Dickes Blut – Ursachen, Symptome und Behandlung

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Was man umgangssprachlich als „dickes Blut“ bezeichnet, heißt medizinisch korrekt eigentlich Polyglobulie oder Erythrozytose und beschreibt eine über das Normalmaß hinaus vorliegende Konzentration von roten Blutkörperchen (Erythrozyten) im Blut. Für die Gesundheit kann dies ernste Probleme bedeuten, denn durch das Übermaß an Erythrozyten verdichtet sich das Blut tatsächlich, was dessen Fließeigenschaften enorm beeinträchtigt. Die Folge können Gefäßerkrankungen wie Thrombosen und Engpässe in der Sauerstoffversorgung des Körpers sein. Auch das Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls steigt durch die Erythrozytose enorm.


Definition

Unser Blut ist das Hauptversorgungsliquid unseres Körpers und besteht aus einer 90-prozentigen, wässrigen Lösung, in der maßgeblich folgende Stoffe vorkommen:

  • rote Blutkörperchen (Erythrozyten),
  • weiße Blutkörperchen (Leukozyten),
  • Blutplasma,
  • Eiweiß (Proteinen),
  • Salze.
Dickes Blut beschreibt eine über das Normalmaß hinaus vorliegende Konzentration von roten Blutkörperchen (Erythrozyten, hier im Bild dargestellt), was für die Gesundheit ernste Probleme bedeuten kann. (Bild: fotomek/fotolia.com)

Zusätzlich finden sich im Blut aber noch andere Stoffzusätze, die zwar nur in molekularer Größenordnung enthalten sind, jedoch die mannigfaltigen Funktionen wiedergeben, die dem Blut im Körper zukommen. Grob einteilen lassen sich diese Aufgaben wie folgt:

  • Stofftransport: Die Hauptaufgabe des Blutes ist es, wichtige Stoffe an ihren Einsatzort im Körper zu transportieren, darunter Nährstoffe, Sauerstoff und sogar Hormone. Für den Sauerstofftransport sind hierbei die Erythrozyten verantwortlich, welche die Sauerstoffmoleküle aus der Lunge binden und erst an ihrem Bestimmungsort im Organismus wieder freisetzen. Gleichzeitig ist das Blut auch am Abtransport von Stoffwechselabbauprodukten beteiligt, darunter Kohlendioxid und Harnstoff.
  • Immunabwehr: Die im Blut befindlichen Leukozythen sind essenzieller Bestandteil des Immunsystems und werden bei Angriffen auf die Gesundheit durch Fremdkörper (z.B. Bakterien oder Viren) zu deren Bekämpfung veranlasst. Dies geschieht in mehreren Schritten, die neben der Fremdkörperanalyse auch die Produktion von Antikörpern umfasst. Darüber hinaus ist die Gerinnungsfunktion des Blutes ein wichtiger Bestandteil der Körperabwehr bei Verletzungen, denn durch die Blutgerinnung werden Wunden verschlossen und Keime somit am Eindringen in die Wundöffnung gehindert.
  • Wärmeregulierung: Durch das kontinuierliche Fließen des Blutes durch den Körper wird dieses auch zum Wärmeleiter. Dank der Blutzirkulation lässt sich also auch die Körpertemperatur regulieren. Dabei wird sowohl körpereigener als auch von außen auf den Organismus einwirkender Wärmeüberschuss reguliert.

Eine Erythrozytose kann nun auf alle genannten Funktionen gefährliche Auswirkungen haben. Entstehungsursache ist eine gesteigerte Blutneubildung, welche die Anzahl der im Blut befindlichen Erythrozyten deutlich erhöht. Gemessen wird die Erythrozytenzahl dabei im sogenannten Hämatokritwert. Dieser liegt im Normalfall zwischen 37 und 45 Prozent bei Frauen und 42 bis 50 Prozent bei Männern. Im Falle von Erythrozytose ist der Wert folglich deutlich erhöht und beträgt sichtlich mehr als 50 Prozent.

