Einsamkeit – Definition und Symptome

Dr. Utz Anhalt

Einsamkeit – Eine Epidemie

Wer einsam sei, der erkranke häufiger an Herzinfarkt, Schlaganfall, Depression und Krebs. Einsamkeit breite sich aus wie eine Epidemie – das meint der Psychiater nicht metaphorisch. Die Krankheit definiert er dabei als das Erleben von sozialer Isolation, die eine Eigendynamik bekäme und zu einem Teufelskreis werde.


„Ein großer Teil der Menschen in der entwickelten westlichen Welt leidet zunehmend unter Einsamkeit. (…) Wir erziehen unsere Kinder in geringerem Maße als früher zu Gemeinschaftswesen, sondern trainieren ihnen überbordende Selbstbezogenheit an.“ Der Hirnforscher Manfred Spitzer, bekannt als Kritiker der Digitalisierung („Cyberkrank“), sieht Einsamkeit nicht nur als Symptom an, sondern als eigene Krankheit, gar als eine Krankheit, die ansteckend ist und „die als eine der häufigsten Todesursachen in der zivilisierten Welt eingestuft wird.“

Kinder werden heute oft zu Einzelkämpfern erzogen. (Bild: altanaka/fotolia.com)

Die Seelenheilkunde habe Eisamkeit meist als Symptom anderer psychischer Störungen aufgefasst. Es handle sich jedoch um einen eigenen Sachverhalt, eine eigene Krankheit.

Die Single-Gesellschaft

Die Zahl der Einpersonenhaushalte steigt kontinuierlich. In jungen Jahren könnten Menschen dies als Ausdruck der Freiheit wertschätzen, mit zunehmendem Alter werde das aber zu einem Problem. Hohe Ansprüche und die Vorstellung davon, dass „etwas Besseres“ komme, verhindere eine erfüllte Partnerschaft. Auch würden immer mehr Menschen langjährige Partnerschaften verlassen und allein leben. Die erhoffte Freiheit werde jetzt zu Einsamkeit.

Soziale Isolation ist objektiv, Einsamkeit subjektiv

Er unterscheidet objektive soziale Isolation vom subjektiven Empfinden der Einsamkeit. Beide hingen zusammen: Je größer die soziale Isolation sei, umso mehr steige das Gefühl der Einsamkeit. Menschen mit wenig Freunden würden mit der Zeit immer einsamer werden.

Menschen sind die sozialsten Säugetiere?

Laut Spitzer sind Menschen von allen Säugetieren ganz besonders auf ein Leben in der Gemeinschaft eingerichtet. Laut Daniel Kahneman, israelisch-US-amerikanischer Psychologe und Nobelpreisträger verbringen Menschen circa 80 % ihrer Wachzeit mit anderen Menschen.

Den heutigen Trend zum „Single-Leben“ sieht Spitzer dazu in Widerspruch. Der Trend zum Alleinsein sei ein Megatrend und zwar in der großen Mehrheit der Länder. Überall zeige sich eine Zunahme des Individualismus, in der gelebten Praxis ebenso wie in den Werten.

Spitzer schreibt: „Auch eine noch so große Zahl von Einsiedlern oder Narzissten ist keine Gemeinschaft. Aus der Sicht jeder funktionierenden Gemeinschaft ist daher alles, was das Miteinander und die Kooperation von Menschen fördert, von existentieller Bedeutung.“ (S.45)

Einsamkeit ist ansteckend

„Versteht man unter Einsamkeit (…) das Erleben von sozialer Isolation (und nicht die soziale Isolation selbst…), so ist durchaus widerspruchsfrei denkbar, dass sich dieses soziale Erleben durch soziale Interaktion auf andere übertragen kann.“ (S.71)

Spitzer hält Alkoholismus und Übergewicht für ansteckend, ebenso Einsamkeit. Je näher wir an einem Einsamen wohnen, umso eher würden wir uns selbst einsam fühlen. Affekte und Emotionen könnten anstecken, und dazu gehöre die Einsamkeit. Eine solche emotionale Ansteckung ist in der Medizin altbekannt, und inzwischen auch durch die Hirnforschung belegt, weil Menschen sich anderen Menschen emotional annähern, indem sie deren Sprache, Gestik und Mimik automatisch nachahmen und mit dem anderen Menschen synchronisieren. Das gilt, laut Spitzer, auch für Einsamkeit.

