Exhibitionismus gehört zum Sport-Workout dazu

Sebastian
Wettbewerb beim Workout: Eine Art „Exhibitionismus“ beim Sport
Schlank und fit in ganz kurzer Zeit: Das versprechen nicht nur Ratgeber-Bücher seit langem, sondern neuerdings auch manche Trainings-Programme im Internet. In den sozialen Netzwerken animieren Sport-Challenges dazu, den Körper schnell und effektiv in Form zu bringen. Manche Menschen scheint dieser „Exhibitionismus“, bei dem andere verfolgen, wie der Po straffer und der Bauch kleiner werden, zum Sport zu ermuntern.

Wettbewerbe animieren zum kollektiven Schwitzen
„Fit und schlank in vier Wochen“: So und so ähnlich werden seit Jahren Ratgeber beworben, in denen Tipps gegeben werden, wie man besser Abnehmen und seinen Körper in Form bringen kann. Auch in den sozialen Netzwerken wird der Trend immer populärer. Sogenannte Sport-Challenges animieren dort zum kollektiven Schwitzen. Manche meinen, solche Wettbewerbe sind ein effektiver Zeitvertreib, für andere handelt es sich dabei um einen überflüssigen Hype. Fakt ist, dass der Trend zu einer besseren körperlichen Fitness hierzulande seit langem anhält. Die Fitness-Branche in Deutschland boomt.

Exhibitionismus gehört zum Workout dazu. Bild: WavebreakMediaMicro – fotolia

13 mal mehr Leistung in 30 Tagen
Die Nachrichtenagentur dpa berichtet in einer aktuellen Meldung über solche Wettbewerbe im Netz. So rief die „Plank Challenge“ ein utopisch klingendes Ziel aus: In nur 30 Tagen soll 13 mal mehr Leistung erreicht werden. Das Facebook-Event animierte mehrere Tausend Menschen zum Mitmachen. Plank (übersetzt Unterarm-Stütz) ist eine kraftraubende Angelegenheit, bei der man seinen Körper über dem Boden hält. Der Rücken ist dabei durchgestreckt, das Gewicht liegt auf den Unterarmen und den Zehen. Das führt dazu, dass es überall zieht: im Bauch, im Rücken, den Oberarmen. Am ersten Tag sollten die Teilnehmer den Plank 20 Sekunden lang halten. Die Vorgabe wurde täglich größer, bis am Ende der Challenge, die über 30 Tage ging, 270 Sekunden Unterarm-Stütz angepeilt waren.

Große Veränderungen in kurzer Zeit
Neu an diesen Sportherausforderungen ist, dass sie über soziale Netzwerke ablaufen. Für manche Menschen scheint es eine zusätzliche Motivation zu sein, wenn sie ihre Trainingseinheiten anderen per Video zeigen können. Andere kritisieren diese Form von „Exhibitionismus“. Große körperliche Veränderungen in kurzer Zeit wurden aber auch schon vor den Internet-Wettbewerben versprochen, in Ratgeber-Büchern etwa oder in Dauer-Werbesendungen. Da hieß es dann: „Straffer Bauch in nur einem Monat“ oder „In nur acht Wochen zur Strandfigur“. Aktuell verspricht der Tanzlehrer Detlef Soost: „I make you sexy.“ Wie es in der dpa-Meldung heißt, sollen mit seinem „10 Weeks BodyChange“ in zehn Wochen 20 Kilogramm weg.

Hemmungen vorm Sport werden gesenkt
Fraglich ist, ob solche zeitlich begrenzten Sportaktivitäten effektiv oder überflüssig sind. „Sie können genial sein, wenn man sie richtig einsetzt“, sagt die Professorin für Bewegungs- und Neurowissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln, Christine Graf. Sie machen Fortschritte sichtbarer und man wird jeden Tag zur Leistungsüberprüfung aufgefordert. Allerdings müssten die Ziele der Challenge realistisch sein. „Danach sollte die passende Herausforderung ausgewählt werden, dort beginnt der Erfolg.“ Hildegard Rebsch meint, dass der überschaubare zeitliche Rahmen die Hemmungen vorm Sport senkt. Die Fitnesstrainerin und Yoga-Lehrerin hat in ihrem Buch „Bauch, Beine, Po & Arme. Die 30-Tage-Body-Challenge“ 15 Kurztrainingsprogramme mit je vier bis sechs Übungen skizziert, die den Körper in einem Monat in bessere Form bringen sollen. Mit ihrem Mann führt sie ein Fitnessstudio. „Wer ständig unterwegs ist oder wenig Zeit hat, fragte mich oft: Was kann ich schnell daheim oder im Hotel machen?“, erzählte die Trainerin.

Einstieg in die Sportwelt
Ihr Buch sei auch eine der Antworten auf die Frage, für wen diese Art des Sports Sinn macht. Im Prinzip ist es für alle etwas: Sportlich aktive Menschen machen eine zeitlich begrenzte Challenge als Abwechslung zu ihrem alltäglichen Tun. Und Menschen ohne sportlichen Hintergrund finden so unter Umständen einen Einstieg in die Sportwelt, meint Rebsch. Oliver Stoll, Professor für Sportpsychologie an der Universität Halle-Wittenberg hält es für „möglich“, dass aus der kurzen sportlichen Aktivität eine langfristige Sport-Routine erwächst. „Es kann sein, dass man über diesen Kick Spaß am Sport findet. Und Spaß ist ein wichtiger Motivator.“ Es sei aber wichtig, einen „inneren Trieb zu entwickeln“.

„Mut zum Exhibitionismus“
„Eine nachhaltige Wirkung hat Sport erst nach drei Monaten mit zwei, drei Einheiten pro Woche“, so der Sportpsychologe. „Dann stellt sich eine positivere Einstellung zum Körper ein, man hat bessere Laune.“ Aktivitäten über einen kürzeren Zeitraum seien lediglich ein „Strohfeuer“. „Man muss spüren, das man mit dem Sport etwas für sich tut“, sagt Rebsch. Herausforderungen wie die „Plank-Challenge“ animieren die Teilnehmenden, ihre Fortschritte in sozialen Netzwerken zu teilen. „Wer in einen Wettbewerb auf Facebook geht, muss sich klarmachen, dass man sich dabei einen gewissen Druck aussetzt“, warnt Graf. Stoll meint, es brauche dafür Mut zum Exhibitionismus: „Gerade wenn es öffentlich abläuft, können dauerhafte Misserfolge hier problematisch sein und im Extremfall zu depressiven Zuständen führen.“

Aufhören wenn es weh tut
Oder man will immer mehr erreichen. Doch zu viel Sport kann der Gesundheit schaden. Außerdem korrigiert die Teilnehmer solcher Sport-Challenges niemand, wenn sie die Übungen falsch ausführen. In der Regel arbeiten sie ja alleine. „Das ist ein Problem“, meint Graf. Eine wichtige Grundregel lautet: Aufhören, wenn es schmerzt. „Außerdem sollte der geforderte Übungsumfang im Zweifel an die individuelle Leistung angepasst werden.“ So eine Korrektur kann nach oben oder unten erfolgen: Wer fit ist, dem werden wohl 20 Sekunden Unterarm-Stütz nichts ausmachen. Für die Sportlichen kann es eine Herausforderung sein, mit 60 Sekunden zu starten und sich von da an zu steigern. Doch laut Rebsch sollte man seine Grenzen kennen: „Wer schon nach 7 von 15 vorgesehenen Übungswiederholungen merkt, dass es nicht mehr geht, sollte auf seinen Körper hören – und die Ziele nach unten korrigieren.“ (ad)