Parasiten: Definition, Beispiele, Folgen für Mensch und Tier

Dr. Utz Anhalt
Buchrezension: „Die Psycho-Trojaner. Wie Parasiten uns steuern“ von Monika Niehaus und Andrea Pfuhl
Der Titel lässt an einen Horrorfilm denken, an einen Verschwörungsmythos oder an eine Metapher für Mitmenschen, die andere psychisch ausbeuten. Die Biologinnen Monika Niehaus und Andrea Pfuhl liefern hingen einen Einblick in reale Lebensformen, die das Verhalten und die Psyche ihrer Wirte steuern und bei Menschen nicht nur Krankheiten, sondern auch psychische Veränderungen auslösen – Parasiten.

Die Strategien, die Syphilis-Erreger, das Tollwut-Virus oder der Erreger der Toxoplasmose in der Evolution entwickelten, um sich bei ihren Wirten einzunisten, sind fantastischer, als es sich ein Hollywood-Regisseur ausdenken könnte. „Der Rüstungswettlauf zwischen Parasiten und ihren Wirten begann schon vor der Evolution der Mitochrondrien und wird erst dann enden, wenn die Evolution selbst zu Ende ist.“ James Moore

Besser als ein Thriller

Die Natur stellt die Plots der besten Thrillerautoren in den Schatten. Leider schaffen es nur wenige Biologen, die Fähigkeiten von Lebewesen, um zu überleben und sich fortzupflanzen, so spannend zu erzählen, wie sie sind. Für Niehaus und Pfuhl gilt das nicht: Von der „peinlichen Verwandtschaft“ (Läuse) über „Rotkäppchen und die Angst vorm bösen Wolf“ (Tollwut) nehmen sie die Leser mit auf eine Reise, die von den Steppen Zentralasiens (Pest) in die griechisch-römische Antike (Elephantiasis) zur Renaissance (Syphilis) führt, und von Werwölfen (Tollwut) zu Ratten, die sexuell auf Katzen stehen (Toxoplasmose).

Die Autorinnen Monika Niehaus und Andrea Pfuhl beschreiben in ihrem Buch, welchen Einfluss Läuse und andere Parasiten auf Menschen und Tiere haben. (Bild: pridannikov/fotolia.com)

Parasiten sind allgegenwärtig

„Parasiten sind allgegenwärtig, praktisch kein Lebewesen ist vor ihrer unerwünschten Zuneigung sicher,“ damit beginnen die Autorinnen ihre Kulturgeschichte der Plagegeister. Die raffiniertesten Parasiten zwingen ihr Opfer nicht zur Abwehr, sondern sind für das Opfer nicht zu erkennen, weil sie die Psyche ihres Wirtes manipulieren.

Mehr zum Thema:

Dies gilt, laut den Autorinnnen, nicht nur für die „üblichen Verdächtigen“, die Menschen, Hunde oder Katzen plagen. Seit mindestens 500 Millionen Jahren kontrollieren diverse Parasiten bereits Insekten, Spinnen und Krebse.

Mit Gehirnwäsche zum Selbstmord

Gurus, die ihre Gläubigen mit Gehirnwäsche zum Selbstmord treiben, haben biologische Vorbilder: So programmiert ein Fadenwurm im Regenwald Lateinamerikas Ameisen so um, dass Vögel sie aufpicken. Dazu lässt er den Hinterleib der infizierten Ameise erröten, denn die Vögel lieben rotes Obst.

Dann bringt er die Ameise dazu, auf einen Baum zu klettern, an dem rote Beeren wachsen. Ein Vogel frisst die „Ameisenbeere“. Wenn er seinen Kot ausscheidet, dient dieser wiederum Ameisen als Nahrung, die sie an ihre Larven verfüttern. Die nächste Ameisenkolonie ist infiziert, und das Spiel beginnt von neuem.