Schmerz, Krankheit, Tod

Spitzer teilt sein Buch in zehn Kapitel auf, in denen er ausgiebig aus Studien zitiert, die alle anhand unterschiedlichen Aspekten belegen sollen, wie schädlich Einsamkeit ist. Das reicht von „Einsamkeit löst Stress aus“ bis zu „Einsamkeit tut weh“ und „Einsamkeit als Krankheitsrisiko“ bis zu „Todesursache Nummer eins“. Immer geht es um das Empfinden von Einsamkeit.

„Das Internet macht einsam“

„Anlass zur Sorge bereiten (…) wissenschaftliche Studien, die belegen, dass moderne Informationstechnik reale Sozialkontakte gerade bei Kindern und Jugendlichen in einem nie da gewesenen Ausmaß ersetzt.“ (S.122)
Spitzer sieht vor allem heutige Trends wie Ich-Bezogenheit, die sozialen Medien, Laptop, Smartphone und Facebook als riskant. Soziale Medien verursachen ihm zufolge Einsamkeit, Angst und Depression. Das sei erschreckend, weil sie „bei jungen Menschen einen wesentlichen Teil der Alltagsgestaltung“ ausfüllen. Dies schade der sozialen Gesundheit.

Das Smartphone kann zur Einsamkeitsfalle werden. (Bild: deagreez/fotolia.com)

„Soziale Medien sind nicht sozial“

Warum führen gerade soziale Medien zu Einsamkeit? Spitzer hält sie nicht für sozial, im Gegenteil. Soziale Beziehungen zeichneten sich gerade durch ihre Unmittelbarkeit aus. Wir gucken anderen in die Augen und nehmen dabei ihre Sprachmelodie, ihren Ausdruck, Mimik und Gestik wahr. Der Bildschirm dazwischen schaffe gerade diese Unmittelbarkeit ab. Genau das führe zu Einsamkeit.

Die zunehmende Freizeit am Computer vermindere die Empathie und nichts könne direkte soziale Kontakte ersetzen; Metaanalysen zeigten einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Nutzen digitaler Medien einerseits und geringerem Wohlbefinden und Depressionen andererseits. (S.122)

Er schreibt: „Die ersten Facebook-Nutzer waren sozial besonders aktive Menschen, die das neue Onlineangebot nutzten, um ihre vielen Kontakte noch besser zu managen. Mittlerweile nutzt hingegen nahezu jeder Jugendliche Facebook oder ähnliche soziale Onlinemedien in einem Ausmaß, das sein soziales Leben messbar und deutlich beeinträchtigt.“ (S.127)

Mehr noch. Teilnehmende einer Studien hätten sich nach der Nutzung von Facebook schlechter gefühlt und das Gefühl gehabt, ihre Zeit sinnlos verschwendet zu haben, nutzten aber immer wieder Facebook, so Spitzer, weil sie vor dem FB-Nutzen glaubten, dass es ihnen danach besser ginge. (S.130).

Sprachentwicklung ist soziale Entwicklung

Es gibt dem Autor zufolge für kleine Kinder nichts Interessanteres als andere Menschen. Die Muttersprache lasse sich nicht mittels Bildschirm und Lautsprecher lernen. Kinder beobachten den Mund der Eltern, die sie im Arm halten, um die Sprachlaute besser unterscheiden zu können und Empathie können Menschen nur im Dialog miteinander erlernen, so Spitzer. Der Fernseher behindere die kindliche Sprachentwicklung, selbst wenn er im Hintergrund laufe. Mitgefühl werde im Dialog gelernt, Sprachentwicklung sei immer auch soziale Entwicklung und beides werde durch Medien nachweislich gestört.

Soziale und körperliche Schmerzen

Untersuchungen zeigten einen Zusammenhang zwischen sozialen und körperlichen Schmerzen. Sie haben laut Spitzer eine gemeinsame neurobiologische Grundlage. Wie körperliche Schmerzen sei auch Einsamkeit ein Warnsignal, ein Appell des Organismus, soziale Beziehungen zu pflegen, um zu überleben. Einsamkeit löse Stress aus, die Reaktion des Körpers auf Gefahr. Während Stress aber in akuten Situationen überlebenswichtig sei, mache chronischer Stress krank. Damit verbundener dauerhaft zu hoher Blutdruck, die Unterdrückung der Verdauung etc. und entsprechende Folgeerkrankungen seien die Konsequenz.

