Evolution und Medizin

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Evolution und Medizin

Immer mehr Forscher fordern die Einbeziehung der Evolution in die Medizin. Sie postulieren, dass evolutionäre Biologie eine grundlegende Basis für die Medizin und essentiell für das Verständnis und die Behandlung moderner Erkrankungen ist.

Evolutionsmedizin in den Medien
Das Thema wurde aktuell vom Online Magazin des Heinz Heise Verlages aus Hannover, Telepolis, aufgegriffen. Mitbegründer Florian Rötzler schrieb mit dem Untertitel „Trotz oder wegen der Fortschritte in Kultur und Medizin beeinflusst die Evolution auf vielfältige Weise weiterhin die Gesundheit des Menschen“ über Ideen und Aktivitäten von us- amerikanischen Evolutionsforschern, die diese in einem Artikel im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ publiziert hatten.

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Auch das Magazin „Der Spiegel“ hatte das Thema im September 2009 aufgegriffen. Auf dem Titelblatt der Ausgabe 40/ 09 waren verschiedene moderne Lebensweisen, wie Sitzen vor dem Computermonitor, Chips essen, u.a. unter der Überschrift „Fehlkonstruktion Mensch- warum wir für die moderne Welt nicht geschaffen sind“ aufgeführt. Im Artikel selbst kamen auch schon damals Experten wie Stephen Stearns von der Universität Yale und von der Universität Harvard, wie der Biologe David Haig oder der Anthropologe Daniel Lieberman zu Wort.

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „bild der Wissenschaft“ wird das Thema nebenbei aufgegriffen. Die ehemals aus Deutschland ausgewanderten Amish- People in den USA leben wie vor 300 Jahren und sind momentan Studienobjekte von Medizinern.

Grundlagen und Theorien der Evolutionsmedizin
Eine stetig größer werdende Zahl von Anthropologen und Medizinern aus verschiedenen Fachrichtungen sowie Biologen, befassen sich mit der sogenannten Evolutionsmedizin. Mit „Schuld“ daran ist sicherlich das Ansteigen von Krankheiten wie Diabetes, Herz- Kreislauf- Erkrankungen, Krebs, Alzheimer und die erhöhte Anzahl von Allergien. Die Evolutionsmediziner vermuten hier eine den biologischen Erfordernissen unseres Körpers diametral entgegengesetzte Lebensweise als Ursache.

Studien, wie die vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE), scheinen dies zu bestätigen: Das DIfE hatte festgestellt, dass mehr Bewegung und gesündere Ernährung (wie in den Jahrhunderten zuvor) das Risiko für bestimmte Erkrankungen um 78 Prozent senkte.

Die Funktion bestimmter Organe und die Entstehung von Erkrankungen kann nach Ansicht von Evolutionsforschern durch Kenntnisse und Verständnis evolutionärer Vorgänge in medizinischen Berufen ganz anders gesehen und behandelt werden.

„Unsere Biologie ist das Ergebnis vieler evolutionärer Kompromisse. Wenn wir diese Geschichten und Konflikte verstehen“, so der Anthropologe der Universität Cambridge, Professor Peter Ellisson, „dann kann das dem Arzt wirklich helfen zu verstehen, warum wir krank werden und was wir machen sollten, um gesund zu bleiben.“ Fragen, die die Evolutionsforscher in den Raum werfen sind z.B. : Wie kommt es zu einem so häufigen Auftreten von Bluthochdruck oder zu Antibiotikaresistenzen bei Erregern (z.B. MRSA) oder wie kommt es zu Autismus?

Erklärungen für viele Beschwerden und Probleme in der heutigen Zeit vermuten sie z.B. in dem höheren Lebensalter, einem Ungleichgewicht zwischen kultureller und biologischer Entwicklung, ungewohnter moderner Ernährungsweise (z.B. hoher Zuckeraufnahme) und massiv verminderter Bewegung.

Teilweise muten die Forderungen der Evolutionsmediziner wie ein Manifest der Naturheilkunde an. Man solle die Natur besser Beobachten und Entwicklungsprozesse verfolgen, um den menschlichen Organismus besser verstehen und behandeln zu können. Weiterhin glauben sie, dass durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika und starker Hygiene, für mit uns in Symbiose lebende Organismen und damit letztendlich auch für uns, kritische Situationen geschaffen werden, die das notwendige Gleichgewicht und die Kompensationsfähigkeit unseres Organismus schädigen.

Eine genaue Kenntnis und Berücksichtigung solcher Faktoren könnte zukünftig in der Medizin bei Prävention und Behandlung von Beschwerden neue Wege aufzeigen.

Weiterentwickungsmöglichkeiten
Hintergrund der meisten Hinweise der Forscher in Bezug auf Nutzung der Evolutionsbiologie in der Medizin und Krankheitsprävention sind die Evolutionstheorien von Darwin.

