Johanniskraut – Wirkung und Anwendung

Susanne Waschke

Johanniskraut in der Naturheilkunde

Johanniskraut, auch Hypericum perforatum genannt, wird bereits seit mehr als 2000 Jahren als Heilpflanze genutzt. Dieses Licht bringende Kraut mit den sonnengelben Blüten ist nicht nur äußerst hübsch anzusehen, sondern verfügt über ein großes Wirkungsspektrum. Angewandt wird es in Form von Tabletten, als Urtinktur, Tinktur, Salbe, Creme, als Öl, in Form von Fertigarzneien und als homöopathisches Mittel.


Eine Heilpflanze als Hexenkraut

Das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum) hat seinen Namen von Johannes dem Täufer, da es rund um den Johannistag am 24. Juni blüht. Im englischen heißt es aus dem gleichen Grund St. John‘s wort und im spanischen Hierba de San Juan.

Johanniskraut wird in der Naturheilkunde häufig zur Behandlung von Nervenverletzungen eingesetzt. (Bild: emer/fotolia.com)
Johanniskraut wird in der Naturheilkunde häufig zur Behandlung von Nervenverletzungen eingesetzt. (Bild: emer/fotolia.com)

Früher hatte die Heilpflanze noch andere Namen, wie zum Beispiel Hexenkraut, Walpurgiskraut und Teufelsflucht. Als Kranz gebunden, auf dem Kopf getragen, tanzten Menschen damit um das Sonnwendfeuer und warfen die Kränze in die Glut, um sich vor Dämonen, Hexen oder bösem Zauber zu schützen. Auch glaubten die Menschen daran, dass das Kraut, aufgehängt an Fenstern, böse Geister vertreiben und im Stall die Tiere vor Verzauberung schützen könne.

Das Wort Hypericum stammt aus dem Griechischen und setzt sich wahrscheinlich aus „hyper“ = über und „eikon“ = Bild zusammen. Dies könnte heißen, dass das Kraut die Seele des Menschen über seine schlimmen inneren Bilder, seine krankhaften Einbildungen, stellt.

Aussehen

Johanniskraut wächst an Wegrändern, an Dämmen in lichten Wäldern und Gebüschen. Die Pflanze wird zwischen 25 und 90 Zentimeter hoch. Sie hat ausgeprägte Kriechwurzeln, zwischen denen einen Wurzel in Spindelform bis zu 50 Zentimeter in den Boden wächst, einen zweikantigen Stängel und gegenständige Laubblätter, deren Blattspreiten mit Öldrüsen bedeckt sind. Am Blattrand sitzen schwarze Drüsen.

Das Kraut blüht von Juni bis August, die Kelchblätter zeigen helle und schwarze Drüsen, die Kronblätter leuchten tiefgelb. Wenn wir sie zerreiben, tritt die intensiv rote Substanz Hypericin aus. Deshalb wird die Pflanze auch als „Herrgottsblut“ und Johanniskrautöl als „Rotöl“ bezeichnet.

Vermehrung durch Pollen

Bienen und Schwebfliegen bestäuben die Blüten, während Selbstbestäubung selten stattfindet – sie funktioniert nur, wenn sich die Blüten schließen. Tiere verschleppen die Samen, und auch der Wind trägt sie umher, außerdem vermehrt sich die Pflanze durch Wurzelkriechsprosse.

Johanniskraut ist weit verbreitet

Echtes Johanniskraut wächst in Europa, Westasien und Nordafrika von Natur aus in mehreren Unterarten und bevorzugt magere Böden: Es gedeiht am Wald- und Wegrand, auf Eisenbahnhängen, in der Heide und auf Magerwiesen. Es handelt sich um eine typische Pionierpflanze, die sich rasch auf Schotterpisten und in Baugebieten ausbreitet. Typisch findet es sich auch zusammen mit Ginster und Heidekraut.

Hypericum perforatum tritt in Gruppen auf, bedeckt aber nur selten größere Flächen. Als Pflanze des Halbschattens kommt es mit mäßiger Wärme ebenso zurecht wie mit trockenem oder leicht feuchtem Substrat. Es mag jedoch keine sauren Böden, im Moor ist es nicht zu finden.

Echtes Johanniskraut ist weit verbreitet und wächst vornehmlich in Gruppen. (Bild: M. Schuppich/fotolia.com)

Medizinische Inhaltsstoffe

Hypericin, Pseudohypericin, Flavonoide und Bioflavone sind in verschiedenen Arten der Pflanze enthalten, im Echten Johanniskraut außerdem Hyperforin und Adhyperforin, die antibiotisch wirken. Die pharmazeutische Wirkung kommt vermutlich durch ein Zusammenspiel der unterschiedlichen Stoffe zustande.

Eine giftige Heilpflanze

Die Pflanze enthält ein leichtes Gift – der Farbstoff Hypericin führt bei Nutztieren wie Ziegen und Schafen in Verbindung mit Sonnenlicht zu der „Hartheukrankheit“.