Einsamkeit bilde demnach ebenso einen Risikofaktor wie Rauchen oder Bewegungsmangel, sie erhöhe das Risiko, an Infektion zu erkranken, führe zu hohem Blutdruck, psychischen Folgekrankheiten und einem schwachen Immunsystem.

Soziale Onlinemedien: gemeinsam einsam

Ein Mehr an digitaler Kommunikation geht, laut Spitzer, keineswegs mit einer Zunahme an erlebter sozialer Verbundenheit einher, im Gegenteil. Die Medien stünden zwischen den Menschen, würden wirkliche Kontakte behindern und so Einsamkeit erzeugen. Dies werde durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse belegt. Soziale Onlinemedien erzeugen demnach Einsamkeit, Angst und Depression. Das permanente Vergleichen mit anderen, die soziale Orientierung „nach oben“ und Selbstunsicherheit seien es, die in Verbindung mit Onlinemedien krank machen.

Sein Standpunkt ist eindeutig: „Soziale Medien schaden der seelischen Gesundheit.“ Menschen würdne sich durch soziale Medien von der Stimmung anderer anstecken lassen. Durch soziale Onlinemedien schwinde das gegenseitige Vertrauen, Depressionen häuften sich, und die Einsamkeit steige. Statt Freude mit Freunden käme nur heiße Luft, schaler Geschmack und Leere. Reale Wirklichkeit sei unvermittelt. Zwischen medialen und realen Kontakten bestünden Riesenunterschiede. Wer seine Zeit mit sozialen Onlinemedien statt mit echten Gesprächen verbringe, der riskiere damit seine Lebenszufriedenheit und sein Glück.
In wirklichen Dialogen handelten Menschen gemeinsam. Wenn niemand führe und niemand folge, werde man sich schnell einig und könne effektiver handeln.

Er schreibt: „Viele tägliche kleine reale Begegnungen mit meist wildfremden Menschen sind der Kitt, der nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch unsere Gesellschaft zusammenhält.“

Smartphone-Vertrauenskrise

Vertrauen entstehe durch gelingende Interaktionen zwischen fremden Menschen. Das klappe nur, wenn sich jeder an die Spielregeln halte. Vertrauen sei schnell verspielt und nur langsam wieder aufgebaut. Durch das Smarthone nähmen jetzt aber die Begegnungen von Mensch zu Mensch, die uns immer wieder die Abhängigkeit von anderen zeigen, ab. Onlineshopping, Onlinebanking, GPS-Orientierung etc. verlaufe ohne Kontakt zu Menschen. Chatten, Mailen, SMSen etc. funktioniere ohne direkten Kontakt zu Menschen. Persönliche Unterhaltung werde durch mediale Unterhaltung ersetzt. Die sozialen Kontakte, die in gesunden Gesellschaft zu Erlebnissen der Zugehörigkeit führen, würden also gemindert. Wer anderen weniger vertraue, sei einsamer. So könne auch das Smartphone zu mehr Einsamkeit führen.

Einsamkeit kann zu Depression und Sucht führen. (Bild: Syda Productions)

Einsamkeit als Krankheitsherd

Zu den Krankheiten, die Einsamkeit begünstigen, zählen Spitzer zufolge Bluthochdruck, Stoffwechselstörungen, Gefäßleiden, Schlafstörungen, Depressionen, Lungenkrankheiten und Infektionskrankheiten.

Psychische Krankheiten und Einsamkeit bilden laut dem Autor oft einen Teufelskreis der sozialen Isolation. Zu den alltäglichsten Erfahrungen in der Psychiatrie seien zu wenig soziale Kontakte und das Erleben von Einsamkeit zu zählen. Einsamkeit sei ein Leitsymptom von Patienten mit Depression, Schizophrenie, wahnhaften Störungen und Süchten. Im Alter werde der Rückgang der geistigen Leistungsfähigkeit durch Einsamkeit verstärkt.

Todesursache Nummer Eins

Laut Spitzer gehen sowohl objektive soziale Isolation wie auch das Erleben von Einsamkeit mit einem höheren Sterberisiko einher. Die negativen Auswirkungen von Einsamkeit seien größer als die von Rauchen, Übergewicht, starkem Alkoholkonsum oder mangelhafter Ernährung. Einsamkeit und soziale Isolation seien ebenso vermeidbare Risiken wie die anderen Faktoren. Risikofaktoren wie Rauchen, Diät oder Bewegung nähmen Ärzte zwar ernst, diese sollten aber um soziale Beziehungen ergänzt werden.

