80 Prozent der Rückenoperationen unnötig

Fabian Peters

Techniker Krankenkasse kritisiert unnötige Rückenoperationen

05.07.2011

80 Prozent der Operationen aufgrund von Rückenschmerzen sind laut einer Erhebungen der Techniker Krankenkasse (TK) unnötig. Alternative Behandlungsmethoden wie die Osteopathie oder Chirotherapie werden noch immer viel zu selten in Anspruch genommen. Allerdings weigern sich alle gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für diese Alternativbehandlungen zu übernehmen. Vor allem unteren Einkommensschichten bleibt oftmals keine andere Wahl, als schulmedizinische Eingriffe in Anspruch zu nehmen.

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Vier von fünf operativen Eingriffen bei Rückenschmerzen sind im Bundesland Baden-Württemberg unnötig oder gar gefährlich, so das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der gesetzlichen Techniker Krankenkasse (TK). Da eine Rückenoperation nicht immer die beste Option zur Behebung der gesundheitlichen Beschwerden bildet, sollten Patienten in jedem Fall eine zweite Meinung einholen, wenn ihnen ein chirurgischer Eingriff empfohlen wird. Die Kosten für die Einholung einer zweiten Arztempfehlung, übernehmen dabei die Krankenkassen. Allerdings werden die Kosten für Alternativbehandlungen auf Basis der Osteopathie oder der Chirotherapie von den gesetzlichen Krankenkassen meist nicht getragen.

Einholung einer ärztlichen Zweitmeinung empfohlen
Das in Baden-Württemberg rund 80 Prozent der Patienten mit Rückenbeschwerden auf dem OP-Tisch landen, anstatt alternativen Behandlungsmethoden unterzogen zu werden, ist für die Experten der Techniker Krankenkasse ein deutlicher Grund zur Sorge. Denn alternative Heilungsmethoden bieten bei Rückenschmerzen oft ähnlich hohe Erfolgsaussichten wie ein chirurgischer Eingriff – ohne dass vergleichbare Komplikationen drohen. Daher sollten Patienten bei einer empfohlenen Rückenoperation am besten die Meinung eines zweiten Arztes einholen, bevor sie sich unters Messer legen, rät die TK. Die Kosten für diese Zweitmeinung werden von den gesetzlichen Krankenversicherungen übernommen, erklärte die TK bei Vorstellung der aktuellen Untersuchungsergebnisse. Dabei können die Betroffenen bundesweit auf 28 Experten-Teams, welche kostenlos eine ärztliche Zweitmeinung anbieten, zurückgreifen. In Baden-Württemberg sind laut TK die Schmerzzentren in Freiburg und Göppingen an dem Pilotprojekt der gesetzlichen Krankenkassen beteiligt.

Beratung hilft Rückenoperationen vermeiden
162 Patienten haben der Techniker Krankenkasse zufolge im vergangenen Jahr Unterstützung bei dem Pilotprojekt in Baden-Württemberg gesucht. Keiner der dort beratenen Patienten, sei bisher am Rücken operiert worden, so das Ergebnis der TK-Untersuchung. Demnach konnte allen Betroffenen mit anderen Mitteln geholfen werden. Dabei wurden verschiedene Behandlungsmethoden wie zum Beispiel die örtliche Betäubung der schmerzenden Rückenpartie, Physiotherapie, Gerätetraining und Schmerzmedikation empfohlen. Meist werden die verschiedenen Behandlungsmethoden in Kombination eingesetzt, erklärte die TK. Außerdem bilde das Erlernen von geeigneten Entspannungsverfahren einen Schwerpunkt der alternativen Behandlungsansätze. Ein chirurgischer Eingriff sollte laut Aussage der Experten jedoch erst erfolgen, wenn sämtliche alternative Behandlungsmöglichkeiten wirkungslos blieben. Denn eine Operation bildet für die Betroffenen immer auch ein Gesundheitsrisiko, so die Stellungnahme der Experten bei Präsentation der aktuellen TK-Untersuchungsergebnisse.

Jährlich 230.000 Rückenoperationen in Deutschland
Den Zahlen der Techniker Krankenkasse zufolge werden deutschlandweit jährlich rund 230.000 Menschen wegen Rückenschmerzen operiert. Malte Natalis, Orthopäde und Schmerzspezialist aus Freiburg erklärte gegenüber „Welt Online“ bezüglich der TK-Untersuchung, dass „eine Operation immer auch Risiken“ berge, da „zum Beispiel Nerven und Gefäße geschädigt werden oder Narben und Verwachsungen auftreten“ können. Dem Fachmann zufolge sollte daher „solange konservative Maßnahmen nicht ausgeschöpft sind“, eine OP hinten angestellt werden. Um chronische Rückenschmerzen dauerhaft zu vermeiden, ist laut Aussage von Natalis „ein gesunder Lebensstil besonders wichtig“, denn 80 Prozent der Patienten könnten ihre Rückenbeschwerden durch mehr körperliche Bewegung vermeiden. Die im Rahmen des Pilotprojektes beteiligten Schmerzzentren in Freiburg und Göppingen richten sich laut Aussage des Experten in erster Linie an Menschen, die über einen Zeitraum von mehr als vier Wochen durch ihre Rückenschmerzen derart gehandicapt wurden, dass sie nicht zur Arbeit gehen konnten. Da bei den Betroffenen die Rückenschmerzen in ein chronisches Krankheitsstadium überzugehen drohen, sollen in den Schmerzzentren auch Alternativen zu einem möglicherweise notwendigen operativen Eingriff aufgezeigt werden.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten bei Rückenschmerzen
Deutschlandweit leiden nach Schätzung der Gesundheitsbehörden 25 Millionen Menschen an Rückenschmerzen, wobei diese einer der häufigsten Gründe für Berufsunfähigkeit und Arbeitsausfälle sind. Die hierzulande anfallenden Kosten für die Behandlungen der Rückenschmerzen werden von den Experten auf einstellige Milliardensummen geschätzt, die Folgekosten durch Arbeitsausfälle sogar auf zweistellige Milliardensummen. Sobald die Beschwerden länger als 12 Wochen andauern, gelten die Rückenschmerzen als chronisches Leiden. Da die Rückenprobleme unzählige Ursachen haben können, steht bei den alternativen Behandlungsmethoden aus dem Bereich der Naturheilkunde vor allem die Ermittlung der Krankheitsursachen im Vordergrund der Therapie. Durch eine gründliche der Amnese versucht der Therapeut die Ursache der Rückenschmerzen eindeutig zu bestimmen, um anschließend entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Im Rahmen der naturheilkundlichen Behandlung von Rückenschmerzen wurden in der Vergangenheit mit Hilfe der Osteopathie, der Chirotherapie aber auch der Akupunktur bereits relativ gute Heilungserfolge erzielt. Daher sollte vor einem chirurgischen Eingriff im Zweifelsfall auch die Meinung eines Osteopathen, Chiropraktikers oder Heilpraktikers eingeholt werden. (fp)