Ins Maul des Feindes

Kratzwürmer verändern den Serotoninspiegel von Flohkrebsen. Dadurch verzerrt sich die Signalübertragung vom Auge ins Gehirn. Das Licht der Sonne erscheint düster, der Krebs schwimmt aus dem Schlamm an die Wasseroberfläche, wo Vögel ihn fressen. Der Vogelkot sorgt dafür, dass die Kinder des Kratzwurms erneut Flohkrebse infizieren.

Ein anderer Kratzwurm bringt seinen Wirt dazu, direkt ins geöffnete Maul eines Raubfischs zu schwimmen.

Zerstörung der Körperchemie

Parasiten können komplexe Verhaltensmuster ändern, indem sie direkt auf die Hormone ihrer Opfer einwirken, so agiert zum Beispiel ein Virus, das die Raupen des Schwammspinners infiziert. Der zerstört das Hormon, das den Raupen Sättigung suggeriert, worauf sie sich verpuppen. Ohne dieses Signal fressen die Raupen weiter, bis sie in die Baumwipfel gelangen, wo sie sterben.

Die Viren in den Resten der Raupenleichen segeln jetzt durch die Luft und kommen so zu anderen Gelegen des Schwammspinners.

Ein bestimmtes Virus sorgt bei Raupen des Schwammspinners dafür, dass diese in die obersten Baumwipfel kriechen und dort sterben. (Bild: Eileen Kumpf/fotolia.com)

Komplexität ist kein Schutz

Flohkrebse und Schwammspinnerraupen sind einfach strukturierte Lebewesen, die sich leicht manipulieren lassen. Doch auch die um ein Vielfaches komplexeren Gehirne von Säugetieren sind von solchen Veränderungen der Psyche nicht gefeit.

Mehr als ein Dutzend Infektionserreger lösen mutmaßlich psychiatrische Erkrankungen aus. Dazu zählt das Tollwut- wie das Syphilisvirus, dazu gehören Borrelien, Chlamydien, Herpesviren, Streptokokken und Toxoplasma gondii.

Krieg im Körper

Der Körper des Menschen steht diesen feindlichen Eindringlingen nicht wehrlos gegenüber. Die Biologinnen schreiben: „Die erste Barriere ist das Immunsystem. Es schüttet so genannte Zytokine aus, die es ihm erlauben, den Eindringling zu bekämpfen. Dann ist wieder der Parasit am Zuge, indem er die Attacke zu seinen Gunsten beeinflusst.“

Von der Verteidigung zur Manipulation

Die Autorinnen zitieren die Psychoneuroimmunologin Shelley Adamo: „Möglicherweise liegt nur ein kleiner evolutionärer Schritt zwischen der Manipulation des Immunsystems, (mit der der Parasit) seine Zerstörung zu verhindern sucht, und einer Manipulation, mit der er seinen Wirt zwingt, Stoffe zu produzieren, die aufs Nervensystem wirken und sein Verhalten beeinflussen.“

Laut Niehaus und Pfuhl förderte die Evolution einerseits die Parasiten, die das Immunsystem manipulieren, andererseits diejenigen, die das Nervensystem beeinflussen. Haben Parasiten das Gehirn erreicht, sind sie geschützt, denn hier sind sie den Angriffen der Immunabwehr weniger ausgesetzt.

Geist und Körper

Es gibt dabei keine Trennung zwischen Psyche und Körper. Die Psyche ist laut den Autorinnen nichts Metaphysisches, Insekten benehmen sich bei Parasitenbefall verrückt – Menschen ebenso.

Läuse

In den ersten Kapiteln widmen sich die Autorinnen den „klassischen“ Störenfrieden des Menschen. Dazu gehört die Filzlaus, vulgär „Sackratte“ genannt, die Bart, Wimper, Augenbrauen und Schamhaare befällt, „was sie zum peinlichsten Vertreter des Triumvirats macht“, so die Autorinnen. Die beiden anderen im Bunde sind die Unterarten Kopf- und die Kleiderlaus.

Diese klettern aktiv von Wirt zu Wirt und treiben sich so überall herum, wo sich Menschen aufhalten, in Bus und Bahn, Kleidung und Bettwäsche.

