Messie-Syndrom: Anzeichen und Therapie

Messies leiden selbst unter dem Syndrom. Sie schotten sich oft vor Scharm ab. Bild: DoraZett - fotolia
Dr. Utz Anhalt
Wenn Sammeln das Leben erstickt – Das Messie-Syndrom
Messies haben große Probleme, ihre Wohnung aufzuräumen, und ihr Alltag gerät außer Kontrolle. Hinter der vermeintlichen Unordnung verbergen sich oft psychische Störungen. Die Briten sprechen von zwanghaftem Horten: Ob Tiere, Jahrgänge von Zeitschriften, Teedosen, leere Blumentöpfe oder Kinderspielzeug, ein Messie kann nichts wegschmeißen – im Gegenteil besorgt er sich immer mehr Gegenstände.
Wie eine Magersüchtige den differenzierten Blick auf ihren Körper verliert, verlieren die Horter die Prioritäten, welche Gegenstände wichtig sind und welche unwichtig. Manche Betroffene sammeln eine bestimmte Art von Dingen, anderen sammeln wahllos alles, was ihnen in die Finger fällt. Vermüllte Wohnungen bezeichnen wir umgangssprachlich als „Messie-Buden“. Das ist aber nicht ganz richtig: Verwahrlosung kann zur Störung gehören, muss es aber nicht. Manche Betroffene sammeln nämlich akribisch und geordnet; sauber aneinander gereiht stehen Telefonbücher der letzten 20 Jahre dicht an dicht in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung.

Messies leiden selbst unter dem Syndrom. Sie schotten sich oft vor Scharm ab. Bild: DoraZett - fotolia
Messies leiden selbst unter dem Syndrom. Sie schotten sich oft vor Scharm ab. Bild: DoraZett – fotolia

Unordnung geht zwar mit dem Syndrom meist einher, das Hauptkennzeichen ist aber, zwischen Brauchbarkeit und Nutzlosigkeit der gehorteten Gegenstände nicht zu unterscheiden. Sie sammeln zwanghaft, weil sie denken, sie könnten „das“ irgendwann noch brauchen. Dieses Sammeln kann sich auch auf Menschen übertragen, manche Betroffene haben tausende von „Freunden“ bei Facebook, mit denen sie keine einzige Mail gewechselt haben.

Patienten fühlen sich im Alltag oft wie gelähmt, sie schaffen es kaum, pünktlich zu Terminen zu erscheinen und ihre Zeit zu strukturieren; soziale Tätigkeiten des Alltags lassen sie meist schleifen, sei es, dass sie Briefe nicht öffnen, Rechnungen nicht überweisen, oder Abos nicht kündigen, während sich die Zeitungen im Keller stapeln; wichtige Dokumente verschwinden in einem Postberg zwischen Werbung und Fernsehprogrammen.

Angesichts der Berge ihrer gesammelten Gegenstände fühlen sie sich ohnmächtig, wenn sie handeln müssen: Die Kontonummer vom Vermieter befindet sich, so vermuten sie zumindest, unter einem Haufen Aktenordnern mit Schulheften der Grundschule, oder bei den Marmeladengläsern der Großmutter. Sie mögen zwar keine Marmelade, aber wegschmeißen wäre Verschwendung.

Oft kategorisieren Betroffene ihre Haufen nach immer wieder neuen Kriterien: In dieser Ecke die Tüten mit den selbst geschnitzten Figuren der drittletzten Ex-Freundin, in der roten Plastikkiste ein Ensemble aus vertrocknetem Sekundenkleber, spanischen Filzpuppen und Edding-Stiften.

Dem Weihnachtsengel fehlen die Flügel, doch die ließen sich bestimmt irgendwann kleben, der Flohmarktvase ist zwar der Henkel abgebrochen, doch man könnte sie zum Beispiel als Stiftdose nutzen, die leeren Packungen vom Katzentrockenfutter könnten als Brennmaterial für den Kamin dienen, denn vielleicht schafft sich der Messie irgendwann einmal einen an.

So blockiert der durch die Störung Eingeschränkte seine Energie, die er an nutzlose Dinge bindet. Obwohl er von seinen Sammelsurien erdrückt wird, und es auch für Nicht-Messies kaum möglich wäre, eine sinnvolle Ordnung in diese Berge zu bringen, scheut er sich, etwas wegzuschmeißen. Es fühlt sich für ihn an, als würde er einen Teil seiner selbst wegwerfen.

