Fliegenpilz – Droge des Glücks

Dr. Utz Anhalt
Eine rote Kappe mit weißen Flecken, so lernen es Kinder, die im Wald spielen, heißt: Finger weg. Amanita muscaria ist zugleich ein Glückssymbol. Woher kommt diese doppelte Bedeutung des Fliegenpilzes zwischen Glück und Gift, Leben und Tod?

Ein rot-weißer Hut

„Die Wirkung variiert stark von Person zu Person, Beginn 15-60 Minuten nach der Aufnahme, mit Zittern, Zucken und leichten Kraempfen in den Gliedmassen. Die Fuesse werden taub. Eine Euphorie, gekennzeichnet von Gluecklichkeit, Leichtfuessigkeit und dem Wunsch zu Tanzen steigert sich zu farbigen, visuellen Halluzinationen. Makropsie ist gewoehnlich. Danach folgt ein tiefer Schlaf bedingt durch die Erschoepfung.“ (Wanke / Taeschner in „Rauschmittel“ über den Fliegenpilz)

Der Fliegenpilz kann mehr als 20 cm hoch werden und wächst unter anderem in reinen Nadelwäldern, auf Halden und Wiesen. (Bild: leszekkobusinski/fotolia.com)

Der Fliegenpilz (auch „Roter Fliegenpilz“ genannt) wächst in offenen Wälder, besonders unter Birken und Kiefern, in verschiedenen Formen von Westeuropa bis nach Sibirien und in Nordamerika vom Pazifik bis zum Atlantik. Er wächst in reinen Laubwäldern ebenso wie in reinen Nadelwäldern, auf Halden, in Stadtparks, Gärten und der Heide, auf Friedhöfen, Wiesen, Mooren und am Waldrand.

Der Fliegenpilz lebt in Symbiose mit Birken, Kiefern oder Fichten, aber auch mit Buchen, Eichen und Tannen. Er wird bis zu 23 cm hoch, der halbkugelförmig gewölbte Hut erreicht bis zu 20 cm. In Europa und dem Nordwesten Amerikas leuchtet dieser knallrot mit weißen Warzen, im Osten und im mittleren Westen der USA sind die Warzen gelblich und der Hut orange – eine Variante in Idaho ist weiß.

Frank Hoffmann schreibt auf der Website www.frankies.jimdo.com: „Die Fliegen-Pilzfarbstoffe sind ein komplexes Gemisch aus Iminen der Betalaminsäure mit verschiedenen Aminen oder Aminosäuren. Der Fliegenpilz enthält – in wechselnden Konzentrationen – sowohl gelbe (Muscaflavin), orangerote (Musca-Aurine), rotbraune (Muscarubin) und purpurne (Muscapurpurin) Farbstoffe, die für die unterschiedliche Farbigkeit des Fliegenpilzes sorgen.“

Die Warzen sind als Reste der Hülle, des Velums, das die Sporen des jungen Pilzes schützt.

Narren und Teufel

Weitere deutsche Namen sind Fliegenschwamm oder Rabenbrot, Narrenschwamm oder Glückspilz, die die Rauschwirkung des Pilzes betonen. Das gleiche gilt für Bezeichnungen in anderen Kulturen wie tschasch baskon, Augenöffner in Afghanistan, Toadstool oder fly-agaric in England oder aeh kib luúm bei den Lakandonen, terecua-cauica, berauschender Pilz, bei den Tarasken oder yuyo de rayo, im Spanischen, was Donnerkeil-Pilz heißt.

Dämonische Kräfte wurden dem Fliegenpilz unterstellt, deutlich in Namen wie xibalbaj okox (Quiche), der Unterweltspilz, itzel okox (Quiche), teuflischer Pilz, Keckchi rocox aj tza oder (Cakchuiquel), Teufelspilz.

