Depressionen werden zur Volkskrankheit

Sebastian

Krankenhausreport 2011: Immer mehr Menschen müssen aufgrund von Depressionen vollstationär klinisch versorgt werden

29.07.2011

Jede fünfte Deutsche ist rein statistisch gesehen seinem Leben schon einmal an einer Depression oder depressiven Episode erkrankt. Nach Angaben der Krankenkassen leiden gut vier Millionen Menschen in Deutschland an Therapie-bedürftigen Depressionen. Die Zahl der psychischen Störungen nimmt dramatisch zu. Das zeigte auch der Krankenhausreport 2011 der Krankenkasse Barmer GEK.

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Depressionen sind auf dem Weg zur Volkskrankheit Nummer Eins zu werden. Zwar ist die Erkrankung in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ein Tabuthema, dennoch erkranken immer mehr Menschen an dem psychischen Leiden. Die Diagnose wird nicht nur hierzulande immer häufiger gestellt. Weltweit leiden gut 121 Millionen Menschen an depressiven Symptomatiken, wie ein internationales Wissenschaftsteam der State University of New York im Wissenschaftsmagazin „BMC Medicine“ berichtete. Am häufigsten sind Menschen in den wohlhabenden Ländern betroffen.

Symptome wird oftmals nicht erkannt
Für Betroffene ist es nicht leicht, die Grenze zwischen einer manifestierten Depression und einer allgemeinen Niedergeschlagenheit zu ziehen. Deshalb wird die Erkrankung oftmals erst spät oder überhaupt nicht erkannt. „Viele Menschen leiden unter psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit“, berichtet Dipl. Gritli Bertram, Sozialarbeiterin und Expertin für Trauma. „An eine Depression denken die meisten erst als letztes.“ Deutlichere Hinweise sind aber Symptome wie Antriebslosigkeit, anhaltende Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit sowie suizidale Gedanken. Aus vorangegangene Problemen wie Schlafstörungen können sich zudem schnell Depressionen entwickeln.

Depressionen, die Volkskrankheit in den Industrienationen
Das Störungsbild zeigt sich vor allem in den westlichen Industrieländern, wie die Studienautoren berichten. „Jeder Fünfte litt in den Industrieländern in seinem Leben schon einmal an einer Depression bzw. einer depressiven Phase“. Damit ist die ernstzunehmende Krankheit, die bis zur Selbsttötung führen kann, auf dem Weg zur mannigfaltigen Volkskrankheit. Vor allem Menschen in Ländern mit einem hohen Einkommen sind verhältnismäßig häufig betroffen. Die die im Beruf relativ erfolgreich sind und zum Teil über hohe Einkommen verfügen, sind laut Studienergebnisse überproportional mit dem Risiko behaftet, an einer Depression zu erkranken. Menschen mit einem geringeren Einkommen und in Ländern in denen der Durchschnittsverdienst erheblich niedriger ist, verfügen um gut 11 Prozent ein geringeres Depressions-Risiko. Warum das so ist, darüber lässt sich zunächst nur spekulieren. Aber ein altes Sprichwort brachte es bereits auf den Punkt: „Geld macht allein macht nicht glücklich“. So ist das Streben nach „Reichtum und Wohlstand“ nicht gleichbedeutend mit dem Zustand einer allgemeinen Glückseligkeit. Im Gegenteil, die meisten Menschen müssen einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit dafür opfern, um über ein höheres Einkommen zu verfügen. Eben jener Trugschluss lässt aber die Lebensenergie mehr und mehr entweichen. „Wer keine Zeit mehr für sich hat, der hat auch irgendwann keine Freude mehr am Leben“, so die Sozialpädagogin.

In Deutschland sind Depressionen auf dem Vormarsch
Deutschland gehört zu den reichsten Ländern dieser Erde. Der allgemeine Lebensstandart gehört weltweit zu den höchsten. Doch seit 1990 ist der Anteil der Behandlungsbedürftigen psychischen Störungen massiv gestiegen. Waren damals von tausend Versicherten gut 4 (3,7) Patienten betroffen, sind es heute schon fast 9 (8,5). Noch rasanter ist der Anteil der Depressionen gestiegen. Hier konnten die Krankenkasse Barmer GEK in ihrem aktuellen Gesundheitsreport „Barmer GEK Krankenhausreport 2011“ seit 2000 einen Anstieg von 117 Prozent ausmachen. Ist das der Preis für den Wohlstand und der Schnelllebigkeit?

Krankenkasse plädiert für teilstationäre und ambulante Therapien
Würden die Kliniken heutzutage nicht immer kürzer stationär behandeln, wäre der Anstieg der Krankentage noch gravierender gewesen, berichtet der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der gesetzlichen Krankenkasse Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker. Im Jahre 2000 dauerte eine vollstationäre Aufnahme noch gute 45 Tage. Heute sind es nämlich lediglich 31 Behandlungstage. Es sei daher „beachtlich, in welchem Umfang sich deutsche Krankenhäuser mittlerweile um die Versorgung psychisch kranker Menschen kümmern“, sagte der Barmer Vizechef. Trotzdem muss man sich fragen, „ob jeder Fall ins Krankenhaus gehört”. Nicht in allen Fällen sei eine stationäre Klinikaufnahme die adäquateste Lösung. Besser seinen vielmals wohnortnahe Versorgungen im ambulanten und teilstationären Bereich. g durch ein und dasselbe Behandlungsteam im ambulanten oder teilstationären Bereich. “Nirgendwo sonst sind individuelle Behandlungskonzepte und sektorenübergreifende Ansätze dringlicher als im Bereich der psychischen Erkrankungen.”

Die Zunahme der psychischen Leiden wird immer mehr auch zu einem ökonomischen Faktor. Die Studien aller Krankenkassen zeigten, dass immer mehr Arbeitnehmer aufgrund von psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz fehlten. Mittlerweile rangieren psychisch bedingte Krankheiten mit 12 Prozent auf den oberen Rängen der meisten Arbeitsausfälle. (sb)