Durch die veränderte Konsistenz des Blutes wird dieses tatsächlich dicker und kann seinen Funktionen nur noch bedingt bis gar nicht mehr nachkommen. Vor allem Durchblutungsstörungen und damit verbundene Begleiterscheinungen sind typisch für die Bluteindickung und können von sichtbaren Anzeichen eines Sauerstoffmangels (v.a. Zyanose) bis hin zu Organversagen durch mangelnde Sauerstoffversorgung reichen. Besonders gefährlich sind diesbezüglich Störungen der Herz- und Gehirnfunktion.

Sauerstoffmangel als Hauptursache

Die Ursachen für eine Erythrozytose sind vielseitig und können physiologischer oder krankhafter Natur sein. Physiologisch spielen dabei die Entstehungsmechanismen der roten Blutkörperchen eine übergeordnete Rolle. Deren Vorkommen im Blut wird normalerweise über das Hormon Erythropoetin (kurz: EPO) reguliert, welches in der Niere gebildet wird. Da Erythrozyten für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich sind, erfolgt auch die Steuerung des Hormons über den Sauerstoffgehalt des Blutes. Ist über einen längeren Zeitraum hinweg zu wenig Sauerstoff im Blut vorhanden, reagiert das Hormon darauf, indem es die Bildung von Erythrozyten im Knochenmark anregt.

Der Anteil roter Blutkörperchen wird normalerweise über das Hormon Erythropoetin (kurz: EPO, hier im Bild schematisch dargestellt) reguliert, welches in der Niere gebildet wird. (Bild: molekuul.be/fotolia.com)

Bei anhaltendem Sauerstoffmangel im Blut (Hypoxämie) versucht der Körper zunächst, das Sauerstoffniveau durch Mehrproduktion von Erythrozyten zu kompensieren. Das Erythropoetin wird also dazu veranlasst, die Produktionsrate roter Blutkörperchen heraufzusetzen, was infolge zu einer physiologisch bedingten Erythrozytose führt. Verantwortlich für derartige Körperabläufe können dabei verschiedene Einflussfaktoren sein. Denkbar ist zum Beispiel ein längerer Aufenthalt in sauerstoffarmer Umgebung. Hierzu kommt es insbesondere bei Aufenthalten in großer Höhe von über 4000 Metern.

Auch dauerhaftes Rauchen kann eine Erythrozytose hervorrufen. Grund hierfür ist die Tatsache, dass das im Zigarettenrauch enthaltene Kohlenmonoxid die Sauerstoffbindungsstellen der Erythrozyten blockiert und diese in Folge weniger Sauerstoff binden können. Das Sauerstoffniveau des Blutes wird durch diese Störung langfristig herabgesetzt. Im Bereich der Krankheitsursachen sind darüber hinaus häufig Herzkrankheiten wie Herzinsuffizienz oder Herzklappenfehler und Lungenerkrankungen wie Asthma bronchiale, COPD oder ein Lungenemphysem für eine Hypoxämie verantwortlich.

Apropos EPO: In der Schweiz haben Forscher kürzlich einen Durchbruch in der Ursachenforschung zur Entstehung autosomal-dominant vererbter Erythrozytose erzielt. Probanden waren die Mitglieder einer Familie, in der etwa 50 Prozent aller männlichen und weiblichen Angehörigen über vier Generationen an dickem Blut litten. Als Ursache wurde hier ein Gendefekt ermittelt, der für eine Mutation des EPO-Gens sorgte.

Tumorerkrankungen und Sauerstoffniveau des Blutes

Ein weiterer Faktor, der die Erythrozytenproduktion überschießen lassen kann, sind Krebserkrankungen im Bereich des blutbildenden Systems. Zu nennen wäre hier beispielsweise die Osteomyelofibrose. Dahinter verbirgt sich eine maligne Erkrankung des Knochenmarks, bei der es durch Zellentartungen zum stetigen Umbau von Knochenmarksanteilen in Bindegewebe (Fibrose) kommt.

