Antibiotika verseuchte Hähnchen

Fabian Peters

Masthähnchen bekommen massenweise Antibiotika verabreicht

28.10.2011

Immer noch werden in Deutschland Unmengen Antibiotika in der Geflügelbranche eingesetzt, nicht um die Tiere vor Krankheiten zu bewahren, sondern um eine schnellere und somit wirtschaftlichere Aufzucht zu erreichen. Dies verstößt eindeutig gegen geltendes Recht, welches den Einsatz von Antibiotika zur Wachstumsförderung bei Tieren klar untersagt, doch ein Großteil der industriellen Geflügelzüchter scheint sich hieran nicht zu stören.

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Der Radiosender „NDR Info“ berichtete von der bundesweit bisher einmalige Studie des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz, die sich explizit mit dem Einsatz von Antibiotika in der Geflügelbranche befasst und erschreckende Zahlen zu Tage gefördert hat. Die dem „NDR“ in Auszügen vorliegende Untersuchung zeige, dass hierzulande deutlich mehr Antibiotika in den Hähnchenmastanlagen eingesetzt werden, als bisher angenommen. Dabei nutzen die Geflügelzüchter das Antibiotika offenbar auch zur verbotenen Wachstumsförderung, berichtete der Radiosender.

Leichtfertiger Antibiotika-Einsatz fördert Resistenzen
Insgesamt wurden den Zahlen des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz zufolge bei 83 Prozent der untersuchten Mastdurchgänge antimikrobiell wirksame Mittel eingesetzt. Teilweise erhielten die Hähnchen während der Aufzucht einen regelrechten Antibiotika-Cocktail. So wurden bei den untersuchten 962 Hähnchenmastdurchgängen aus 182 Betrieben im ersten Halbjahr 2011 bis zu acht unterschiedliche Antibiotika während der Zeit vom Schlüpfen bis zur und Schlachtung eingesetzt, betonte „NDR Info“. Rund die Hälfte der verabreichten Antibiotika wurde lediglich über einen Zeitraum von zwei Tagen dem Futter beigemischt, was aufgrund der Entstehung möglicher Resistenzen hierzulande ausdrücklich verboten ist. Denn werden nicht alle Krankheitserreger, die in Kontakt mit den Antibiotika kommen, abgetötet, könne sie immun gegen die Arzneimittel werden. Die Folge sind Antibiotika resistente Keime, die unter Umständen auch dem Menschen gefährlich werden können. Daher müssen Antibiotika – wenn sie aus Krankheitsgründen erforderlich sind – nach den Vorgaben des Gesetzgebers mindestens über einen Zeitraum von fünf bis sechs Tagen verabreicht werden. Eigentlich dürfen die Arzneimittel dabei ausschließlich von Tierärzten im Krankheitsfall verordnet werden, ein wachstumsfördernder Einsatz ist europaweit seit 2006 verboten.

Verbotene Wachstumsförderung mit Antibiotika
Antibiotika, die kürzer als den vorgeschriebenen Zeitraum verwendet werden, dienen vermutlich nicht der Krankheitsbekämpfung, sondern der Förderung des Wachstums und damit der Verkürzung der Aufzuchtdauer, so die Aussage in dem Bericht des Radiosenders. Die aktuelle Untersuchung des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz lege den Schluss nahe, dass zahlreiche Betriebe gegen das Verbot der Wachstumsförderung mit Antibiotika verstoßen, berichtet „NDR Info“. Dabei beschränke sich der Antiobiotika-Einsatz nicht nur auf die großen Hähnchenmastanlagen, sondern auch kleinere Betriebe mit weniger als 20.000 Tieren greifen offenbar regelmäßig auf die Arzneimittel zurück. Allerdings waren die festgestellten Antiobitika-Rückstände im Geflügel bei den kleinen Betrieben deutlich geringer, was sich auch in einer längeren Aufzuchtdauer widerspiegelt. Während die Hähnchen der stark Antibiotika-belasteten Mastdurchgänge durchschnittlich 35 Tage bis zur Schlachtung lebten, lag bei den Hähnchen mit weniger Antibiotika-Rückständen die Mastdauer bei durchschnittlich 45 Tagen. Eine offizielle Bestätigung zu dem Bericht des „NDR Info“ vom Verbraucherschutzministerium Nordrhein-Westfalen liegt bisher nicht vor. Die Auswertung der Untersuchung dauere noch an, so der Kommentar des Ministeriums.