Das museale Potenzial

Viele Betroffene leiden unter Verlustangst. Sie haben Angst, ihre Kindheit, ihre Jugend oder ihre Eltern zu verlassen. So horten sie ihr Kinderspielzeug ebenso wie die Hinterlassenschaften vergangener Beziehungen, um so imaginär real verschwundene Lebensphasen aufrecht zu erhalten. Indem sie die Gegenstände begreifen stemmen sie sich in ihrer Fantasie gegen den Fluss des Lebens, das ja immer währende Veränderung bedeutet.

Sie haben oft Probleme, sich zu entscheiden, weil jede Entscheidung bedeutet, sich gegen eine Vielfalt von Alternativen zu entscheiden. Die gesammelten Dinge stehen für ein Potenzial von vermeintlichen Möglichkeiten, die es zu nutzen gibt.

Wert und Unwert

Messies können den realen Wert von Dingen kaum einschätzen, sie begreifen oft, wie sinnlos ihr horten ist, schaffen es aber nicht, diese Einsicht umzusetzen.

Im Extremfall können sich Betroffene kaum noch durch ihre Wohnung bewegen; ein einziger Trampelpfad führt vorbei an Zeitungsstapeln, Kabelrollen und Kleiderhaufen. Die Fenster sind zugestellt, deshalb können sie nicht lüften, in den hundert Nischen sammelt sich Staub und Schmutz. Die Wohnung verwahrlost, und am Ende steht bisweilen die Kündigung durch den Vermieter.

Viele Leidtragende gehen begeistert neue Projekte an, ohne diese aber zu beenden. Romanfragmente, Reiseführer oder unausgefüllte Steuerbescheide zeugen von diesen Ideen, und das Chaos wird immer größer.

Oft ist ihnen die Unordnung bewusst, und sie schämen sich. Sie laden niemand mehr in ihre Wohnung ein, und wenn alte Freunde klingeln, lassen sie sich Ausreden einfallen. Sie isolieren sich und finden deshalb schwer Kontakt zu anderen Betroffenen.

In der Außenwelt erscheinen die Betroffenen unauffällig, ehrgeizig und kreativ. Oft engagieren sie sich in verschiedenen Vereinen, sind immer „on the run“ und wirken sogar perfektionistisch.
Unordnung ist derweil auch nicht das Kernmerkmal des Syndroms. Manche Menschen leben in extrem unordentlichen Wohnungen, ohne unter der Störung zu leiden, sei es, weil sie zu faul sind, aufzuräumen, sei es, weil sie den Dreck lieben.

Manche Betroffene hingegen sammeln sehr ordentlich: Karton steht auf Karton gestapelt, Einmachdosen aus zwanzig Jahren sind sauber mit Etiketten versehen und jede Spitzdecke von der Urgroßmutter hat ihren Platz. Jedoch sind auch sie nicht in der Lage, irgend etwas wegzuschmeißen und leiden darunter.
Messies verschmelzen geradezu mit den Dingen in ihrem persönlichen Umfeld, und die Dinge ersetzen dabei die Beziehungen zu Menschen. In einem fast magischen Denken laden sie Gegenstände emotional auf.

Ursachen

Die Ursachen für das Syndrom sind ebenso individuell wie unterschiedlich. Einige Kernkonflikte treten jedoch häufig auf:

1) Die Angst davor, verlassen zu werden: Alle Menschen verbinden mit Dingen, die sie sich kauften, geschenkt bekamen oder fanden, Erinnerungen. Ein Mensch, der sich ungeliebt fühlt, sei es in seiner gegenwärtigen Situation oder in seinem gesamten Leben, klammert sich an solche Gegenstände, die in ihm positive Gefühle auslösen. Wenn er jetzt etwas wegschmeißt, fürchtet er, die angenehmen Gefühle zu verlieren, die mit der Erinnerung verbunden sind.

2) Misslungene Trauerarbeit: Menschen, die einen Tod oder eine Trennung nicht verarbeiten, können die Störung entwickeln. Wie in einem Museum horten sie die Dinge der Ex-Freundin oder die persönlichen Gegenstände des Vaters. Damit blockieren sie sich für ihr eigenes Leben. Sie frieren das Leben ein, wie es zum dem Zeitpunkt des Verlustes war, als könnten sie es magisch konservieren. Die Psychologie bezeichnet das als Anpassungsstörung.