Um Läuse zuverlässig abzutöten, reicht es normalerweise schon, wenn man die befallene Kleidung, Bettwäsche und Handtücher bei 60 Grad wäscht. (Bild: jozsitoeroe/fotolia.com)

Die Kleiderlaus ist dabei, so Niehaus und Pfuhl, in der Evolutionsgeschichte sehr jung. Sie entwickelte sich erst, als die Vorfahren des Menschen ihr Fell verloren und Kleidung trugen. Sie begleitete die Ahnen der amerikanischen Ureinwohner von Nordasien über die Beringstraße.

Die Läuse lassen sich einfach bekämpfen. Sie sind auf die Körpertemperatur des Menschen angewiesen, und deshalb reicht es, mit Läusen verseuchte Kleidung bei 60 Grad Celsius zu waschen.

Nistplatz Mensch

Läuse müssen alle paar Tage Blut zu sich nehmen, sonst trocknen sie aus. Bei der Kleiderlaus bilden sich dann juckende Quaddeln. Nach dem Essen paaren sich die Tiere, zwei Stunden später legen die Weibchen die Eier ab. Bis zu 300 Eier legen Kopfläuse in Nissen an die Haarschäfte des Wirts, Kleiderläuse an die Nähte der Kleidung. Der „Klebstoff“ lässt sich nicht allein mit Wasser auswaschen. Die Larven schlüpfen nach 1-2 Wochen und sind nach der dritten Häutung geschlechtsreif, also in circa vier Wochen.

Dreadlocks und Weichselzöpfe

Heute sind circa 6 % der Kinder zwischen 6 und 12 Jahren von Kopfläusen befallen, die ungebetenen Gäste bevorzugen dabei lange Haare. Ein deutliches Zeichen ist der „Weichselzopf“, bei dem Haarschäfte zu einer Art Dreadlocks verfilzen.

Deshalb gelten Dreadlockträger bei vielen älteren Menschen, in deren Kindheit Läuse allgegenwärtig waren, oft als unhygienisch.

Das Medusenhaar

Solche „Läuselocken“ fanden sich bereits bei einer Mumie aus dem 7. Jahrtausend v.u.Z, ebenso bei Mumien aus dem alten Ägypten. Das Kapitel nennen die Autorinnen nicht ohne Grund „Medusenhaar“. Die Medusa, eine mythologische Figur der griechischen Antike, trug durch einen Fluch Schlangen auf dem Kopf statt Haare. Eine These lautet, dass dieser Mythos die durch Läuse verfilzten Haare als Ursprung hat. Den Autorinnen zufolge hat das Rasieren des Kopf- und Körperhaars bei Ägyptern, Griechen und Römern vermutlich den Grund, die Läuse fernzuhalten.

Was sie nicht erwähnen, sind Skinheads. Diese trugen ursprünglich ihre Herkunft aus der englischen Arbeiterklasse zur Schau: DocMartens waren die Schuhe, die ihre Väter bei der Fabrikarbeit trugen; die Haare wurden den Arbeiterkindern generell geschoren, um Läuseplagen zu verhindern.

Kopfläuse werden oft mit Dreadlocks in Verbindung gebracht. (Bild: stakhov/fotolia.com)

Aberglaube: Ein Geschenk für Läuse

Um die verfilzten Haare rankte sich Aberglauben, der untrennbar mit Volksmedizin einher ging. So sollte der „Weichselzopf“ Krankheiten aus dem Körper ziehen und bösen Geistern ein Heim bieten, die sich sonst im Körper eingenistet hätten.

Die Vorstellung, dass schädliche Kräfte vom Körperinneren auf die Körperoberfläche gezogen werden könnten, um sie dort unschädlich zu machen, hielt sich bis in das 19. Jahrhundert auch in der akademischen Medizin. Die Ursache dafür könnten, was die Autorinnen nicht erwähnen, wiederum Parasiten sein: Band- oder Fadenwürmer richten im Körper Schaden an, wenn sie durch ein Wurmkur den Körper verlassen, sind sie ungefährlich.