Auch Morbus Cushing, eine Tumorerkrankung der Hirnanhangsdrüse, ist als Ursache für Erythrozytose nicht auszuschließen. Die Erkrankung hat eine erhöhte Stimulation der Nebennierenrinde zur Folge und greift somit in die niereneigene Produktion der roten Blutkörperchen ein. Gleiches gilt für verschiedene Formen von Nierentumoren, welche ähnliche Störungen in der Erythrozytenbildung auslösen. Nicht zuletzt stellt selbstverständlich auch Blutkrebs einen Störfaktor dar, der die Bildung und Funktionalität von roten Blutkörperchen erheblich beeinträchtigen kann.

Sonstige Ursachen

Unterschätzt werden in Sachen dickes Blut Einflussfaktoren wie massives Erbrechen und anhaltender Durchfall. Durch den hiermit verbundenen Flüssigkeitsverlust des Körpers werden nämlich die relativen Anteile flüssiger Blutbestandteile auf Dauer stark vermindert, was die stoffliche Konzentration des Blutes dahingehend verändern kann, dass rote Blutkörperchen überhandnehmen. Häufig mit schwerer Übelkeit und unentwegtem Erbrechen verbunden sind dabei vor allem Magen-Darm-Infekte, Vergiftungen und Lebensmittelunverträglichkeiten.

Einflussfaktoren wie massives Erbrechen und anhaltender Durchfall werden häufig unterschätzt, stellen aber aufgrund des Flüssigkeitsverlust einen möglichen Auslöser für dickes Blut dar. (Bild: Doris Heinrichs/fotolia.com)

Eine vermehrte Zufuhr des Erythrozyten bildenden Hormons Erythropoetin von außen ist als Ursache für die Erkrankung ebenfalls nicht auszuschließen. Hierzu kommt es vor allem durch Doping mit Präparaten wie EPO oder Androgenen. Eine relativ seltene Krankheitsursache ist ferner das sogenannte fetofetale Transfusionssyndrom – eine Durchblutungs- und Ernährungsstörung, die ausschließlich bei eineiigen Zwillingen im Mutterleib auftritt und für einen wechselseitigen Blutaustausch zwischen den Kindern sorgt. Ein stoffliches Ungleichgewicht im Blut der betroffenen Zwillinge ist im Rahmen dieses Syndroms relativ wahrscheinlich.

Symptome

Die Symptome bei Erythrozytose umfassen vor allem Konsequenzen, die sich aus dem unzureichenden Sauerstofftransport des Blutes ergeben. So sind anhaltende Müdigkeit und Kopfschmerzen zum Beispiel typische Folgen des Sauerstoffmangels. Auch die Zyanose, eine Blaufärbung von Körperteilen durch sauerstoffarmes und deshalb dunkel verfärbtes Blut, gilt als allgemein typisch. Dabei sind vor allem die Extremitäten und Akren als körperferne Gliedmaßen besonders von der Zyanose betroffen.

Ein hohes Risiko stellen zudem durch die Bluteindickung beförderte Atemprobleme und Thrombosen dar. Letztere entwickeln sich im Rahmen einer Erythrozytose nur allzu gern, da der Blutdruck aufgrund des eingedickten Blutes rasch steigt und somit für Blutstaus in den Venen sorgt. Insgesamt ist krankheitsbedingt mit folgenden Beschwerden zu rechnen:

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    • Zyanose

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    • Stoffwechselstörungen

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    • Gefühl der Atemnot

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    • Störungen der Organfunktionen

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Achtung: Unbehandelt kann eine Erythrozytose zu schweren Funktionsstörungen des Herzens und des Gehirns führen. Das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko steigt hierdurch enorm! Auch eine Lungenembolie kann die Folge einer nicht therapierten Bluteindickung sein.

Diagnose

Die Diagnose wird bei dickem Blut laborchemisch durch die Analyse von Blutproben gestellt. Die wichtigsten Laborparameter sind hier neben dem Hämatokritwert vor allem Hämoglobin- und Eryhtropoetinwerte sowie der Sauerstoffpartialdruck in den Blutgefäßen. In der weiteren Diagnostik schließen sich je nach Fokus noch sonografische Verfahren und kardiodiagnostische Verfahren (z.B. EKG und Herzultraschall) an. Besteht der Verdacht auf eine Tumorerkrankung kommen ferner bildgebende Verfahren wie CT oder MRT zum Einsatz.