Es muss sich dabei nicht um den Verlust eines Menschen handeln. Auch ein Umzug in eine fremde Stadt, bei dem Betroffene den Hausrat ihres Kinderzimmers mitschleppen, ist ein Versuch, diese Erinnerungen zu bewahren.

3) Manche Betroffene sind geizig. Sie denken, sie könnten alles, was sie haben, noch einmal brauchen. Der Eimer mit dem Loch könnte immer noch als Blumentopf dienen, der kaputte Kassettenrekorder ließe sich reparieren, und die Socken mit den Löchern können immer noch als Wischlappen dienen. So horten sie alles als „Schätze“ und wachen eifersüchtig darüber, obwohl niemand anders den Müll haben möchte.Wenn jemand in ihrer Abwesenheit klar Schiff macht, hassen sie ihn wie einen Dieb, der ihr Konto plündert. Solche Menschen sind auch in Beziehungen meist sehr besitzergreifend.

Trauma und Bindung

Messies litten oft darunter, dass ihre Eltern sich ihnen nicht zuwandten, jetzt bauen sie emotionale Beziehungen zu Gegenständen auf, um dieses fehlende Urvertrauen zu kompensieren, die Dinge haben dabei den Vorteil, dass sie nicht weglaufen können.

Doch manchmal ist auch das Gegenteil der Fall: Einige Leidtragende haben eine sehr starke und liebevolle Bindung zu ihren Eltern und kommen nicht damit klar, ein eigenes Leben aufzubauen. Wenn sie als junge Erwachsene in ihrer eigenen Wohnung leben, umgeben sie sich mit Gegenständen, die ihnen Halt in einer unsicheren Welt versprechen.

Betroffene fühlen sich blockiert, und das über eine lange Zeit. Sie verharren in einmal gelernten Verhaltensmustern und Gedanken, obwohl sie wissen, dass das falsch ist, dass die jetzige Situation ein anderes Verhalten erfordert, und sie finden keinen Anfang und kein Ende, bei dem, was sie tun.

Für die Tätigkeiten des Alltags bleibt deshalb keine Energie übrig, Betroffene haben immer das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben – für alles. Deshalb meiden sie generell Situationen, die eigenes Handeln erfordern.

Es fällt ihnen äußerst schwer, Gedanken in Handlungen umzusetzen, dabei mangelt es ihnen nicht an Ideen. Im Gegenteil: Sie sprudeln oft über vor Einfällen und verfolgen diese auch energisch, dann werden es immer mehr, und sie wissen nicht, wie sie diese verwirklichen sollen. Sie verschieben es auf später, und das heißt: Gar nicht.

Jeder zehnte kennt Gefühle wie: Ich vergesse wichtige Dinge, ich vernachlässige es, die Miete zu überweisen oder die längst überfällige Untersuchung beim Zahnarzt anzugehen. Der Unterschied zu den beeinträchtigten Betroffenen ist der Dauerzustand, der ihm den Alltag fast unmöglich macht. Das betrifft ungefähr 2 % der Deutschen. Sie fallen dadurch auf, dass sie vergessen, was sie gerade gesagt haben. Obwohl sie ansonsten als gutmütig bekannt sind, wollen sie Gespräche dominieren und wiederholen, was sie schon hundert mal gesagt haben, so, als würde ihnen niemand zuhören.

Sie leiden unter Angstdruck, etwas vergessen zu haben und entscheiden deshalb oft spontan, das heißt vorschnell, oder aber sie bleiben passiv und entscheiden sich gar nicht.

Betroffene reagieren sehr empfindlich, wenn ihr Alltag, den sie sich mühsam zusammen stellen, gestört wird. Wenn Andere von ihnen erwarten, etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt geschafft zu haben, fühlen sie sich wie gelähmt.

Messies können sich nicht abgrenzen, deshalb ist ihr Unbewusstes überflutet, und sie haben das Gefühl, nie zur Ruhe zu kommen.

Sie schieben wichtige Arbeiten auf, auch bei Themen, die ihnen am Herzen liegen. Das liegt nicht an Faulheit, sondern an der Hilflosigkeit, flexibel auf Herausforderungen reagieren. Typisch ist zum Beispiel ein Betroffener, der an einer Hausarbeit in der Uni sitzt, und dann hängt sein Computer sich auf. Statt bei jemand anzurufen, mit dem er vielleicht länger nichts zu tun hatte, der sich aber auskennt, lässt er es dabei, und die Arbeit bleibt unvollendet.