Mit diesem Aberglauben sorgten unsere Vorfahren dafür, dass sich die Läuse flächendeckend ausbreiteten. Es galt als Unglück, die verlausten Zöpfe abzuschneiden; der böse Geist wurde dann heimatlos und rächte sich am ehemaligen Träger des Zopfes.

Eine verlauste Gesellschaft

Bis ins 19. Jahrhundert waren Läuse allgegenwärtig, so die Autorinnen, und nicht nur bei den Armen. Die Reichen kleideten sich in Pelze, und diese boten den Parasiten ein Paradies. Dabei galten die Blutsauger sogar als Zeichen strotzender Manneskraft. In der Tradition der Galenschen Humorallehre glaubten die Zeitgenossen, die Läuse zögen schädliche Säfte aus dem Körper.

Fleckfieber

Erst im 20. Jahrhundert erkannte die Medizin, dass Kopf- und Kleiderläuse gefährliche Krankheiten übertragen können. So infizierten sich unzählige von den Parasiten befallene Menschen mit Fleckfieber, das zu Halluzinationen und früher sehr häufig zum Tod führt.

Azteken und Napoleon

Mutmaßlich starben daran zwei Millionen Einwohner des Aztekenreiches, als die Spanier mit ihren Läusen die Erreger einführten, und, so die Autorinnen, „verantwortlich für die hohen Verluste auf Napoleons Russlandfeldzug war weniger das militärische Genie der gegnerischen Streitkräfte als der verheerende Einfluss von „General Winter“ und „General Laus“.

Die Überträger sind Rickettsien, ihrerseits parasitische Bakterien, die in den Kleidungs- und Haarparasiten des Menschen leben und diese als Vehikel benutzen. Heute noch nutzen Borrelien die Läuse und gelangen auf die menschliche Haut, wenn wir Läuse zerdrücken.

Borreliose-Erkrankungen werden durch bestimmte Bakterien, die Borrelien, ausgelöst. Diese benötigen für eine Infektion jedoch Läuse und Zecken als Überträger. (Bild: Zerbor/fotolia.com)

Schiffs- und Kerkerfieber

Mit den Läusen kam das Fleckfieber überall hin und verbreitete sich am meisten dort, wo viele Menschen auf engem Raum waren: In Gefängnissen, unter Matrosen und in den Armenvierteln.

Der Schiffsarzt James Lind (1716-1794) erkannte als erster, dass das „Schiffsfieber“ mit der Kleidung der Matrosen zu tun hatte, weil es sich verbreitete, wenn die Matrosen an Land gingen, und dass es sich um die gleiche Krankheit wie das „Kerkerfieber“ handelte. Spätere Begriffe wie „industrial fever“ und „Irish fever“ verweisen darauf, wo die Rickettsien später zuschlugen – in den Elendsquartieren der Industriearbeiter und bei den verarmten Iren.

Psychoparasiten

Niehaus und Pfuhl widmen sich im weiteren Verlauf des ersten Teils Flöhen und Würmern, der Pest und der Elephantiasis, um im zweiten Teil auf die Erreger einzugehen, die direkt die Gehirnfunktionen verändern – Syphilis und das Bornavirus, Tollwut und Toxoplasma.

Kein Krankheitserreger prägte die Sexualmoral Europas mehr als ein spiralförmiger Winzling, Treponema pallidum, der Erreger der Syphilis, so die Autorinnen. Sie schreiben weiter: „Und Treponema prägte auch die Psychiatrie, denn lange Zeit stellten an Neurosyphilis Erkrankte noch den größten Teil der Insassen von „Irrenanstalten“.“

Depressionsviren

Weitgehend unbekannt sind Viren, die psychische Störungen auslösen, die die Medizin als Bipolare Störungen und Depressionen kennt. Bornaviren siedeln sich im Zellkern an und steuern das limbische System an.

Die Autorinnen fragen, ob es sich bei der Diagnose Depression nicht um einen Gemischtwarenladen handelt, in dem diverse Symptome mit unterschiedlichen Ursachen gehandelt werden.