Verwechslung mit anderen Pilzen

Der Königsfliegen-Pilz unterscheidet sich durch seine braune Farbe von der roten Nominat-Form. Der junge Fliegenpilz in seiner Hülle lässt sich leicht mit dem essbaren Perlpilz verwechseln.

Die Velumschüppchen (die weißen Punkte) kann der Regen abwaschen. Dann sieht der Rote Fliegenpilz dem Orangegelben Scheidenstreifling und dem essbaren Kaiserling ähnlich.

Der Pantherpilz sieht dem jungen Fliegenpilz sehr ähnlich und kann daher schnell verwechselt werden. (Bild: awfoto/fotolia.com)

Der junge Fliegenpilz sieht außerdem dem Pantherpilz sehr ähnlich, ein Verwandter aus der Familie der Wulstlinge. Wie der Fliegenpilz enthält der Pantherpilz Ibotensäure, die sich beim Trocknen in Muscimol verwandelt. Der Hut des Verwandten ist nicht rot, sondern bräunlich-bläulich-grau.

Giftwirkung beim Fliegenpilz

Der Fliegenpilz gilt als Giftpilz und nicht als Droge. Ihn zu sammeln ist deshalb nicht verboten.

Ein Pilz enthält circa 0,17 bis 1 % Ibotensäure und Muscimol. Die höchsten Konzentrationen hat das gelbe Fleisch unter dem Hut. Der frische Pilz enthält vor allem Ibotensäure, diese nimmt jedoch beim Trocknen durch Decarboxylierung ab, und so entsteht das stark halluzinogene Muscimol.

Vorsicht bei der Behandlung: Früher wurde Muskarin für die Vergiftung durch Fliegenpilze verantwortlich gemacht. Gibt jetzt ein Arzt Hyoscyamin als Gegenmittel, können die Betroffenen daran sterben, während durch unbehandelte Vergiftungen keine Todesfälle bekannt sind. Physostigmin ist als Antidot hingegen unbedenklich.

Die Wirkung der Pilzes beginnt ungefähr eine Stunde nach der Einnahme. Typisch sind Halluzinationen, visuell, akustisch, sensorisch und haptisch. Die Betroffenen hören Geräusche deutlicher, und ihr Tastsinn nimmt zu.

Als Droge spielte der Fliegenpilz vor allem im religiös-schamanischen Kontext eine zentrale Rolle. Völker Sibiriens nutzen ihn auch heute noch als Rauschmittel: Sie sammeln die Pilze im Sommer, essen sie roh oder legen sie in Wasser ein und trinken den Sud.

Der Konsum von ein bis vier normal großen Pilzen führt zu Müdigkeit, Schwindel, Euphorie und einem Gefühl der Schwerelosigkeit. Visuelle Halluzinationen zeichnen sich durch Farbenpracht aus.

Schon der Verzehr einer kleinen Menge Fliegenpilz kann Symptome wie z.B. Müdigkeit und Schwindel hervorrufen. (Bild: pathdoc/fotolia.com)

Kann Fliegenpilz tödlich sein?

Acht oder mehr Pilze lösen die Symptome einer Vergiftung aus, gekennzeichnet vor allem durch Muskelzucken, Orientierungslosigkeit und Verwirrung. Mehr als zehn Pilze können tödlich wirken. Bis heute ist aber kein Fall bekannt, bei dem Fliegenpilze allein den Tod eines gesunden Erwachsenen verursacht hätten.

Die Reizschwelle sinkt nach dem Konsumieren des Pilzes. Die Euphorie kann in Angst und sogar in eine Panikattacke umschlagen, besonders, wenn Menschen den Pilz unbeabsichtigt zu sich nehmen. Manche berichten auch von Apathie und Lethargie.

Nach 10 bis 15 Stunden ist der Rausch vorbei, in der Regel nach einem tiefen Schlaf mit äußerst lebhaften Träumen. An den Rausch erinnern sich die Betroffenen nur bruchstückhaft.

