Chemotherapie kann kontraproduktiv bei Krebs sein

Fabian Peters

US-Forscher entdecken kontraproduktive Wirkung der Chemotherapie

07.08.2012

Eine Chemotherapie gilt bei unterschiedlichsten Krebserkrankungen als erfolgversprechende Therapie. Doch tatsächlich könnte die Behandlung möglicherweise das Krebswachstum langfristig noch beschleunigen, so das Ergebnis einer Studie der Wissenschaftler um Peter Nelson vom Fred Hutchinson Krebsforschungszentrum in Seattle.

Wie die US-Forscher im Fachmagazin „Nature Medicine“ berichten, kann eine Chemotherapie bei Krebserkrankungen einen kontraproduktiven Effekt auslösen, da das gesunde Gewebe im Umfeld des Tumors geschädigt und zur erhöhten Ausschüttung eines bestimmten Proteins angeregt wird. Dieses Protein werde von den Krebszellen aufgenommen und helfe ihnen beim Überleben, berichten Nelson und Kollegen.

Chemotherapie erhöht die Resistenzen und begünstigt erneutes Krebswachstum
Resistenzen gegen die Zytostatika und Zytotoxine sind nach einer Chemotherapie durchaus keine Seltenheit und ein wesentliches „Hindernis für die Verringerung der auf bösartige Tumore zurückzuführenden Morbidität und Mortalität“, begründen die US-Forscher ihre aktuelle Untersuchung. Die Wissenschaftler überprüften mit einer sogenannten genomweiten Analyse die Reaktion der Zellen auf den „genotoxischen Stress induziert durch Krebstherapeutika“. Dabei identifizierten sie ein „Spektrum von Proteinen aus der Tumor-Mikroumgebung“, das offenbar einen erheblichen Einfluss auf die Widerstandsfähigkeit der Krebszellen hat und deren erneutes Wachstum nach dem Ende der Therapie begünstigt. Insbesondere das Protein WNT16B entfaltet hier laut Aussage der Forscher eine fatale Wirkung.

Spezielles Protein bedingt kontraproduktive Wirkung der Chemotherapie
Die Wissenschaftler gingen in ihrer Studie anhand von Männern mit Prostatakrebs der Frage nach, wieso Krebszellen im menschlichen Organismus vergleichsweise schwer abzutöten sind, während außerhalb des Körpers die Medikamente meist eine sehr viel deutlichere Wirkung zeigen. Dabei stellten sie fest, dass der genotoxische Stress einer Chemotherapie genetische Veränderungen (DNA-Schädigungen) im gesunden Gewebe bedingt, die zur vermehrten Produktion des Proteins WNT16B führen. „Die Expression von WNT16B in der Prostata-Tumor-Mikroumgebung dämpft die Wirkung einer Chemotherapie, fördert das Überleben der Tumorzelle und das Fortschreiten der Erkrankung“, berichten die US-Wissenschaftler in dem aktuellen Artikel. Damit ist die Effektivität der Chemotherapie grundsätzlich in Frage gestellt. "Möglicherweise wirkt diese sogar kontraproduktiv", so das Forscherteam.

Entdecktes Protein steht in Wechselwirkung mit den Krebszellen
Oftmals wird bei Krebspatienten beobachtet, dass Tumore zunächst auf die chemotherapeutische Behandlung gut ansprechen, anschließend jedoch ihr Wachstum beschleunigt fortsetzen. Die US-Forscher haben nun offenbar den Grund für dieses erneute Krebswachstum gefunden. Nelson erläuterte, dass das Protein WNT16B mit den Krebszellen in einer Wechselwirkung stehe und die Krebszellen hierdurch zu einem verstärkten Wachstum angeregt werden. Gleichzeitig nehme ihre Resistenz gegen die Zytostatika (beziehungsweise Zytotoxine) und ihre Fähigkeit eine weitere Chemotherapie zu überleben deutlich zu. Die bei Männern mit Prostatakrebs festgestellte kontraproduktive Wirkung der Chemotherapie habe sich auch bei Vergleichsstudien an Frauen mit Brustkrebs und Eierstockkrebs bestätigt.

Zukunft der Chemotherapie ungewiss
Welche Konsequenzen die aktuellen Erkenntnisse in Zukunft für die chemotherapeutische Krebsbehandlung haben, lässt sich bisher kaum abschätzen. Während die US-Wissenschaftler lediglich eine Verringerung der Dosierung der Chemotherapie oder eine begleitende Verabreichung von WNT16B-Antikörpern ins Gespräch bringen, stellt sich tatsächlich die Frage, ob die Chemotherapie angesichts der deutlich kontraproduktiven Wirkung in ihrer bisherigen Form überhaupt noch einen Sinn macht. Insbesondere bei Krebsformen, für die auch andere Behandlungsansätze zur Verfügung stehen. Die prophylaktische Verabreichung von Zytostatika nach einer operativen Tumorentfernung erscheint vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse generell eher kritisch. Ist die Chemotherapie jedoch die einzige Hoffnung auf Erfolg, so werden sich die Patienten vermutlich kaum für eine möglicherweise kontraproduktive Wirkung interessieren. (fp)