Ist jede Beziehung besser als keine?

Als Psychiater mit über 30 Jahren im Beruf wisse er, dass Beziehungen als „Hölle“ erlebt werden können, schreibt Spitzer. Dabei handle es sich aber um Extremfälle. Generell verbinde Eheleute mehr als Freunde und Bekannte, auch bei den gemeinsamen Aktivitäten, und dies biete einen Nährboden für gegenseitige Hilfe, ebenso wie für Konflikte. Die Paarbeziehung sei die wichtigste Beziehung von Menschen. (S.175)
Eine bessere Qualität der Ehe gehe zudem mit einerinsgesamt besseren Gesundheit und geringerer Sterblichkeit einher. (S.177).

Glück und Gemeinschaftswesen

Durch viele kleine Handlungen kann laut Spitzer der negative Kreislauf geschwächt werden. Dazu gehöre Musizieren, Singen und Tanzen – Kulturen, die soziale Aktivität nicht pflegen, würden nicht überleben. Kooperieren, koordinieren und wieder kooperieren lauten die Schlüssel. Alle Handlungen, die Menschen einander näher bringen, wirken dem Autor zufolge gegen Einsamkeit.

Positive Einsamkeit

Laut Spitzer gibt es aber auch ein positives Alleinsein. Um dieses auszukosten, müsse man aktiv in die Natur gehen. Menschen, die dies tun, würden ein größeres Bewusstsein für Gemeinschaft und Verbundenheit entwickeln. In der Natur würden wir unsere Emotionen besser in den Griff bekommen und diese Art von Alleinsein wirke gegen die, jetzt negativ gemeinte, Einsamkeit.

Bewusste Einsamkeit kann auch gut tun. (Bild: Sasastock/fotolia.com)

Kritik – Von allem etwas und von allem zu wenig

„Einsamkeit, die unerkannte Krankheit“ soll ein „überfälliger Weckruf“ sein. Dabei präsentiert Spitzer nichts neues. Ob Kafka, Marcuse, Adorno oder Sartre: Dass die Moderne mit der größeren individuellen Freiheit des Menschen auch eine größere Unsicherheit und den Verlust der alten sozialen Bindungen brachte, begleitetet die Literatur dieser Moderne seit ihren Anfängen. Die Frage ist, wen möchte Spitzer erreichen, und was soll sein Buch sein?

Handelt es sich um die populäre Form einer neuen wissenschaftlichen Erkenntnis über eine Krankheit namens Einsamkeit, wie die vielen zitierten Studien nahe legen? Dann stellt sich die Frage, warum er sich vor allem auf amerikanische Studien bezieht? Die lassen sich nicht einfach auf Europa oder Deutschland übertragen – zudem sind sie empirisch noch nicht einmal tragbar. Bisweilen wirkt es, als ob seine Meinung vor der Studie steht, die er zitiert und es bleibt die Frage, ob sich die Studien nicht auch genau umgekehrt bewerten ließen. Wissenschaftlich valide sind seine Auslassungen also nicht.

Die Art, wie Spitzer mit Studien umgeht, um seine zugespitzten Thesen zu unterfüttern, wirkt mitunter unseriös. Zum Beispiel zitiert er eine Studie, nach der in amerikanischen Büchern heute häufiger als vor 50 Jahren das Wort „Ich“ vorkommt und seltener das Wort „wir“. Dies gilt ihm als Beleg für das, was er sowieso weiß: Die Menschen seien immer narzisstischer geworden.

Studien und Fakten sind für ihn offensichtlich nur interessant, um sie als Farbtupfer in seinen knackigen Statements zu verwenden wie „Das Lebensrisiko Nummer Eins“ oder „Todesursache Nummer Eins“. Das hat nun mit Wissenschaft wenig zu tun, aber viel mit Marktschreierei, um Bücher zu verkaufen, was ihm auch gut gelingt.

Hilfe für Betroffene?

Soll das Buch helfen, Einsamkeit aktiv zu bekämpfen? Betroffenen ist mit dem ausgiebigen Zitieren von, vor allem amerikanischen, Studien wenig geholfen. Auch die Tipps nach dem Motto „tritt in einen Gesangschor ein oder in eine Tanzgruppe“ wirken seltsam hilflos, wenn jemand ein so ernstes Problem hat wie die „Todesursache Nummer Eins“.

Gesellschaftskritik?