Das Bornavirus nistet sich bei Infizierten im limbischen System ein und kann ausbrechen, wenn die Betroffenen emotionalem Stress ausgesetzt sind, der das Immunsystem schwächt. Je länger dieser Stress andauert, desto eher bildet sich im Zellkern ein Überschuss an Bornavirus-Proteinen, die Neuromitter des Gehirns stören.

Bei Trägern des Bornavirus kann eine Schwächung des Immunsystems durch Chemotherapien, Stress oder AIDS zu wiederkehrenden Depressionen führen.

In diesem Fall geht die Depression also nicht auf ein Trauma zurück, es hat keine psychische Ursache, sondern ein Parasit ist der Täter. Umgekehrt kann ein Trauma bei einem Infizierten dazu führen, dass die Immunabwehr versagt, und so den Parasiten aktiviert.

Depressionen können auch durch Parasiten hervorgerufen werden. (Bild: Focus Pocus LTD/fotolia.com)

Marker für das Virus kommen, laut den Autorinnen, bei Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression signifikant häufiger vor als bei Menschen ohne diese Erkrankungen, und das gilt für Deutschland ebenso wie für Tschechien, Australien oder den Iran.

Der Tierarzt Bernd Iben hält fest: „(Das Borna-Virus) entspricht dem melancholischen Subtyp einer Major-Depression.“

Der Veitstanz

Streptokokken sind Bakterien. Einige wenige ihrer Stämme können ein rheumatisches Fieber auslösen. Dabei kommt es in seltenen Fällen zu einem Befall des Gehirns, der zu unkontrollierten Zuckungen der Hände und Gesichtsmuskeln führt. Dieses Phänomen bezeichnet die Medizin in Anlehnung an Massenhysterien der frühen Neuzeit als „Veitstanz“.

Zu den Störungen dieses „Veitstanzes“ gehören auch Panikattacken wie Zwangshandlungen und Symptome, die als klassische psychische Beschwerden gelten: Trennungsangst, erhöhte Reizbarkeit und Suizidgedanken.

Zwangsstörungen zeigte zum Beispiel Shakespeare mit Lady Macbeth, die immer wieder unsinnige Gedanken quälen und ständig Handlungen wiederholt, indem sie metaphorisch das Blut abwäscht, das an ihren Händen klebt.

Die Kinderärztin Susan Swedo vermutete hinter den unterschiedlichen Folgeerkrankungen einer Streptokokkeninfektion den gleichen Mechanismus. Demnach täuschen die Bakterien das Immunsystem, und dieses greift außer den Bakterien auch die körpereigenen Eiweiße an. So sind die Proteine auf der Oberfläche des Herzmuskels und der Herzklappen, der Gelenkinnenhaut und der Nervenfasern den Streptokokken-Proteinen sehr ähnlich.

Die Tics und Zwangsstörungen, die Streptokokken auslösen, heißen Obsessive Compulsive Disorder. Ein vorangegangener Infekt mit den Bakterien steht also in Zusammenhang mit einem plötzlichen Wesenswandel.

Streptococcus pyogenes löst also „neurologische Symptome über willige Helfer aus, indem es sich der Immunzellen seiner Opfer bedient“, so die Autorinnen.

Streptokokken können in seltenen Fällen auch neurologische Symptome auslösen. (Bild: Kateryna_Kon/fotolia.com)

Direkt ins Gehirn

Erreger dringen auch direkt ins Gehirn ein. Niehaus und Pfuhl schreiben: „Die Gifte des Cholerabakteriums und des Gasbranderregers arbeiten als hochchemische Dietriche, indem sie die dicht schließenden Türen der Blut-Hirn-Schranke (…) zum Hirngewebe öffnen.“

Neurologen und Psychiater

In den USA tobt über die Streptokokken-Folgen ein Kompetenzstreit zwischen Neurologen und Psychiatern. Per Definition kümmern sich die Neurologen um die Nerven, also den Körper, während sich die Psychiater mit der Psyche beschäftigen.

