Essstörungen können Diabetes mellitus befördern

Sebastian
Jugendliche mit Diabetes Typ 1 leiden häufig an gestörtem Essverhalten 
Wenn die Waage plötzlich und ohne Diät ein paar Kilo weniger anzeigt, kann dies auf einen Diabetes mellitus Typ 1 hindeuten, welcher besonders häufig Jugendliche betrifft. Die Therapie der Erkrankung geht zu Beginn meist mit einer Gewichtszunahme einher. Daher entwickeln Betroffene häufig zusätzlich Essstörungen, um ihr vorheriges Gewicht zu halten. Eine gefährliche Kombination, durch die es zu schwerwiegenden Schädigungen kommen kann.
Typ-1-Diabetes bricht meist in jungen Jahren aus
Bei der Typ-1-Diabetes handelt es sich um eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse angreift und zerstört. Dadurch kann die Bauchspeicheldrüse den Körper nicht mehr selbst mit dem lebenswichtigen Hormon versorgen (absoluter Insulinmangel), sodass zum Ausgleich immer eine Behandlung mit Insulin in Form von Spritzen notwendig ist. Der Typ 1 Diabetes beginnt meist im Kindes- oder Jugendalter, dementsprechend wurde die Erkrankung früher auch als „jugendlicher“ oder „juveniler Diabetes“ bezeichnet.

Essstörungen begünstigen die Entstehung von Diabetes. Bild: vadymvdrobot - fotolia
Essstörungen begünstigen die Entstehung von Diabetes. Bild: vadymvdrobot – fotolia

Gewichtszunahme zu Beginn der Therapie
Im Gegensatz zum langsamen Beginn des Typ-2-Diabetes, tritt der Typ 1 in den meisten Fällen sehr plötzlich auf. Da Insulin die Konzentration des Zuckers (Glukose) im Blut reguliert, kommt es durch den Mangel zu einer erhöhten Blutzuckerkonzentration („Überzuckerung“). In der Folge treten verschiedene Symptome wie z.B. starker Durst, häufiges Wasserlassen, trockene Haut, Müdigkeit oder eine unfreiwillige Gewichtsabnahme auf. Vor allem junge Diabetikerinnen freuen sich oft über die purzelnden Pfunde – doch mit Beginn der Insulintherapie nehmen viele Betroffene wieder einige Kilo zu.

„Vor der Diagnose haben sie häufig abgenommen, mit dem Insulinspritzen nehmen sie oft zunächst zu, das kann für die Betroffenen ein Problem sein“, erklärt der Mediziner und Hochschullehrer Stephan Herpertz im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „dpa“. Herpertz ist Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am LWL-Universitätsklinikum Bochum.

Bulimie besonders stark verbreitet
Um nicht zuzunehmen, würden Betroffene häufig Essstörungen entwickeln. Frauen seien dabei stärker betroffen als Männer, so der Psychologische Psychotherapeut Bernhard Kulzer vom Diabetes Zentrum in Bad Mergentheim weiter. Vor allem die so genannte „Ess-Brechsucht“ bzw. Bulimie sei weit verbreitet, bei welcher nach einer exzessiven Heißhungerattacke bestimmte Maßnahmen ergriffen werden, um eine Gewichtszunahme zu vermeiden. Hierzu zählen unter anderem selbst herbeigeführtes Erbrechen, Hungern, übermäßiger Sport oder der Einsatz von Abführmitteln.

Auch das so genannte „Insulin-Purging“ gehöre nach Angaben Kulzers zu den Methoden, die eine Zunahme verhindern sollen. Bei diesem spritzen sich die jungen Diabetiker absichtlich weniger Insulin, um ihr Gewicht zu halten. „Durch den niedrigen Insulinspiegel verbleibt mehr Zucker im Blut, den die Nieren dann über den Urin aus dem Körper schwemmen“, erläutert Kulzer. Doch dieses Vorgehen ist riskant, denn es erfolgt zwar eine kurzfristige Gewichtsreduktion, gleichzeitig steigt durch die unzureichende Insulinversorgung aber auch das Risiko für Diabetes-Folgeerkrankungen. „Das können Nerven- und Nierenschäden, Erblindung bis hin zu einer verkürzten Lebenserwartung sein“, erklärt Wolfgang Wesiack, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Internisten, gegenüber der „dpa“.

Betroffene spritzen bewusst weniger Insulin
Laut Kulzer sind junge Typ-1 Diabetikerinnen fast doppelt so häufig von Essstörungen wie Bulimie, Insulin-Purging oder Magersucht betroffen wie gesunde Frauen im gleichen Alter. Für Außenstehende sind diese aber gerade bei Jugendlichen oft nicht gleich zu erkennen. Dementsprechend sollten Veränderungen im Essverhalten bei Heranwachsenden immer genau beobachtet und ernst genommen werden. Möchte ein betroffener Teenager z.B. plötzlich nicht mehr mit der Familie gemeinsam essen oder treibt exzessiv Sport, könnten dies wichtige Hinweise sein. Gleiches gilt, wenn sich schlagartig deutliche Schwankungen bei den Blutzuckerwerten zeigen. In diesem Fall sollten Eltern mit ihrem Kind sprechen und den Arzt kontaktieren. Hilfe könnten Diabetiker mit Essstörungen durch eine Psychotherapie erhalten. Denn durch diese werde der bzw. dem Betroffenen geholfen, dass eigene Körper- und Selbstbewusstsein zu stärken, erklärt Bernhard Kulzer.

Binge eating führt zu stärkerer Zunahme
Übergewichtige Frauen mit einem Diabetes-Typ 2 seien dem Experten nach ebenfalls stärker gefährdet, periodische Heißhungeranfälle mit Verlust der bewussten Kontrolle über das Essverhalten zu entwickeln. Im Gegensatz zur Bulimie wird bei dem so genannten „Binge eating“ das Gegessene jedoch anschließend nicht erbrochen, sodass die Betroffenen meist weiter zunehmen. In der Folge wird durch das Übergewicht die Wirksamkeit des Insulins eingeschränkt, wodurch es ebenfalls zu schweren gesundheitlichen Problemen wie z.B. Erkrankungen der Nieren, der Nerven oder der Netzhaut kommen kann. (nr)