Ärzte finden Pseudotumor statt Leberkrebs

Alfred Domke

Pseudotumor statt Leberkrebs

15.09.2013

Bei einem 44-jährigen Mann haben Leipziger Ärzte einen Tumor an der Leber entdeckt und befürchteten eine Krebserkrankung. Auf Bildern der Computertomografie schien die Geschwulst plötzlich verschwunden. Eine Gewebeentnahme brachte die Mediziner schließlich auf die richtige Spur.

Müdigkeit und nächtliche Schweißausbrüche
Ein 44-jähriger Mann meldete sich in der Leipziger Universitätsklinik und berichtete den Ärzten, dass er sich ständig müde fühle, Fieber und nächtliche Schweißausbrüche habe. Die Beschwerden hielten bereits seit zehn Tagen an und zudem sei in der vergangenen Woche hinzugekommen, dass die Kniegelenke nach dem Sport schmerzen. Auf die Frage des Internisten Thomas Karlas und seiner Kollegen, ob der Patient bereits in der Vergangenheit ähnliche Beschwerden hatte, antwortet dieser, dass dies tatsächlich im vergangenen und vorvergangenen Jahr der Fall gewesen sei. Die Beschwerden vergingen damals von selbst. Im Fachmagazin „Gastroenterology“ beschreiben die Ärzte den Fall, bei dem die Vorgeschichte des Patienten ansonsten unauffällig war. Der Mann hatte bis vor zehn Jahren geraucht, leidet nicht an chronischen Krankheiten und es gibt keine Hinweise auf Infektionskrankheiten, die er von Reisen mitgebracht haben könnte.

Verdacht auf Krebs
Die Mediziner stellen zwar bei der Untersuchung fest, dass beide Knie etwas geschwollen sind, sonst fällt aber nichts auf, das erklären könnte, warum der Mann unter den Beschwerden leidet. Deutliche Hinweise auf eine Entzündung ergibt dann die Blutanalyse, auch ein Teil der Leberwerte ist erhöht. Der Patient hat vom roten Blutfarbstoff, dem für den Sauerstofftransport wichtigen Hämoglobin, eine zu niedrige Konzentration im Blut. Die Konzentration der Blutplättchen, der für die Gerinnung benötigten Thrombozyten ist außerdem leicht erhöht. Es gibt unterschiedliche Ursachen für beide Befunde und auch Röntgenaufnahmen und eine Analyse des Urins bleiben ohne auffällige Ergebnisse. Schließlich werden die Ärzte bei einer Ultraschalluntersuchung fündig. In der Leber stoßen sie auf eine zwei mal zwei Zentimeter große Struktur, die ein bösartiger Tumor sein könnte. Die Mediziner sehen mit Hilfe eines Kontrastmittels, wie das Gebilde von einem Blutgefäß versorgt wird. Bei den meisten Tumoren ist dies ab einer bestimmten Größe der Fall, jedoch bei vielen gutartigen Veränderungen hingegen nicht. Also sehen sie sich in ihrer Annahme bestätigt, dass der Patient an Krebs erkrankt ist.

Bilder scheinen sich zu widersprechen
Nach computertomografischen Untersuchungen sind sich die Ärzte aber nicht mehr so sicher. Der Tumor verschwindet auf den CT-Bildern nahezu. Erst eine Magnetresonanztomografie (MRT) macht das Gebilde wieder sichtbar. Die Mediziner erkennen in einer Positronenemissionstomografie (PET), dass die Zellen an der verdächtigen Stelle große Mengen an Blutzucker verbrauchen. Dies würde wiederum zu einem bösartigen Tumor passen. Die unterschiedlichen Bilder scheinen sich zu widersprechen und bringen kein eindeutiges Ergebnis. Die Ärzte entschließen sich schließlich zu einer Biopsie der Leber, bei der sie ein kleines Stückchen Gewebe entnehmen.

Diagnose Pseudotumor
Bei der Analyse des Gewebes finden die Pathologen keine Hinweise auf einen bösartigen Tumor, ihnen fällt jedoch eine Vielzahl dicht gepackter Abwehrzellen auf. Die Diagnose wird nach einer genaueren Untersuchung der Zellen im Labor gestellt: Der Patient leidet an einem entzündlichen Pseudotumor (inflammatorischer Pseudotumor) in der Leber. Das Abwehrsystem richtet sich bei solchen Tumoren, die sehr selten sind, gegen den Körper selbst. Es handelt sich also um eine Autoimmunkrankheit, die verschiedene Organe wie Bauchspeicheldrüse, Lunge oder eben die Leber treffen könne. Richtig diagnostiziert werden kann sie nur, wenn die Ärzte rechtzeitig eine Biopsie durchführen. Pseudotumore wurden lange Zeit erst nach der Operation der vermeintlich bösartigen Geschwulste erkannt.

Pseudotumore müssen nur selten operativ entfernt werden
Der Patient in Leipzig erhielt nach der Diagnose Prednisolon, einen Verwandten des körpereigenen Hormons Cortisol. Durch das Medikament werden Entzündungsreaktionen unterdrückt und die Beschwerden des 44-Jährigen gingen schnell zurück. Ebenso normalisierten sich seine Entzündungswerte im Blut. Der Mann erleidet jedoch einen Rückfall, als die Ärzte versuchen, ihn mit einer geringen Menge cortisonverwandter Medikamente zu behandeln. Schließlich gelingt es mit Hilfe einer Kombination verschiedener, das Immunsystem unterdrückender Wirkstoffe, seine Symptome dauerhaft zu unterdrücken. Der Pseudotumor ist zwar in Ultraschalluntersuchungen weiterhin zu sehen, aber die Entzündung scheint an Aktivität eingebüßt zu haben. Die Tumore schrumpfen bei einigen Patienten auch ohne Behandlung. Allerdings benötigt der Großteil der Betroffenen eine Therapie mit Steroiden, den Verwandten des Cortisols. Nur in Fällen, in denen das nicht hilft, müssen Pseudotumore operativ entfernt werden. (ad)

Bild: Martin Büdenbender / pixelio.de