Dabei besteht diese Trennlinie nur als Konstruktion. Viren, Bakterien und Pilze „können den Weg ins Gehirn finden und es verrückt spielen lassen“, so die Autorinnen.

Niehaus und Pfuhl merken an: „Das uralte Konzept, „Verrückte“ seien von bösen Geistern besessen, mutet im Hinblick auf die für das bloße Auge unsichtbaren Kleinstlebewesen moderner an als der diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen.“

Allerdings erkennt die Medizin heute ausdrücklich an, dass psychische Krankheiten durch Kleinstlebewesen ausgelöst sein können. So sagt Prof. Karl Bechter von der Universität Ulm: „Es gibt heute eindeutige Hinweise, dass schwere psychische Erkrankungen mit Infektionen oder den von ihnen hervorgerufenen Immunvorgängen in Zusammenhang stehen können.“

Tollwut

„Es ist einfach, winzig und unglaublich schlagkräftig“, schreibt der Virologe Nathan Wolfe über das Tollwutvirus, denn, fügen die Autorinnen hinzu, „es tötet praktisch jeden Wirt, den es infiziert“.

Die Tobsuchtstanfälle von Tollwutkranken sind seit der Antike bekannt und gaben der Krankheit ihren Namen. Toll in der Bedeutung von wahnsinnig und wütend als Ausdruck unkontrollierter Raserei kennzeichnet die psychischen Veränderungen der Betroffenen durch das Tollwutvirus.

Laut Niehaus und Pfuhl war die Angst vor dem Wolf bei unseren Vorfahren der Erfahrung mit der auch als „Hundswuth“ bezeichneten Krankheit geschuldet – eine These, die auch der Autor dieser Rezension in seiner Magisterarbeit vertrat.

Als Infektionskrankheit blieb die „tolle Wut“ hingegen lange unbekannt. Das liegt, laut den Autorinnen, an ihrer langen Inkubationszeit. Zwischen Tierbiss und deutlichen Symptomen können Wochen, Monate und sogar Jahre vergehen. Im ersten Jahrhundert u.Z. erkannten griechische Ärzte dann, dass die „Wasserscheu bei Menschen“ und die „Wutkrankheit“ der Hunde die gleiche Seuche war.

Da niemand um die Ursache wusste, waren die Behandlungen falsch und tierquälerisch. So schnitten „Wurmschneider“ von der Antike bis in das 19. Jh. Hunden einen Bindegewebsstrang unter der Zunge heraus, weil sie glaubten, dass dieser „Tollwurm“ die Seuche auslöse. Das Virus organisiert seine Vermehrung ausgezeichnet. Es kapert das Gehirn und beeinflusst so die Immunantwort seines Wirtes.

Es setzt sich im limbischen System ebenso fest wie im Thalamus, im Hirnstamm und den Basalganglien und „liefert eine faszinierende klinisch-pathologische Verknüpfung mit der Wachsamkeit, (…) dem abnormen Sexualverhalten und der Aggressivität. (…) Kein anderes Virus ist so diabolisch gut angepasst, dass es den Wirt rasend wütend machen kann und dadurch seine Übertragung auf einen anderen Wirt sicherstellt.“

Die weit verbreitete Angst vor Wölfen geht den Autorinnen zufolge darauf zurück, dass die Tiere früher oft Tollwut übertrugen. (Bild: andrewbalcombe/fotolia.com)

Ungebremste Aggression

Das Virus verändert den Spiegel von Zytokinen, senkt zugleich den Serotoninspiegel und löst so ungebremste Aggression aus. Der Erreger lähmt zugleich die hinteren Hirnnerven, so dass der Rachen des Opfers gelähmt ist. Es kann jetzt Speichel nicht mehr schlucken, sondern der hoch infektiöse Speichel „schäumt vorm Mund“. Die ungehemmte Aggression führt dazu, dass das Opfer wild um sich beißt – die Schlucklähmung bietet Gewähr, dass die Bisse den Erreger übertragen.