Soll es ein „Weckruf“ an die Gesellschaft sein? Da bleibt es auf halbem Wege stehen. Marcuses „eindimensionaler Mensch“ oder Adornos „Kulturindustrie“ haben da bereits vor Jahrzehnten wesentlich mehr zu dem von Spitzer skizzierten Problem geleistet. Wenn wir die „unerkannte Krankheit“ Einsamkeit als Folge der Entfremdung im Neoliberalismus und Spätkapitalismus begriffen, dann würde ein „Weckruf“ bedeuten, die Menschenfeindlichkeit neoliberaler Politik, die das soziale Wesen des Menschen leugnet, zu entlarven. Hier schreibt Spitzer um den heißen Brei herum, ohne auch nur etwas über dessen Geruch zu verraten.

Eine Krankheit?

Ins Stolpern gerät Spitzer bei der Defintion dieser Krankheit. Dramatisch scheint sie zwar zu sein: Unerkannt, ansteckend und tödlich – so wie ein bisher unbekannter Virus, der sich epidemisch ausbreitet. Für eine so schlimme Krankheit fehlen ihm aber diagnostische Kategorien, die es erlauben würden, den Begriff anders als metaphorisch zu benutzen. Todesursache Nummer eins postuliert Spitzer reißerisch, gesteht dann aber selbst ein, dass das Datenmaterial einen solchen Schluss nicht zulässt.

In seinen eigenen Ausführungen zeigt sich, dass sich Einsamkeit, wie er sie negativ beschreibt, kaum als Krankheit mit festen Symptomen bezeichnen lässt, sondern vielmehr als Ursache von Krankheiten. Auch Rauchen, um nur einen Vergleich zu wählen, den Spitzer selbst bemüht, ist nicht selbst die Krankheit, sondern ein Risikofaktor, um zum Beispiel eine Krankeit wie Lungenkrebs zu entwickeln.

Ganz schwierig würde es dann bei seinen „Therapien“, wenn das von ihm beschriebene Phänomen wirklich eine Krankheit wäre. Im Licht seiner eigenen Dramaturgie einer tödlichen Krankheit wirken seine Vorschläge albern: Unter Menschen gehen, soziale Beziehungen pflegen, Ehrenämter bekleiden, helfen und geben… Ist die von ihm beschriebene Einsamkeit nicht gerade ein Teufelskreis, vergleichbar einer Depression? Der bedeutet doch, dass die Betroffenen die von Spitzer vorgeschlagenen Schritte gerade nicht ohne professionelle Hilfe gehen können.

Diese Unklarheit darüber, was diese Krankheit sein soll, ist auch deshalb schade, weil es anerkannte Syndrome gibt, die sehr viel mit Vereinsamung zu tun haben, zum Beispiel das Verbitterungssydrom. Hier fühlen sich Menschen verraten, um ihr Lebenswerk betrogen, und zum Beispiel „fressen alte Menschen ihre Wut in sich hinein“, weil die Enkel, für die sie meinen, alles getan zu haben, sich nicht mehr kümmern, wenn sie am Ende ihres Lebens jemand bräuchten, der für sie da ist.

Ansteckend?

„Ansteckung“ bedeutet bei Spitzer nicht mehr, als dass Menschen die Verhaltensweise anderer Menschen übernehmen. Das hat aber mit der Ansteckung einer durch Bakterien, Viren oder Pilze übertragenen Krankheit nichts zu tun, sondern Ansteckung ist hier eine Metapher. Lachen steckt an, Trauer steckt an, Filmszenen berühren uns so wie echtes Geschehen, Menschen können traumatisiert werden, wenn andere Menschen ihnen von schrecklichen Eigenschaften nur erzählen. Alles ist irgendwie ansteckend. Die medizinische Definiton ist ein andere.

Wenn Spitzer Einsamkeit als Erleben sozialer Isolation bezeichnet, widerspricht er sich mit der Bezeichnung Krankheit. Wäre es eine physisch wirksame Krankheit, müssten Organe davon betroffen sein. Wäre es eine psychische Erkrankung, gäbe es dafür harte Kriterien, die sie auszeichnet. Er beschreibt vielmehr ein Phänomen, eine Empfindung.

Sind die sozialen Medien nur schlecht?