Sie fangen mit Feuereifer neue Arbeiten an und lassen sie dann liegen – der „Müll“ zeugt nicht nur vom Engagement, Patienten können es auch nicht ertragen, wenn jemand ihn anfasst. Eine Frau zum Beispiel, die am Messie-Syndrom litt, überließ ihren Schrebergarten einem Bekannten. Der suchte in mühseliger Arbeit Bretter, Plastikplanen und alte Eimer und stapelte den Abfall auf einem großen Haufen, um ihn zur Deponie zu bringen. Als er am nächsten Tag in den Garten kam, hatte die Vorbesitzerin, die sich auch von dem Garten nicht trennen konnte, ganze Arbeit geleistet. Die Sachen lagen quer über den Rasen verstreut, in sechs kleineren Haufen.

Leidtragende haben Probleme, zu sagen, was sie wollen und wie sie sich fühlen. Oft spielen unbewusste Ängste eine Rolle und das Aufwachsen in einer Familie, in der unausgesprochene Geheimnisse eben so prägend waren wie verschwommene Grenzen zwischen den Bereichen der Individuen.

Betroffene blockieren unter Stress ihre Erinnerungen und „setzen geistig aus.“ Sie können sich dann auf die einfachsten Aufgaben des Alltags nicht mehr konzentrieren, verfahren sich mit dem Auto, tanken das falsche Benzin oder verrechnen sich beim Bäcker. Je mehr sie nachdenken, desto mehr schweifen die Gedanken ab. Sind sie entspannt, haben sie mit den gleichen Situationen keine Probleme.

Patienten vergessen sogar Geschehnisse der unmittelbaren Vergangenheit, sie vergessen Namen, und sie vergessen Termine. Das geht bis hin zur Desorientierung; sie finden den Weg nach Hause nicht, sie vergessen, warum sie zum Supermarkt gingen, und sie vergessen Versprechungen.

Betroffene wehren häufig Verantwortung ab. Als Kinder lernten sie nicht, selbst zu bestimmen und Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen – sie blieben passiv. Als Erwachsene behalten sie dieses Verhalten bei, und sich zu entscheiden, etwas weg zu schmeißen, bedeutet Verantwortung. Andere haben die Angst, sozial zu scheitern. Deshalb versuchen sie es nicht einmal und meiden Situationen, in denen sie scheitern könnten.

Wieder anderen fehlt das Selbstvertrauen, und sie sammeln Gegenstände einer Lebensphase, aus der sie physisch längst entwachsen sind.

Auch ein gestörtes Selbstbild kann das Syndrom inspirieren. Manche Betroffene sammeln Outfits in Mengen und stülpen sich unterschiedliche Masken über, weil sie ihren eigenen Weg nicht gefunden haben. Messies haben generell Probleme, unter Stress Informationen zu ordnen und Dinge zu organisieren. Die hektische Welt draußen macht ihnen unbewusst Angst, und deshalb blockieren sie sich, die unverrückbaren Dinge schaffen ihnen eine fiktive Festung vor der Welt im Fluss.

Sie sind dabei Perfektionisten, die wollen, dass alles harmonisch ist. Oft haben sie das Bild einer idealen Welt im Kopf und versuchen, sich in der Außenwelt mustergültig zu verhalten. Dabei blenden sie unangenehme Gedanken aus, die diese imaginierte heile Welt stören.

Messie-Typen

Die Betroffenen sind Individuen. Doch einige Beispiele verdeutlichen, wie sich diese Störung entwickeln kann.

Die Müllschluckerin
Frauke kümmerte sich bereits als Kind um die Sorgen ihrer Mitschülerinnen, und nach der Realschule wurde sie Altenpflegerin, weil das anscheinend ihrem „goldenen Händchen“ entsprach. In Beziehungen landete sie immer wieder bei Männern mit psychischen Problemen. Ihr erster Freund war Alkoholiker; sie hörte sich seine Monologe an, wenn er vor sich hin lallte, sie kaufte ihm Schnaps am Kiosk, sie verleugnete ihn bei Freunden, wenn er mal wieder betrunken keine Termine einhielt.