Wölfe, die pro Tag bis zu 70 Kilometer zurücklegen (die Autorinnen schreiben 60), sind ideale Verbreiter des Virus. Schreckensgeschichten von Wölfen, die Menschen und Hunde bissen und danach „Tobsüchtige“ zurück ließen, deuten darauf hin, dass mit Tollwut infizierte Wölfe eine große Gefahr darstellten.

Die Autorinnen schließen: „Unsere tief verwurzelte Wolfsfurcht geht vermutlich auf die (historisch eher seltene) Tötung von Menschen durch Wölfe zurück, sondern auf die grausame, so gut wie stets tödlich endende Krankheit, die sie verbreiteten und die unzählige Opfer forderte.“

Schizophrene Katzen?

Streptokokken können, laut den Autorinnen, für Zwangsstörungen verantwortlich sein, das Borna-Virus für Depressionen, und die Tollwut führt zu wahnhaften Aggressionen und Hypersexualität. Als nächstes erörtern die Autorinnen Toxoplasmose, die Katzen auf Menschen übertragen, eine wandelbare Infektion, ausgelöst durch einen Einzeller.

Menschen sind ein Fehlwirt, der sich zum Beispiel durch Katzenkot infiziert, denn nur in Katzen kann der Parasit sich geschlechtlich vermehren. Er sorgt bei Nagetieren für einen erhöhten Dopaminspiegel im Lustzentrum des Gehirns und synthetisiert Dopamin. Der Geruch einer Katze zieht einen Rattenbock jetzt sexuell an. Zugleich regt der Parasit die Testosteronproduktion an und sorgt so dafür, dass er sich mittels infiziertem Ejakulat weiter verbreitet.

Mit Toxoplasma infizierte Schimpansen fühlen sich magisch von ihrem Fressfeind Leopard angezogen, was die Vermutung stützt, dass der Erreger ursprünglich auf Großkatzen spezialisiert war und Primaten (wie uns) als Transportmittel nutzte.

Niehaus und Pfuhl zitieren die These, dass selbst psychische Erkrankungen wie Schizophrenie auf Toxoplasmose zurück gehen können. Dies läge vor allem am durch den Erreger erhöhten Dopaminspiegel, der sich mit Symptomen einer Schizophrenie deckt: Wahnvorstellungen, Paranoia, Größenwahn, Halluzinationen. Toxo-Infektionen sind zudem bei Menschen, die unter diagnostizierter Schizophrenie leiden außergewöhnlich häufig.

Fazit

Niehaus und Pfuhl schreiben nicht „nur“ als Biologinnen über parasitäre Lebensformen. Sie entwerfen zugleich einen ungewöhnlichen Blick auf die Kulturgeschichte des Menschen, in der Kleinstlebewesen Kriege entschieden (Fleckfieber), die Werte und Normen veränderten (Syphilis) und tief im Unbewussten Ängste verankerten (Tollwut).

Zugleich kritisieren sie fundiert das Hirngespinst einer Trennung von Psyche und Geist einerseits und dem Körper andererseits beim Menschen. Diese Konstruktion prägt das Menschenbild Europas – von der Antike bis heute.

Biologische Parasiten lösen psychische Störungen aus und veränderte Hormone führen zu Veränderungen der Persönlichkeit. Das Buch ist ein Warnsignal, genau hinzugucken, ob sich in dem einen oder anderen Kindheitstrauma von Menschen mit psychiatrischen Symptomen nicht ein Parasit eingenistet hat. Das würde eine gänzlich andere Behandlung erfordern.

Niehaus und Pfuhl haben, mit einer in den Naturwissenschaften ungewöhnlichen Erzählkunst, ein fulminantes Werk vorgelegt und sorgen im besten Sinn für Aufklärung. Wer sich im Wortsinn für Naturheilkunde interessiert und Natur nicht mit esoterischer Schwurbelei verwechselt, für den sind die „Psychotrojaner“ ein Muss. (Dr. Utz Anhalt)

Monika Niehaus / Andrea Pfuhl
Die Psycho-Trojaner – Wie Parasiten uns steuern
S. Hirzel Verlag
2016