Blutprobe zur laborchemischen Bestimmung von dickem Blut. Die wichtigsten Laborparameter sind hier neben dem Hämatokritwert vor allem Hämoglobin- und Eryhtropoetinwerte und der Sauerstoffpartialdruck in den Blutgefäßen. (Bild: Henrik Dolle/fotolia.com)

Therapie

Die therapeutischen Maßnahmen gegen Erythrozytose richten sich ganz nach der zugrunde liegenden Ursache. Sollte diese in einem Gendefekt begründet liegen, gibt es leider kaum Möglichkeiten, die Erkrankung vollständig zu heilen. Für die meisten anderen Einflussfaktoren existieren mittlerweile allerdings sehr gute Behandlungsoptionen.

Gezielte Flüssigkeitszufuhr

Ist der Anteil an Erythrozyten nur relativ erhöht, weil zu wenig flüssige Bestandteile im Blut vorhanden sind, besteht die Therapie aus der Zufuhr von physiologischen Flüssigkeitslösungen über die Vene. Auch sollten Patienten während der Therapie viel Trinken, um den Flüssigkeitshaushalt ihres Körpers wieder in die Normalität zu überführen. Notwendig sind derartige Maßnahmen insbesondere bei Durchfallerkrankungen wie Magen-Darm-Grippe.

Sauerstofftherapie

Liegt der Erythrozytose ein hypoxischer Zustand zugrunde, wird als Erstmaßnahme zumeist eine Zufuhr von hochdosiertem Sauerstoff von außen durchgeführt. Im Anschluss daran muss die eigentliche Grunderkrankung behandelt werden, was sich im Falle von Herz- und Lungenerkrankungen oft als sehr langwierig herausstellt, jedoch nicht völlig unmöglich ist. War Rauchen an der Entstehung der Hypoxämie beteiligt, zielen die eingeleiteten Therapiemaßnahmen natürlich auf eine dauerhafte Abstinenz von Zigaretten ab. Unterstützung können entsprechende Raucherentwöhnungsprogramme als Therapiebegleitung bieten.

Medikamenten- und Strahlentherapie

Tumorerkrankungen als Ursache für das dicke Blut erfordern zumeist eine chemotherapeutische Behandlung mit Medikamenten. Gerade Blutkrebs ist nicht operativ therapierbar, sondern macht eine Kombinationstherapie aus Zytostatika und Bestrahlung notwendig. Vielversprechende Medikamente sind hier unter anderem Medikamente wie Chlorambuzil, die bei Leukämie inzwischen auch oft zusammen mit dem Antikörper Obinutuzumab verabreicht werden. Darüber hinaus vermelden Gentherapien vermehrt Erfolge in der Bekämpfung von Blutkrebs. Ergänzend können bei Erythrozytose Mittel zur Blutverdünnung verabreicht werden.

Hämodilutionstherapie

Der Begriff Hämodilutionstherapie ist die Fachbezeichnung für den Aderlass. Dabei werden in regelmäßigen Abständen 300 bis 500 ml Blut entnommen und durch physiologische Flüssigkeitslösungen ersetzt. Ziel ist es, durch den Aderlass den Hämatokrit wieder in den physiologischen Normbereich zu überführen. Die Therapie ist meist eine Notlösung für Krankheitsfälle, die sich anderweitig nicht behandeln lassen. Dies gilt zum Beispiel für genetisch bedingte Defekte am EPO-Gen, aber auch für unbehandelbare Krebserkrankungen.

Krankheiten bei dickem Blut: Hypoxämie, Blutkrebs, Morbus Cushing, Nierentumor, Osteomyelofibrose, Asthma bronchiale, COPD, Lungenemphysem, fetofetales Transfusionssyndrom, Magen-Darm-Infekt, Vergiftungen.(ma)