Arnika der Nerven

Heute glaubt niemand mehr an das „hexenhafte“ Hypericum – seine Heilwirkung, die absolut erwähnenswert ist, steht im Vordergrund. Johanniskraut wird gerne als „Arnika der Nerven“ bezeichnet und so auch als Notfall-Homöopathikum eingesetzt. Bei einem Sturz auf die Wirbelsäule oder auf das Steißbein, bei Gehirnerschütterungen, in Verbindung mit einem Schock – bei allen Verletzungen der Nerven ist es das Mittel der Wahl. Als Notfallmittel aus der Homöopathie, wird es meist in einer Hochpotenz verabreicht.

Johanniskraut gegen Depressionen

In der Naturheilkunde wird Johanniskraut bei leichten und mittelschweren Depressionen angewandt. Von einer Eigenmedikation ist unbedingt abzusehen. Ein Arzt oder Heilpraktiker muss entscheiden, welche Dosierung und ob überhaupt Hypericum zum Einsatz kommen darf. Höhere Dosen sind verschreibungspflichtig.

Hypericum sollte nur nach Absprache mit einem Arzt oder Heilpraktiker angewendet werden. (Bild: Printemps/fotolia.com)

Allerdings fehlen bis heute qualitativ hochwertige Studien, und darum ist der Nutzen der Heilpflanze gegen Depressionen umstritten; je schlechter die Qualität der Studien war hinsichtlich der Teilnehmerzahl und Methoden, umso besser das Ergebnis.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen sieht einen Effekt bei leichten Depressionen als belegt an, bei schwere Depressionen hält es die Pflanze derweil für wirkungslos.

Die Inhaltsstoffe bewirken einen Anstieg der Neurotransmitter. Dazu kommt die photosensibilisierende Wirkung, die eine gesteigerte Lichtutilisation nach sich zieht. Jeder hat schon einmal von der sogenannten Winterdepression gehört, die sich vor allem aufgrund von Lichtmangel in den dunklen Tagen entwickelt. Hier kann die Pflanze Hilfe bringen. Ihre Wirkung ist durchaus mit dem einen oder anderen Antidepressivum gleichzusetzen. Hypericum wirkt Angst lösend, leicht sedierend und hilft bei nervöser Unruhe.

Therapeutische Anwendung innerlich

Leidet eine Frau unter einem prämenstruellem Syndrom, bei dem nicht nur körperliche Symptome, wie zum Beispiel Bauchschmerzen, Wassereinlagerungen und Brustspannen auftreten, sondern noch Beschwerden, wie depressive Verstimmung, erhöhte Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen hinzukommen, kann Johanniskraut in vielen Fällen das Mittel der Wahl sein. Eine Reizblase und Bettnässen gehören ebenso zu den Einsatzgebieten.

In der Naturheilkunde ist es ein Erste-Hilfe-Mittel bei Migräne. Hier wird dies hochdosiert verabreicht, um einen drohenden Migräneanfall zu kupieren. Bei Wetterfühligkeit, CFS (chronic fatigue syndrome), Fibromyalgie, Spannungskopfschmerzen und Tinnitus (Ohrensausen) ist die Behandlung mit Hypericum ebenfalls einen Versuch wert.

In der Volksheilkunde wurde die Heilpflanze zudem bei Wurmbefall, Bronchitis, Husten und Gallenblasenbeschwerden verabreicht.

Bei einer schmerzhaften Zerrung kann das Einreiben der betroffenen Stelle mit Rotöl sehr wirkungsvoll sein. (Bild: SENTELLO/fotolia.com)

Anwendung als Öl

Als Öl, äußerlich angewandt, kommt das Kraut bei Traumen, Verletzungen, Muskelverspannungen und Wirbelsäulenbeschwerden zum Einsatz. Das Öl wirkt schmerzlindernd und antientzündlich. Es hilft bei scharfen und stumpfen Verletzungen, bei Distorsionen (Verdrehung, Zerrung) und Kontusionen (Prellung), Hämatomen (blauer Fleck) und bei Herpes zoster (Gürtelrose).

Seine antientzündliche Komponente kann präventiv zur Vermeidung eines Dekubitus (Wundliegen) und eines Ulcus cruris („offenes Bein“) gute Dienste leisten. Das Öl wirkt bei Verbrennungen ersten Grades und bei Sonnenbrand. Bei Letzterem ist aufgrund der photosensibilisierenden Wirkung unbedingt von einer präventiven Anwendung abzusehen. Dasselbe gilt auch für die Anwendung im Zusammenhang mit einer Strahlentherapie: Vorher nicht (hier ist das Calendulaöl zu empfehlen), aber hinterher zeigt das Rotöl seine heilenden Eigenschaften.

Das Öl wird gerne von Hebammen den Schwangeren als Dammpflege empfohlen, um diesen Bereich vor der Geburt geschmeidig und dehnbar zu machen. Zudem helfen Auflagen mit getränkten Mullkompressen bei kleineren Wunden. Hierbei ist zu erwähnen, dass das enthaltene Hyperforin sogar multiresistente Staphylokokken in Schach halten kann.