Erhebliche Missstände bei Antibiotika-Einsatz in der Geflügelbranche
Die Daten des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz verdeutlichen „NDR Info“ zufolge, dass nur 17 Prozent der ausgewerteten Mastdurchgänge nicht mit Antibiotika belastet waren. Allerdings zeige diese Minderheit der Betriebe, dass eine Antibiotika-freie Mast auch unter wirtschaftlichen Bedingungen durchaus möglich ist, kommentierte der Radiosender die aktuellen Zahlen. „NDR Info“ hatte bereits im Oktober 2010 auf die erheblichen Missstände bei der Verwendung von Antibiotika in der Geflügelbranche hingewiesen (Hühnchen voller Antibiotika). In dem damaligen Bericht bestätigte auch das niedersächsische Landwirtschaftsministerium, dass die Mäster in der konventionellen Hähnchenhaltung von Jahr zu Jahr mehr Antibiotika einsetzen. Heidemarie Helmsmüller, Leiterin der Abteilung Verbraucherschutz und Tiergesundheit des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums, erklärte damals gegenüber dem Radiosender, dass ohne den Einsatz von Antibiotika die Tiere oftmals nicht bis zum Ende ihrer Mastzeit überleben würden und auch aus diesem Grund die Verwendung des Arzneimittels in der Praxis Gang und Gäbe sei.

Eindeutige Zahlen zu der Menge der insgesamt in Deutschland abgegebenen Antibiotika, liegen jedoch bis heute nicht vor, denn die Geflügelbranche wehrt sich – wahrscheinlich aus gutem Grund – bisher massiv gegen die Einführung einer Erfassung der Medikamentenabgabe nach Postleitzahlregionen. Diese würde eine relativ eindeutig Zuordnung der Antibiotika-Verabreichung zu den einzelnen Betrieben und so eine Kontrolle der Einhaltung rechtlicher Bestimmungen ermöglichen. Doch die ab 2012 geltenden Bundesverordnung, die eine Erfassung der Medikamentenlieferungen nach Postleitzahlenregion in einer gesonderten Datei (DIMDI) vorschreibt, macht für die Geflügelbranche eine Ausnahmen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hatte datenschutzrechtliche Bedenken angemeldet.

Aktuelle Untersuchung ermittelte erstmals belastbare Zahlen
Um endlich valide Zahlen zu dem Antibiotika-Einsatz in den Hähnchenmastanlagen zu gewinnen, hatte der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Bündnis 90/Die Grünen) die aktuelle Untersuchung in Auftrag gegeben. Denn schon lange besteht der Verdacht, dass zahlreiche Geflügelzüchter gegen die rechtlichen Vorgaben verstoßen und Antibiotika weiterhin zur Wachstumsförderung einsetzen. Die Ausnahmen von der Bundesverordnung, die der Geflügelbranche eingeräumt wurde, schließen eine Kontrolle auf Basis der DIMDI-Datei jedoch aus. Die von „NDR Info“ zitierte aktuelle Studie offenbart nun erschreckende Zahlen und wirft nach Einschätzung der Autoren auch die Frage auf, ob Antibiotika belastete Tiere künftig von der Schlachtung ausgenommen werden sollten. Ein solches Vorgehen hätte zumindest zur Folge, dass die Betriebe warten müssten, bis die Antibiotika im Organismus der Tiere vollständig abgebaut werden und so der zeitliche Vorteil, der durch die Verabreichung der Arzneimittel entsteht, wegfallen würde. Welche Konsequenzen die Politik aus den Ergebnissen der aktuellen Untersuchung ziehen wird und ob auch bei den Geflügelzüchtern ein Umdenken erfolgt, bleibt jedoch abzuwarten. Vermutlich werden die Hähnchen auch in nähere Zukunft weiterhin rund zwei Drittel ihrer Lebenszeit mit Antibiotika versorgt, so die Bedenken der Tierschutzverbände, Tierärzte und Verbraucherschutzorganisationen. (fp)