Bei einem dauerhaften Konsum können Leber- und Nierenschäden auftreten. Cannabis und Fliegenpilz ergänzen und verstärken sich gegenseitig in ihren Rauschwirkungen, nicht aber in ihrer Toxizität.

Gartenzwerge und Götterspeichel – Der Fliegenpilz in der Mythologie

Sibirische Schamanen glauben, der Fliegenpilz entstehe aus dem Speichel des höchsten Gottes. Die alten Germanen glaubten, dort, wo das Pferd ihres Gottes Wotan der Geifer herunter tropfte, würden die Pilze entstehen. Daher stammt der Name Rabenbrot, denn Hugin und Munin, der Gedanke und die Erinnerung, waren die beiden Raben, die Wotan bzw. Odin begleiteten.

Manche Religionswissenschaftler halten den Fliegenpilz für das sagenhafte Soma in den vedischen Texten der altindischen Kultur. Soma galt als notwendig für alle wichtigen Rituale, da sich mit ihm Menschen wie Götter in Rausch versetzten. Mutmaßlich brachten die arischen Stämme den Fliegenpilz vor 3.500 Jahren in das Tal des Indus.

Göttlicher Urin

Samojaden, Ostjacken, Tungusen, Kamtschadalen und andere Stämme Sibiriens kannten vor Ankunft der Russen keinen Alkohol. Sie legten den Pilz in Schwarzbeeren-, Trunkelbeeren- oder Weidenröschensaft ein. Oder sie kauten ihn lange. Der Pilz galt als so kostbar, dass die Ureinwohner Sibiriens sogar den Urin von Konsumenten tranken, da die Wirkstoffe im Harn unverändert bleiben und auch den Urin der Rentiere tranken, die sich ebenfalls mit dem Pilz berauschten. Im sibirischen Kosmos lässt der „Speichel der Götter“ die Konsumenten in die Welt der Geister eintreten.

Angehörige verschiedener Stämme Sibiriens tranken sogar den Urin von Rentieren, die sich zuvor an den Pilzen berauscht hatten. (Bild: Incredible Arctic/fotolia.com)

1730 publizierte ein schwedischer Offizier, F.J. von Strahlenberg, ein Buch über Sibirien und schrieb über den Fliegenpilz als Droge. Der deutsche Forscher Georg Wilhelm Steller bestätigte dies wenige Jahrzehnte später bei seiner Expedition durch Sibirien.

In der Neuzeit wurde der „Götterpilz“ jedoch auch in Sibirien zu einer „weltlichen“ Droge. Während sich die Europäer in den Metropolen mit Opium berauschten, feierten die Korjaken rauschende Feste mit den „Glückspilzen“.

Der englische Reisende Oliver Goldsmith nahm an einem solchen Fest teil und schrieb: „Wenn die hohen Damen und Herren versammelt sind, macht der Pilzsud seine Runde. Sie beginnen zu lachen, erzählen Unsinn, werden zunehmend beschwipst und somit zu ausgezeichneten Gesellschaftern.“ Ein einzelner Pilz konnte so viel kosten wie ein Rentier. Die Ärmeren warteten angeblich, bis die „hohen Herren“ ihre Blase erleichterten und leckten dann den Urin auf.

Noch heute konsumieren ihn: Chukchi, Koryaken und Kamdschadalen, die finnisch-ugrischen Völker und die Vogulen. In ganz Russland legen die Menschen bisweilen ein bis zwei der Pilze in Wodka ein und verstärken so die Wirkung des Alkohols.

Bilsenkraut und Zwergenwein

Im Hindukusch kochen die Einheimischen Fliegenpilze mit Bergspringkraut und der Lake von Ziegenkäse. Gelegentlich geben sie auch die hoch halluzinogenen Blütenkelche des Bilsenkrauts hinzu.

Die Chuj-Indianer in Mexiko sammeln Fliegenpilze unter Pinien, trocknen die Hüte und rauchen sie mit Tabak vermischt.