Immer wieder wollte sie sich von ihm trennen, aber fürchtete, er würde sich etwas antun, wenn sie nicht mehr da war. Dann verließ er sie.

Ihre nächsten Freunde hätten aus der Sprechstunde eines Therapeuten kommen können. Borderline-Syndrom, paranoide Schizophrenie, bipolare Störung, alles war dabei. Und die Partner schleppten ihre Freunde in die Wohnung, die Frauke bezahlte, von dem Geld, das sie bei ihren Nachtschichten verdiente. Wenn sie zermürbt nach Hause kam, saßen dort Heroinabhängige, die sich bei ihr ausweinten, oder junge Männer, die aus ihrer WG geflogen waren und jetzt eine Bleibe suchten.

Frauke sagte nie nein. Ihre Partner verschwanden irgendwann. Einer landete wegen Drogengeschäften im Gefängnis, ein anderer unternahm einen Selbstmordversuch und musste danach, mittels amtlicher Weisung, sein soziales Umfeld wechseln.

Frauke galt als gute Seele des Viertels, und wer immer meinte, Probleme zu haben (und das Honorar für eine Therapie sparen wollte), kam zu ihr. Ein polytoxischer Bekannter stellte seine Fahrräder bei ihr unter, die er „sofort abholen wollte“, wenn er eine Wohnung fände, eine „Freundin“ lud ihren PC bei Frauke ab. Frauke sagte nie nein.

Die Gestrauchelten hinterließen ihre Spuren in Fraukes Unbewussten ebenso wie in ihrer Wohnung. Die selbst gemalten Bilder ihres Ex-Freundes mit dem Alkoholproblem lagerten sich auf ihrem Kleiderschrank, und neben diesem Koffer mit Wintermänteln des Borderliners. Der hatte sie über Nacht verlassen, doch, wer weiß, vielleicht kam er ja eines Tages wieder, und sie wusste, wie er reagierte, wenn jemand an seine Sachen ging.

So wurde der größte Teil ihrer Wohnung zum Museum für die Hinterlassenschaften ihrer psychisch problematischen Partner, und Frauke wusste längst nicht mehr, ob der Hass, die Ängste und die Alpträume, die in ihr wucherten, von ihr selbst kamen, oder als Übertragungen von all denen, die ihren psychischen und materiellen Müll bei ihr abgeladen hatten.

Doch sie selbst hatte ebenfalls ein psychisches Problem. Sie schaffte es nicht, Grenzen zu ziehen, weil sie fürchtete, dann nicht mehr geliebt zu werden. Tief in ihrem Inneren hoffte sie, dass sich einer der von ihr „Geretteten“ einmal dankbar zeigen würde. Dazu kam es aber nie.

Hätte Frauke die Hinterlassenschaften all derer, die sich bei ihr aufgebaut hatten und, derart gestärkt, von dannen gezogen waren, weg geschmissen, dann hätte sie sich eingestanden, dass ihre Hilfe keine Anerkennung fand, dass sie mehr gegeben hatte als sie zurück bekam.

So erstickte sie in den Illusionen, die sie sich gemacht hatte. Mehr noch: Je öfter sie verlassen wurde, umso mehr zog sie Menschen an, die Probleme hatten – denn sich um die Probleme anderer kümmern, das konnte sie.

Ihr eigenes Problem wurde ihr erst bewusst, als sie einen gänzlich anderen Mann kennen lernte. Der trug nicht selbst seelischen Ballast mit sich herum, sondern war schockiert, als er ihre Wohnung sah und sagte ihr: „Du bist ein Messie.“

Der blockierte Hochbegabte
Achim diagnostizierten die Ärzte in der dritten Klasse eine Hochbegabung. Das hieß jedoch nicht, dass sein Zeugnis aus lauter Einsen bestand. Die Lehrer langweilten ihn, und er verbrachte die Stunden damit, unter dem Tisch seine Lieblingsbücher zu lesen oder Karikaturen zu zeichnen.