Spitzer liebt Rundumschläge. Die sind aber gerade bei der Rolle sozialer Medien nicht hilfreich. Selbstredend steht bei Facebook, Twitter oder Instagramm das Medium zwischen der unmittelbaren Begegnung. Hier wartet Spitzer aber zu der von ihm beschworenen großen Gefahr nicht mit differenzierten Studien auf, zum Beispiel darüber, ob und welche sozialen Beziehungen Facebook-Freunde in der wirklichen Welt pflegen.

Das bedeutet nicht notwendig, dass seine Kritik falsch ist, zumindest aber unzureichend. Zum Beispiel hilft vermittelte Kommunikation, wenn ich Menschen suche, die meine politische Einstellung, meine Interessen und meine Hobbies teilen. Und wenn ich dann auf Facebook erfahre, wo in meiner Heimatstadt Veranstaltungen stattfinden, treffe ich besser real auf andere Menschen, die meine Interessen teilen, als ohne soziale Medien.

Keine Panik: soziale Netzwerke können auch positiv sein. (Bild: zdravinjo/fotolia.com)

Umgekehrt: Wenn ich auf der Straße unmittelbar Menschen zu den Themen anspreche, die ich kenne und kaum oder negative Resonanz bekomme – fühle ich mich dann nicht am Ende einsamer, als wenn ich mich zuerst in sozialen Medien über diese Interessen austausche und mich dann mit Gleichgesinnten in der realen Welt treffe? Außerdem ermöglichen es soziale Medien auch, den Kontakt zu alten Freunden wiederherzustellen, mit Bekannten in Kontakt zu bleiben, die in andere Städte gezogen sind, und so weiter.

Was Spitzer also als fast zwangsläufige Vereinsamung durch soziale Medien darstellt, wäre eher ein Hinweis darauf, Medienkompetenz zu fördern.

Sehnsucht nach der guten alten Zeit?

Zwischen den Zeilen wirkt „Einsamkeit“ leider manchmal wie ein Klagen über die „Jugend von heute“. Die ist narzisstisch, egomanisch und ohne Empathie, während „wir“ in diesem Alter noch zusammen arbeiteten, die Nächte durchdiskutierten, uns gegenseitig halfen und mit anderen teilten. Und das ist dann kein „Weckruf“, sondern eine Geschichte zum Einschlafen.

Ganz vergessen sind dabei die Probleme, unter denen Menschen in der „guten alten Zeit“ oder noch heute in konservativen Dorfstrukturen litten und leiden: Gruppenzwang, soziale Kontrolle, Ausgrenzung von Außenseitern, mangelnde Privatsphäre.

Wenn ich hingegen im Szeneviertel einer Großstadt lebe, kann ich bei einem Anflug von Einsamkeit Cafés aufsuchen, Wildfremde auf einer Parkbank ansprechen, auf Konzerte und in Kneipen, Bars und Clubs gehen und dort Menschen treffen. Wenn Einsamkeit das Erleben sozialer Isolation bedeutet, dann ist die Gefahr dafür wesentlich größer, wenn ich in einem Dorf lebe, wo die Einheimischen mich nicht mögen und der einzige Treffpunkt die Tankstelle ist.

Was bleibt?

Ein „Weckruf“ ist Spitzers Buch nicht, und die von ihm zitierten Studien werden von ihm fast willkürlich auf seine Idee von negativer Einsamkeit hin interpretiert. Kann das Buch neue Denkanstöße geben? Nur wenig, denn es schürt Ängste statt Perspektiven zu bieten. Über Einsamkeit erfahren wir bei Kant und Kafka, Poe und Nietzsche, Bierce und Goethe weit mehr als bei Spitzer.

Für Menschen, die unter Einsamkeit im negativen Sinne leiden, bietet das Buch sehr wenig. Sie wären mit konkreten Therapieangeboten und einer Liste von Fachleuten, an die Sie sich wenden können, weit besser bedient als mit Tipps, die daherkommen als „Schalt das Smartphone aus und pflege soziale Kontakte“.
Wer so unter Einsamkeit leidet, dass er ernsthaft erkrankt, braucht professionelle Hilfe, weil er sich selbst nicht helfen kann. Bräuchte er diese nicht, wäre es keine ernste Krankheit. Den Betroffenen hilft Spitzers Rundumschlag wenig, und eine praktische Hilfestellung für Menschen, die an Einsamkeit „erkrankt“ sind, steht nach wie vor aus. (Dr. Utz Anhalt)

Quelle:
Manfred Spitzer: Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft. Ansteckend. Tödlich. Droemer 2018.