So kommt es, dass die Wissenschaftler von den Universitäten Harvard, Yale, Michigan und Boston zu Schlussfolgerungen kommen, die im Ansatz sicherlich interessant, aber im Endeffekt recht einseitig sind. Hier gilt es für die Zukunft, andere Theorien der Evolution mit einzubeziehen.

Denn andere Evolutionstheorien wie z.B. die von dem an der Universität Maastricht tätigen Embryologie- und Anatomieexperten Dr. med. Jaap C. van der Wal oder von dem deutschen Arzt, Molekular- und Neurobiologen und Verfasser populärwissenschaftlicher Bücher Joachim Bauer, könnten die Erkenntnisse bereichern, aber auch in einem anderen Licht erscheinen und andere Schlussfolgerungen zulassen.

Van der Wal z.B. vertritt die Ansicht, dass nicht Anpassung, sondern Widerstand zu Weiterentwicklung führt. Das klassische Bild aus dem Evolutionsunterricht der Schule, wo sich alle Embryonen (Schwein, Vogel, Reptil, Mensch) gleichen, interpretiert er völlig anders. Denn der menschliche Embryo hält sich aufrecht, während sich die anderen (die tierischen) sich „hinlegen“. Er bleibt also quasi „stehen“.

Bauer vertritt die Ansicht, dass auch nach neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen klar ist, dass nicht der Egoismus eines Gens, sondern die Kooperation zum Überleben führt. Im anatomischen Aufbau unserer Gen- Strukturen überwiegen nach seinen Aussagen die Anteile, die nicht festgefügt, sondern auf Umbau, stetige Veränderung und Zusammenarbeit ausgerichtet sind.

Die Initiatoren des Artikels im „Proceedings of the National Academy of Sciences“ und des Kolloqiums Anfang April 2009 an der National Academy of Sciences in Washington, um den Cambridger Anthropologen Prof. Peter Ellison, den Professor für Evolutionsbiologie und Ökologie der Universität Yale Stephen C. Stearns und den Professor für Psychatrie und Psychologie der Universität Michigan, Randolph M. Nesse, haben hoffentlich den Startschuss für weitere Ambitionen und Impulse in die evolutionsmedizinische Richtung gegeben.

Eventuell wird den Evolutionsmedizinern noch Gegenwind von analytisch geprägten Naturwissenschaftlern ins Gesicht wehen. Doch auch aus Sicht der Naturheilkunde sollten nicht alle Ideen unkritisch aufgenommen und bejubelt werden.

Ein Beispiel: Erwähnt wird von Evolutionsmedizinern der Zusammenhang mit der der heutigen Lebensweise und Wirbelsäulenschmerzen. Mediziner und Behandler aus dem manuellen Bereich wie Orthopäden, Rolfer, Osteopathen, FDM- Behandler, u.a. stellen neuerdings die anatomische Struktur Wirbelsäule als Ort des Schmerzes in Frage. Diskutiert wird, ob das viele Sitzen zu einem Rückschritt in der Evolution zurück in den Vierfüsserstand führt. Dies kann dauerhaft eine Verkürzung des Hüftbeugemuskels bewirken, welcher wiederum die Probleme auslösen kann. Auch die Erkenntnisse des Biomechnikers Professor Serge Gracovetsky, nachdem die derbe Bindegewebsplatte des Rückens, die Fascia Thoracolumbalis, ca. 80 Prozent der Beugearbeit am Rücken übernimmt, sollten hier mit einfliessen. Denn vermutlich konnten so die Menschen mit einer passiven Struktur als Haltemechanismus jahrhundertelang mühelose Tätigkeiten nach vorne gebeugt (z.B. Feldarbeit) verrichten. Neuere Erkenntnisse von der amerikanischen Forscherin Helen M. Langevin, die eine Verdickung der tiefsten Schicht der Fascia thoracolumbalis bei Patienten mit Rückenschmerzen fand, scheinen weiter in diese Richtung zu weisen. Denn Forscher der Universität Heidelberg fanden kürzlich, dass wiederum die oberste Schicht dieses Bindegewebes die meisten Schmerzfasern hat.

Die Reduzierung des Beschwerdeverursachers allein auf die Wirbelsäule und ihre Lordose- Kyphose- Beziehungen scheint zu verkürzt. Wenn die Evolutionsmediziner wirklich mehr Einfluss auf den Medizinbetrieb und Zusammenarbeit mit einzelen Sparten wünschen, tut in den einzelnen Fällen mehr Differenzierung unter Einbeziehung neuerer Erkenntnisse not.

Ansonsten ist absehbar, dass diese Sparte mit ihrem Anliegen einer Bereicherung der Medizin in eine Sackgasse in Form ihres eigenen Dogmatismus läuft. (Thorsten Fischer, Heilpraktiker Osteopathie, 06.02.2010)