Zu seinen Mitschülern fand er keinen Bezug. Sie hielten ihn für arrogant, er sie für geistig eingeschränkt. Während sie Fußball spielten, las er Shakespeare – mit 13 und mit 16 auf Englisch. Er konzentrierte sich auf seine Nischen, und da wollte er alles wissen. Die anderen hörten Hip Hop, er hörte Tschaikowsky, mit 15 baute er Maschinen von Leonardo da Vinci nach und versuchte sich an den Maltechniken der Renaissance. Eine besondere Vorliebe pflegte er für das Englisch des 18. Jahrhunderts, und mit 16 schrieb er Notizbücher voller Sonette, die indessen niemals jemand anders als er selbst las.
Er verachtete die schnöde Welt um ihn herum und sah die Schule lediglich als Folie, um sich Geschichten auszudenken. An der Uni dachte er, wäre er in seinem Element, doch er konnte sich nicht entscheiden. Er begann mit klassischer Archäologie, doch meinte, seine musikalischen Ambitionen zu vernachlässigen und studierte zusätzlich Musiksoziologie. Beides brach er ab, um seinen medizinischen Interessen zu frönen, doch auch das Medizinstudium hielt er nicht lange durch, denn Literaturwissenschaft lag ihm noch näher. Bereits als Kind hatte er sich von seinen Mitschülern fern gehalten und galt als Sonderling, und das änderte sich nicht.

Auch an der Uni fand er keinen Anschluss. Er igelte sich in seiner Zweizimmer-Wohnung ein, entwickelte eine eigene Sprache auf der Basis des Altfranzösischen, er schrieb Essays über Fehlinterpretationen von Goethes Faust, und er hielt das meiste, was er zu seinen Themen in Vorlesungen hörte, für so oberflächlich, dass er irgendwann nicht mehr hinging.

Der Alltag war für ihn schon immer eine nutzlose Qual gewesen, und die Dinge dieses Alltags stauten sich zwischen den Sammlungen seiner geistigen Beschäftigung: Alte Videorekorder verstaubten neben Kopienhaufen über Parkanlagen der frühen Moderne, den gesammelten Werken von Goethe, die nicht mehr lesbar waren, nachdem er sie im Regen auf der Fensterbank liegen gelassen hatte, und Bananenschalen verdorrten neben Handschriften.

Achim entwickelte eine enorme Kreativität, immer neue Ecken zu finden, in denen er weitere Bücher verstauen konnte, zuerst auf den Fensterbänken, dann unter der Toilettenschüssel, zuletzt sogar über der Duschkabine.

Seine Eltern kamen nicht mehr in seine Wohnung. „Nicht, bevor du aufgeräumt hast,“ sagte seine Mutter.
Doch, wo sollte er anfangen, fragte er sich, während er in seinen verdreckten Spiegel blickte, der nur noch aus einer großen Scherbe bestand, die an einem Plastikkabel über dem mit Farbspritzern versehenen Waschbecken hing?

Jetzt war Achim 34, und zu „entmüllen“ hätte bedeutet, sich einzugestehen, dass er kein Professor geworden war, sondern offiziell zwar vier Studiengänge angefangen hatte, aber ohne Ausbildung und Job dastand. Dies zuzugeben hätte ihn von den Fantasien über seine Grandiosität befreit, doch der Weg in die Wirklichkeit würde schwer werden.

Die Prinzessin
Miriam war das einzige Kind in der Familie, und ihre Mutter verhätschelte sie. Miriam hatte die meisten Barbiepuppen in ihrer Klasse, immer das neueste Fahrrad und das neueste Smartphone – bevor sie einen Wunsch aussprach, hatte die Mutter ihn schon erfüllt. In ihrem Zimmer stauten sich Plastikpferde, Spielzeugküchen, und sprechende Puppen so, dass auf den Regalen kein Platz mehr war.

Ihre Mutter hatte selbst wenig Zuwendung erfahren, der Tochter sollte es nicht so gehen.

Miriam reagierte zunehmend aggressiv, wenn sie etwas nicht bekam, und sie war in ihrer Klasse nicht beliebt. Andere Mädchen kamen zwar zum Spielen zu ihr, in erster Linie interessierten sie sich aber für Miriams Spielsachen – nicht für sie.

Auf einem Berg von allem, was Mädchen in der Werbung sehen, saß Miriam allein da, ihre Eltern bedienten sie zwar, aber wirkliche Freundinnen im gleichen Alter hatte sie nicht.

