rät die Ergo- und Physiotherapeutin.

„Damit müssen die Daumen keine großen Entfernungen auf dem Display zurücklegen, werden also nicht überdehnt. Und generell sollte die Spielerei am Handy im Rahmen bleiben. Dann tut auch der Daumen nicht weh.“

Patienten nicht übertherapieren

Indes macht Prof. Langer noch darauf aufmerksam, dass die Handy-Sucht und ihre medizinischen Folgen auch von Allgemeinärzten einkalkuliert werden.

„Ich möchte vermeiden, dass schnell übertherapiert wird. Kommt also ein junger Mensch mit Schmerzen in der Hand, muss man nicht sofort eine Röntgenaufnahme, ein CT oder gar ein MRT veranlassen“, sagt der Leipziger Chirurg.

„Eine preiswerte Ultraschallaufnahme macht meist die geschwollene Sehne sichtbar. Auch die manuellen Therapiemöglichkeiten müssen nicht gleich durchdekliniert werden. Ruhe reicht manchmal schon aus. Am besten wäre es“, so Prof. Langer, „wenn der Arzt ein zeitweises Handyverbot aussprechen könnte, wie bei den eigenen Kindern.“ (ad)