Brisante Untersuchung: Demenz-Patienten erhalten zu oft Psychopharmaka

Nina Reese
Studie deckt unsachgemäße Anwendung von Psychopharmaka auf
In vielen Pflegeheimen erhalten die Bewohner hierzulande mehr Psychopharmaka als nötig. Das zeigt eine vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Untersuchung, deren Ergebnisse im Pflege-Report 2017 der Krankenkasse AOK enthalten sind. Demnach seien besonders die Heimbewohner mit Demenz betroffen. 40 Prozent der Betroffenen würden der Studie zufolge dauerhaft Neuroleptika bekommen – obwohl diese Arzneimittel in den meisten Fällen gar nicht für die Behandlung von Demenz zugelassen sind.

Demenz-Patienten sind in besonderem Maße betroffen
Der Pflege-Report 2017 der AOK enthält erschreckende Ergebnisse im Hinblick auf den Umgang mit Medikamenten in vielen deutschen Pflegeheimen. Demnach bekommt ein Teil der rund 800.000 Pflegeheimbewohner hierzulande zu viele Psychopharmaka. Demenzkranke sind besonders stark von der unsachgemäßen Anwendung der psychoaktiven Arzneistoffe betroffen, informiert der AOK-Bundesverband in einer aktuellen Mitteilung.

Viele Demenzkranke in Pflegeeinrichtungen bekommen einer Studie zufolge unnötigerweise Psychopharmaka. (Bild: Kzenon/fotolia.com)

Häufiger Einsatz von Neuroleptika
Die Ergebnisse stammen aus einer vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Untersuchung der Klinischen Pharmakologin Professor Petra Thürmann. Die Studie hatte gezeigt, dass fast die Hälfte der 500.000 Heimbewohner mit Demenz mit sogenannten Neuroleptika behandelt werden. Bei diesen handelt es sich um Arzneistoffe aus der Gruppe der Psychopharmaka, die gegen psychotische Symptome wie Halluzinationen und Verfolgungsangst und zugleich beruhigend und dämpfend auf das Nervensystem wirken.

Mittel können schwere Nebenwirkungen verursachen
40 Prozent der Bewohner mit Demenz würden dauerhaft mindestens ein Neuroleptikum enthalten – bei den Senioren ohne Demenz betrage der Anteil hingegen nur 20 Prozent.
Das Problem: Für die Behandlung von Demenz-Patienten seien die auch als „Antipsychotika“ bezeichneten Arzneimittel größtenteils gar nicht gedacht, erklärt Petra Thürmann. Sie könnten außerdem zu gefährlichen Nebenwirkungen Stürzen, einem Schlaganfall oder Thrombosen führen.

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„Nur ganz wenige Wirkstoffe sind zur Behandlung von Wahnvorstellungen bei Demenz zugelassen, und dann auch nur für eine kurze Therapiedauer von sechs Wochen“, so die Expertin, die auch Mitglied im Sachverständigenrat des Bundesgesundheitsministeriums ist.

Thürmann hatte für ihre Studie im Auftrag der AOK rund 850 Heimbewohner untersucht. Ihr Fazit ist deutlich: „Der breite und dauerhafte Neuroleptika-Einsatz bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz verstößt gegen die Leitlinien,“ Sie verweist dabei auf die Situation im Ausland. Während hierzulande 47 Prozent und in Spanien sogar 54 Prozent der demenzkranken Heimbewohner Neuroleptika bekämen, liege der Anteil in Schweden und Finnland nur bei 12 bzw. 30 Prozent. „Es scheint also Spielraum und Alternativen zu geben“, betont die Pharmakologin.

Pfleger bestätigen häufigen Psychopharmaka-Einsatz
Die Ergebnisse zum Umgang mit Psychopharmaka in Pflegeheimen decken sich auch mit den Aussagen der Pflegekräfte selbst. Dies zeigt eine schriftliche Befragung von 2.500 Pflegerinnen und Pflegern durch das Wissenschaftliche Institut der AOK (WidO), die ebenfalls im neuen Pflege-Report veröffentlicht wurde.

Die Fachkräfte gaben an, dass durchschnittlich mehr als die Hälfte der Bewohner ihres Heims Psychopharmaka erhalten. Bei zwei Dritteln der Betroffenen (64 Prozent) wurden demnach die Arzneien auch länger als ein Jahr eingesetzt. Erschreckend: Der Großteil der Pflegekräfte (82 Prozent) hält der Umfrage nach den Verordnungsumfang für angemessen, berichtet die AOK.

Zu wenig Zeit für alternative Verfahren
„Das Problembewusstsein der Pflegekräfte muss hier offensichtlich geschärft werden. Um den Psychopharmaka-Einsatz in Pflegeheimen zu reduzieren, sollte sichergestellt werden, dass nicht-medikamentöse Ansätze im Arbeitsalltag stärker etabliert werden“, so Dr. Antje Schwinger vom WidO. So kommen alternative Ansätze der Umfrage nach z.B. in Form spezieller Pflegekonzepte oder kognitiver und sensorischer Verfahren zwar generell häufiger zum Einsatz. Doch mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) gab an, dass diese teilweise aufgrund von Zeitdruck nur unzureichend bzw. gar nicht umgesetzt werden könnten.

Verantwortung liegt bei Ärzten und Pflegeheimbetreibern
Aus Sicht des Vorstandsvorsitzenden des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, liege die Verantwortung für die häufige unnötige Gabe von Psychopharmaka jedoch am wenigsten bei den Pflegekräften. Stattdessen müssten vor allem die behandelnden Ärzte sowie die Pflegeheimbetreiber für eine leitliniengerechte Medizin sorgen. „Ärzte stehen in der Pflicht, diese Medikamente nur dann einzusetzen, wenn es nicht anders geht und auch nur so kurz wie möglich“, so Litsch laut der AOK-Mitteilung.

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