Ihre Eltern umtüddelten sie auch später, als sie eine eigene Wohnung hatte, und Miriam hatte gelernt, sich „ihr Glück“ zu kaufen. Wenn sie sich einsam fühlte, und das kam häufig vor, ging sie shoppen. In ihrem Flur stolperte sie über dutzende von Schuhen, von denen manche noch in den Kartons waren, weil die Frau sie nie ausgezogen hatte, in ihrem Kleiderschrank hing Kostüm an Kostüm, und im Badezimmer stapelten sich die Parfümflacons auf dem Fußboden.

Miriams Wohnung sah aus wie das Lager eines Kleidungsgeschäftes, doch wenn sie eines der Kleider, die sie nie trug, weg gegeben hätte, hätte sie sich kleiner gefühlt – normaler. Miriam war jetzt Ende 30, doch jedes Wochenende kam ihre Mutter vorbei, wie eh und je und räumte der Tochter die Wohnung auf.

Miriam lud längst niemand mehr ein. Sie hatte Angst, jemand könnte entdecken, wie einsam sie war.

Messies versus Sammler

Messies sammeln Gegenstände, aber Sammler sind nicht automatisch Messies, auch wenn sie auf ihre Mitmenschen wirken, wie jemand, der einen Spleen hat.

Der entscheidende Unterschied zwischen exzentrischen Sammlern und Messies ist, dass Sammler den Wert ihrer gesammelten Objekte kennen, unabhängig davon, ob Andere sie für wertvoll erachten.
Wer zum Beispiel an jedem möglichen oder unmöglichen Ort Elefantenskulpturen stehen hat, auf Flohmärkten und Fernreisen danach sucht, und diesen absolute Priorität einräumt vor „unwichtigen Dingen“ wie Kaffeemaschinen oder Zimmerpflanzen, der trennt zwischen Wert und Unwert – ob Andere die Maßstäbe teilen, ist dabei unerheblich.

Messies in Beziehungen

Betroffenen fällt es schwer, Beziehungen einzugehen; dabei leben sie nicht zwangsläufig wie im Kloster. Eine junge Frau, die am Syndrom leidet, verhielt sich vor ihrer Hochzeit mehrere Jahre promiskutiv, manchmal hatte sie mit zwei verschiedenen Männern in einer Nacht Geschlechtsverkehr – ihre Sexualpartner sammelte sie ebenso wahllos wie Gegenstände.

Sie ließ jedoch keinen ihrer Bettgefährten jemals in ihre Wohnung; ihre Eltern sahen das Chaos erst, als sie umziehen musste, und ihre Mutter sagte: „Was soll ich bloß machen? Ihr Kinderzimmer sah schon genau so aus.“

In einer ernsthaften Beziehung wird das versteckte Problem deutlich. Der Messie hat zuvor alles getan, um seine Störung zu verheimlichen: Er zog die Vorhänge zu, empfing keinen Besuch, und er ließ sich Ausreden einfallen, wenn eine neue Bekanntschaft bei ihm vorbei kommen wollte. Er traf sich im Café oder in der Kneipe.

Ob und wie sich eine Beziehung mit einem Betroffenen entwickelt, hängt vom Partner und dem Grad der Störung ab. Ist das Problem nur schwach ausgeprägt, der Patient einsichtig und der Partner bereit, zu helfen, dann können beide zusammen einen Plan erstellen. Der Partner unterstützt den Messie bei dem, was dieser nicht kann: Sachen ordnen und wegschmeißen.

Im besten Fall überdeckt das Vertrauen in die Beziehung die emotionale Bindung an Dinge, und dem Betroffenen fällt es jetzt leichter, sie wegzuschmeißen. Der Partner könnte auch auf getrennten Sphären bestehen und der Vermüllung Grenzen ziehen, indem er die Sammelsurien aus Küche, Bad und gemeinsamen Schlafzimmer räumt – der Raum des Messies bleibt so auf seinen privatesten Bereich beschränkt.

Probleme gibt es mit Kindern. Oft ohne es zu wollen stellt die Messiemutter / der Messievater das Kinderzimmer so voll, dass die Kinder keinen Raum mehr haben, sich zu entfalten, ja, oft fehlt der Raum für elementare Aufgaben: Der Kinderschreibtisch steht voll mit Großvaters Fotoalben, im Kleiderschrank sammeln sich alte Handtücher. Die Kinder kommen nicht an ihre Spielsachen heran, und sie können keine Spielkameraden einladen, weil die Eltern sich schämen. Solche Erfahrungen wirken traumatisierend; eine Therapie ist dringend nötig und das Jugendamt muss helfen.

