Demenz Entwicklung noch dramatischer als vermutet

Fabian Peters

Jährlich 40.000 zusätzliche Demenzkranke, Verdopplung der Betroffenen bis 2050

05.09.2012

Die Zahl der Demenzkranken in Deutschland steigt dramatisch. Neue Berechnungen im Auftrag der Deutschen Alzheimer Gesellschaft haben ergeben, dass hierzulande heute bereits 1,4 Millionen Demenzkranke leben und sich die Zahl bis 2050 voraussichtlich verdoppeln wird. Jedes Jahr erkranken rund 300.000 Menschen neu an Demenz.

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Jährlich sind laut Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Deutschland 300.000 Ersterkrankungen an Demenz zu verzeichnen. Aufgrund „der demografischen Veränderungen kommt es zu weitaus mehr neuen Erkrankungen als zu Sterbefällen unter den bereits Erkrankten“, so die Mitteilung der Gesellschaft. Daraus folgt ein kontinuierlicher Anstieg der Demenzkranken. Den neuen Berechnungen des Experten Dr. Horst Bickel von der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik der Technischen Universität München zufolge pro Jahr um rund 40.000. Insgesamt erwartet Bickel einen Anstieg von derzeit 1,4 Millionen Demenzkranken auf rund drei Millionen im Jahr 2050, sollte kein Durchbruch in der Prävention und / oder Therapie erfolgen.

Mehr als 100 zusätzliche Demenz-Patienten pro Tag
Heute leiden den Zahlen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge bereits 1,4 Millionen Menschen in Deutschland an der neurodegenerativen Krankheit Demenz, zwei Drittel von ihnen an Alzheimer. Für die Betroffenen ist die Erkrankung ein massiver Einschnitt in ihr Leben. Sie verzeichnen einen zunehmenden Verlust ihrer kognitiven Fähigkeiten und ihres Erinnerungsvermögens. Relativ schnell sind die Betroffenen auf ganztägige Pflege angewiesen, da sie sich nicht mehr alleine im Alltag zurechtfinden. Aussicht auf eine erfolgreiche Behandlung besteht auf Basis des derzeitigen medizinischen Wissensstandes nicht. Der im Zuge des demografischen Wandels erwartete weitere Anstieg um 40.000 Patienten pro Jahr beziehungsweise mehr als 100 Patienten pro Tag wird demnach für die Gesellschaft zu einer erheblichen Herausforderung.

Demenz-Risiko steigt mit dem Alter steil an
Die Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Heike von Lützau-Hohlbein, sprach von „erschreckenden Zahlen, die für alle Beteiligten ein Ansporn sein sollten, mehr dafür zu tun, dass Menschen mit Demenz heute und in Zukunft ein menschenwürdiges Leben führen können und ihre Familien angemessene Unterstützung erhalten.“ Die neuen Berechnungen von Dr. Horst Bickel basieren „auf den von der Dachorganisation Alzheimer Europe (Luxemburg) ermittelten aktuellen Prävalenzraten (Prozentanteil der Erkrankten in einer bestimmten Altersgruppe)“, berichtet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Diese Prävalenzraten steigen mit zunehmendem Lebensalter steil an. In der Altersgruppe der 65 bis 69-Jährigen liegen sie beispielsweise bei 1,6 Prozent, während sie bei den 80 bis 84-Jährigen bereits 15,7 Prozent erreichen und bei den über 90-Jährigen bei 41 Prozent liegen. Zwei Drittel der Betroffenen haben laut Mitteilung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft bereits das 80. Lebensjahr vollendet, knapp 70 Prozent der Erkrankten sind Frauen.

Regionale Unterschiede bei den Demenz-Erkrankungen
Aufgrund der regional unterschiedlichen Altersstruktur der Bevölkerung, fällt die Anzahl der Betroffenen in den einzelnen Bundesländern sehr verschieden aus. So berichtet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft von einer Erkrankungsrate der über 65-Jährigen in Brandenburg, die bei 7,9 Prozent liegt, während in Rheinland-Pfalz sogar neun Prozent der über 65-Jährigen betroffen sind. Dies ist nach Einschätzung der Experten auf die Abweichung in der Altersstruktur der Personen im Alter über 65 Jahren zurückzuführen. Die absolut meisten Demenzkranken sind den Zahlen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge mit 314.000 Betroffenen in dem bevölkerungsreichstes Bundesland, Nordrhein-Westfalen, festzustellen.

Alterung der Bevölkerung bedingt zunehmende Demenz-Erkrankungen
Da laut Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes die Anzahl der über 65-Jährigen in den nächsten Jahrzehnten um weitere sieben Millionen steigen wird, ist allein vor diesem Hintergrund mit einem deutlichen Anstieg der Demenzkranken zu rechnen. Die „überproportionale Zunahme der Höchstbetagten“ leiste ihrerseits einen weiteren Beitrag zu wachsenden Verbreitung von Alzheimer und Demenz, so die Mitteilung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Und niemand könne sagen. „Damit haben wir nicht gerechnet oder das haben wir nicht gewusst.“ Die Ergebnisse der aktuellen Berechnungen stellt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft in ausführlicher Form in dem Informationsblatt „Die Epidemiologie der Demenz“ zur Verfügung.

Alzheimer- und Demenzforschung läuft auf Hochtouren
Die Zahlen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft verdeutlichen, dass Demenz in den kommenden Jahrzehnten zu einer erheblichen gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen wird. Fast fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland werden im Jahr 2050 an der neurodegenerativen Erkrankung leiden, sollten keine bahnbrechenden Erfolge in der Behandlung und Prävention erfolgen. Da das Problem auf viele der modernen Industrienationen zutrifft, scheint es kaum verwunderlich, dass die Alzheimer- und Demenzforschung derzeit auf Hochtouren läuft. Dabei konnten in den vergangenen Jahren bereits deutliche Erfolge in der Erklärung der Krankheitsursachen erzielt werden. Allerdings ist es den Wissenschaftlern weltweit bislang nicht gelungen, ihre Ergebnisse in eine erfolgversprechende Behandlungsmethode zu überführen. Die bereits erprobten Therapieansätze ermöglichen lediglich eine Verzögerung des Krankheitsverlauf, jedoch keine Heilung.

Bewusstseinswandel für Deutschland gefordert
Unterdessen forderte das Institut für Sozialforschung und Sozialforschung in Saarbrücken „einen Bewusstseinswandel, um Demenz den Schrecken zu nehmen“. Im Auftrag der Bundesregierung untersuchten die Wissenschaftler die unterschiedlichen Demenz-Strategien der Europäischen Länder. Vier zentrale Aspekte könnten die Situation der Demenz-Patienten verbessern: Ausreichende Aufklärungsarbeit, effektive Unterstützung der Erkrankten und deren Familienangehörige, eine verbesserte Versorgung sowie Stärkung der Forschungsarbeiten. (fp, sb)