1855 beschrieb Ernst Freiherr von Bibra den rituellen Konsum des Fliegenpilzes in seinem Buch „Die narkotischen Genussmittel und der Mensch“, 1860 erörterte M.C.Cooke den Gebrauch des Pilzes bei sibirischen Schamanen in seinem Werk „The Seven Sisters of Sleep“.

In der deutschen Sage tranken die Zwerge das Regenwasser, das sich im Hut des Pilzes sammelte als „Zwergenwein“.

Ein Biologe an der Universität von Harvard geht davon aus, dass der Weihnachtsmann vom Fliegenpilz inspiriert wurde. (Bild: olly/fotolia.com)

Der Weihnachtsmann – Ein Fliegenpilz?

Said Donald Pfister, ein Biologe an der Universität von Harvard, meint, der Weihnachtsmann in seinem rot-weißen Gewand sei vom Fliegenpilz inspiriert, unter anderem von Fliegenpilzen, die Schamanen bzw. Priester heidnischer Kulturen zum Fest der Wintersonnenwende bei sich getragen hätten.

Der Ethnologe Christian Raetsch behauptet, Rot stünde in schamanischen Kulturen für das Weibliche (Menstruationsblut) und weiß für das Männliche (Sperma). „Der Fliegenpilz erscheint nur einmal im Jahr, ebenso wie der Weihnachtsmann. Der Fliegenpilz entsteht mythologisch in der Zeit der Wintersonnenwende, der Weihnachtsmann kommt zu Mittwinter. Die Bezüge zum ekstatischen Himmelsgott Wotan teilen beide – und beide alle Jahre wieder.“

Er geht sogar noch weiter: „Beide, der Fliegenpilz und der Weihnachtsmann haben eine direkte Verbindung zur Anderswelt. In Fliegenpilzen wohnen die Wichtel, den Weihnachtsmann begleiten die rotmützigen Weihnachtswichtel.“

Das gesamte Weihnachtsfest ist für Raetsch ein schamanisches Ritual der Ekstase. Er schreibt: „Am Anfang ihrer Rituale, quasi zur Begrüßung, beräuchern die Schamanen Fliegenpilze. Und auch der Weihnachtsmann wird in einer Atmosphäre von duftendem Räucherwerk empfangen. Der Fliegenpilz verleiht dem Schamanen die Fähigkeit zu fliegen. Der Weihnachtsmann fliegt mit seinem Schlitten, von Geisterrentieren gezogen. Auch die Fliegenpilz-Schamanen reiten auf Zauberrentieren durch die Lüfte.“ (Dr. Utz Anhalt)

Literatur:
René Flammer / Egon Horak: Giftpilze – Pilzgifte. Pilzvergiftungen. Ein Nachschlagewerk für Ärzte, Apotheker, Biologen, Mykologen, Pilzexperten und Pilzsammler. Schwabe, Basel, 2003.
Roth, Frank, Kormann: Giftpilze, Pilzgifte – Schimmelpilze, Mykotoxine. Nikol, Hamburg, 1990.Wolfgang Bauer, Edzard Klapp, Alexandra Rosenbohm (Hrsg.), Der Fliegenpilz, Basel: AT-Verlag, 2000
Bernhard van Treeck, Drogen- und Suchtlexikon, Berlin: Lexikon-Imprint-Verlag, 2004,
Wolfgang Schmidbauer, Jürgen Scheidt, Handbuch der Rauschdrogen: Fischer Taschenbuch Verlag 1999
Christian Raetzsch: Abgründige Weihnachten – die wahre Geschichte eines ganz und gar unheiligen Festes. Riemann Verlag 2014
M. Bon: Pareys Buch der Pilze 1988.
R. Flammer: Differentialdiagnose der Pilzvergiftungen. Gustav Fischer Verlag Stuttgart-New York