Es kann auch innerlich zum Einsatz kommen. Hier ist natürlich unbedingt auf Qualität zu achten. Heilpraktiker empfehlen den Einsatz zum Beispiel bei Gastritiden (Magenschleimhautentzündungen) und Reizmagen. Das Öl kleidet den Magen von innen aus, schützt ihn und heilt.

Bei einer Proktitis (Entzündung der Mastdarmwand) werden sogar Einläufe mit Johanniskrautöl durchgeführt. Bei Wirbelsäulenbeschwerden bringt das Einreiben mit dem Rotöl Erleichterung. So wird bei der sogenannten Breuss-Massage, einer Massageform, die vor allem in der Naturheilpraxis angewandt wird, ausschließlich das rote Öl verwendet. Seine durchwärmenden und schmerzlindernden Substanzen unterstützen die Massage. Für die Narbenpflege ist das Öl ebenso geeignet.

Johanniskrautöl kann unter anderem bei einer Prellung oder Verbrennung helfen. (Bild: behewa/fotolia.com)

Anwendung in der Homöopathie

In der Homöopathie ist Hypericum das große Mittel bei Nervenverletzungen, vor allem von Fingern, Zehen und Nägeln. Gerade wenn Fingerspitzen zum Beispiel in der Autotür gequetscht werden, ist Johanniskraut das Mittel der Wahl. Es findet ebenfalls Anwendung bei Schmerzen nach Operationen oder nach Stürzen auf das Steißbein. Weitere Einsatzbereiche in homöopathischer Form sind Übelkeit, Hämorrhoiden, Druckgefühle über dem Kreuz, Kribbeln in Händen und Füßen, Nervenentzündungen mit brennenden Schmerzen und Vieles mehr.

Nebenwirkungen

Da die Heilpflanze vor allem bei hellhäutigen Personen die Lichtempfindlichkeit steigert, ist von einer Sonnenbestrahlung in Verbindung mit der Einnahme oder der äußerlichen Applikation unbedingt abzusehen. Seltene Nebenwirkungen sind Hautausschlag, Juckreiz, Beschwerden im Magen-Darm-Trakt, Müdigkeit und innere Unruhe.

Der Stimmungsaufheller kann auch überhand nehmen, dann gehören zu den unerwünschten Folgen starke Erregung und manische Phasen. Menschen, die unter bipolaren Störungen leiden, sollten insofern mit Johanniskraut in depressiven Episoden unbedingt vorsichtig umgehen. Sie sollten es nicht zu hoch dosieren, denn in diesem Fall kann sich ein Serotonin-Syndrom einstellen, verbunden mit Schwindel, Grippesymptomen, Verwirrung, Muskelzucken und übermächtigen Ängsten.

Besonders problematisch ist dies, da die psychischen Kennzeichen mit der Depression übereinstimmen, und die Patienten so leicht eine zusätzliche Überdosis einnehmen.

Kontraindikationen, Wechselwirkungen

Wie bereits erwähnt, sollten lichtempfindliche Personen vor allem in Sommermonaten von dem Gebrauch absehen oder, wenn trotzdem nötig, für ausreichenden Sonnenschutz sorgen. Darüber hinaus wird die Wirkung einiger Medikamente durch das Kraut beeinträchtigt. Dazu gehören zum Beispiel die Anti-Baby-Pille, einige Antikoagulanzien, Psychopharmaka, Proteaseinhibitoren ( zum Beispiel Indinavir), Cholesterinsenker, manche Herz- und Asthmamittel, Blutdrucksenker und Beruhigungsmittel.

Achtung: Kinder unter zwölf Jahren, Schwangere und Stillende sollten Johanniskrautpräparate grundsätzlich nicht einnehmen.

Kinder sowie schwangere und stillende Frauen sollten Hypericum nicht einsetzen. (Bild: Rido/fotolia.com)

Kultivierung

Echtes Johanniskraut wird wegen seiner Heilwirkung gezeilt angebaut, gilt jedoch zugleich unter Landwirten als „Unkraut“. Kultivierte Sorten sind Anthos, Motiv, Uperikon, Hyperimed und andere.

Die Produzenten bringen die Saat im Frühjahr oder Herbst in die Erde. Pestizide und Herbizide sind tabu, ungewünschte Wildkräuter entfernen die Anbauer technisch oder mit der Hand. Das Kraut lässt sich über bis zu drei Jahre ein- oder zweimal pro Jahr ernten, und zwar Knospen, Blüten und die Spitzen der Zweige, entweder mit der Hand oder Maschinen. Sollen die Pflanzen geerntet werden, kommen auch Mähdrescher zum Einsatz. Pro Hektar kommen bis zu 26 Tonnen Frischmasse heraus.

Schlusswort

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Pflanze allein schon durch ihr Äußeres besticht. Beim Anblick wird vor allem die Wirkung auf das Nervenkostüm klar. Diese warme Farbe, die uns mit Licht versorgt, schenkt im übertragenen Sinne dem Mensch auch innerlich wieder Licht und Freude. (sw, Dr. Utz Anhalt, zuletzt aktualisiert am 11.1.2018))