Erkrankte verhalten sich ihren Angehörigen gegenüber sehr unterschiedlich, wenn es um den Müll in der Wohnung geht: Das reicht vom Vater, der den größten Teil der Wohnung vereinnahmt, und seinen Sohn bedroht, wenn dieser ihn darauf aufmerksam macht bis zur Tochter, die sachte, aber erfolgreich die alten Eltern ins Schlafzimmer verdrängt und der Mutter, die jedes Mal in Heulkrämpfe ausbricht, wenn Vater und Kinder ihr sagen, dass es so nicht weitergeht.

Therapie

Eine Verhaltenstherapie hilft, die Unordnung in den Griff zu bekommen. Mit dem äußeren Chaos verschwindet zwar nicht das innere, aber die Ursachen des zwanghaften Sammelns treten klarer hervor. In der Verhaltenstherapie lernt der Betroffene zum Beispiel, Tagespläne zu erstellen und diese einzuhalten. Wichtiger ist jedoch, mit dem Messie zusammen in seine Wohnung zu gehen, die Angst zuzulassen, dann mit ihm gemeinsam Dinge wegzuschmeißen und danach mit ihm darüber zu reden, wie er sich jetzt fühlt.

Eine Verhaltenstherapie kann Betroffenen helfen. Bild: Hetizia - fotolia
Eine Verhaltenstherapie kann Betroffenen helfen. Bild: Hetizia – fotolia

Wenn der Messie es schafft, Dinge zu sortieren, auszusortieren und wegzuwerfen, ist er jedoch noch lange nicht geheilt.

Auf keinen Fall sollte der Therapeut die Patienten moralisch ermahnen. Die Betroffenen schämen sich für ihr Verhalten und sind oft sehr dankbar, wenn ein Zeuge sie dafür würdigt, dass sie Sachen wegtun. Selbst kleinste Erfolge gilt es, zu würdigen. Wie bei jeder Verhaltenstherapie zu Zwangsstörungen geht es zunächst nur darum, den Zwang zu erkennen und auszuhalten, zum Beispiel durch einen Wechsel der Perspektive, indem der Betroffene sich selbst aus der Distanz sieht.

Salopp gesagt: Therapeut und Patient gehen an einem Sperrmüllhaufen vorbei, und der Messie erkennt seinen Drang, Dinge, die „man noch brauchen kann“, mitzunehmen. Oder ein Freund des Erkrankten macht mit ihm zusammen Flohmarkt, ohne mit mehr Sachen zurück zu kommen, als sie verkauft haben. Die Ängste werden dabei nicht verdrängt, sondern zugelassen.

Gerade für diese Patienten sind Vertrauen und Respekt wichtig, außerdem eine Prise Humor. Sie sind oft gutmütige Menschen, üben keine Gewalt gegen Andere aus und richten selten Hass auf den Therapeuten. Aber sie schämen sich. Deshalb ist es wichtig, ihnen zu zeigen, dass sie eine Schwäche haben, aber zugleich wertvolle Menschen sind.

Bei den meisten Betroffenen ist es außerdem wesentlich, ihr Selbstvertrauen und ihren Selbstwert zu fördern. Auch nackt in der Wüste, ohne irgend einen Besitz, sind sie trotzdem sie selbst und haben das Recht auf ein schönes Leben – so lautet die Devise.

Besteht das nötige Vertrauen zu dem Therapeuten, können beide versuchen, die Komfortzone zu verlassen, zum Beispiel, indem sie ein Wochenende in der Natur zelten, ohne dass die Sammlungen in greifbarer Nähe sind, damit der Messie lernt, Halt in sich selbst zu finden.

Weit wichtiger als das Wegwerfen von Dingen ist das Sortieren; materielle Gegenstände zu sortieren ist nicht möglich, ohne sich auch geistig zu ordnen. Der Betroffene entwickelt so wieder ein Gefühl dafür, warum ihm welche Dinge wichtig sind.

Elementar ist es aber, den Betroffenen nicht zu diskriminieren. Er ist weder faul noch asozial, wie die Bilder von vermüllten Wohnungen suggerieren, sondern hat Probleme, sich abzugrenzen. Es geht darum, ihn zu integrieren und nicht darum, ihn auszugrenzen. (Dr. Utz Anhalt) 

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