Forscher: Cannabis kann den geistigen Abbau bremsen

Alexander Stindt

Macht Cannabis das Gehirn wieder jünger?

Im fortgeschrittenen Alter bauen viele Menschen geistig stark ab. Die Balance zwischen dem sogenannten alterstypischem Abbau und stabilisierenden Prozessen bestimmt den genauen Ablauf der individuellen Alterung. Forscher fanden jetzt heraus, dass niedrig dosiertes THC gegen einen geistigen Abbau zu schützen scheint.

Die Wissenschaftler des Universitätsklinikums Bonn stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass THC gegen einen auftretenden geistigen Abbau hilft. Die Experten veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der englischsprachigen Fachzeitschrift „Nature Medicine“.

Kann Cannabis unser Gehirn wirklich vor den negativen typischen altersbedingten Auswirkungen schützen und so einen geistigen Abbau verhindern? (Bild: nokturnal/fotolia.com)

Geistiger Abbau im Alter wird durch THC reduziert

Bei Versuchen an Mäusen konnte von den Forschern festgestellt werden, dass der für das Alter typische geistige Abbau durch niedrig dosiertes THC reduziert werden kann. Das sogenannte Endocannabinoidsystem gehört zu den stabilisierenden Prozessen, welche sich stark auf die individuelle Alterung auswirken. Dieses System trägt seinen Namen, weil seine Schalter auch auf im Cannabis enthaltene Substanzen (THC) reagieren, erläutern die Forscher. Die sogenannten Systemschalter (CB-Rezeptoren) werden normalerweise mit der Hilfe von THC ähnelnden körpereigenen Substanzen aktiviert. Eine solche Aktivierung wirkt sich auf die typischen Abläufe der Alterung aus.

Auswirkungen des Alters auf das Gehirn

Mit fortgeschrittenem Alter wird das System allerdings immer inaktiver. Dies konnte bereits in Versuchen an Tieren festgestellt werden. Im Alter produzieren die Gehirnzellen weniger neue CB-Rezeptoren. Die Rezeptoren reagieren zusätzlich auch schwächer auf die Endocannabinoide, die sie aktivieren sollen. Die Forscher fanden zudem heraus, dass in älteren Tieren weniger der aktivierenden Substanzen vorhanden sind. Die Rezeptorschalter werden also seltener produziert, sie reagieren schlechter und sie werden zusätzlich auch seltener genutzt. Bei vorherigen Untersuchungen konnte bereits festgestellt werden, dass Mäuse, die einen speziellen CB-Rezeptor nicht herstellen konnten, dadurch im Alter einen stärkeren Verlust von Gehirnzellen aufwiesen. Außerdem trat bei diesen Mäusen auch ein früherer Abbau von Lern- und Gedächtnisleistung auf, erläutern die Autoren.

Kann THC die geistige Alterung verlangsamen?

Wenn eine verringerte Aktivität von CB1 die Alterung beschleunigt, kann dann vielleicht durch einen dauerhaft aktivierten Rezeptor die geistige Alterung verlangsamt werden? Um dies zu erreichen, könnte eine erhöhte Konzentration an aktivierenden Substanzen, wie beispielsweise THC, durchaus hilfreich sein.

Tests ermitteln verschiedene Faktoren unter dem Einfluss von THC

Die Wissenschaftler untersuchten bei ihrer Studie, ob eine regelmäßige Einnahme von THC gegen die geistigen Symptome der Alterung helfen kann. Zu diesem Zweck führten die Experten des Universitätsklinikums Bonn verschiedene Verhaltenstests durch, welche während und nach einer Behandlung mit THC erfolgten. Die Tests ermittelten Faktoren, wie beispielsweise ein Interesse an Neuem, Neugierde und die generelle Geschwindigkeit.

THC behandelten Mäusen zeigen verbesserte Lernleistung

Wenn bei der vorherigen Untersuchung die geistige Alterung noch schneller ablief, entstand durch eine Behandlung mit THC genau der gegenteilige Effekt. Bei Mäusen, die mit THC behandelt wurden, verbesserte sich trotz des Alters die Lernleistung wieder. Die Wissenschaftler konnten beobachten, dass der normale Abbau der Denkleistung zum Teil rückgängig gemacht werden kann. Dieser fesEffekt wurde zusätzlich im Gehirn noch von einigen messbaren Veränderungen begleitet.

Auswirkungen von THC auf das Lernzentrum des Gehirns

Im sogenannten Hippocampus (dem Lernzentrum des Gehirns) trat bei den mit THC behandelten Mäusen eine stärkere Aktivität und ein höheres Wachstum von Nervenzellverknüpfungen auf. Diese sogenannten Lernzellen verbanden sich sozusagen häufiger miteinander. Dies kann als eine Zeichen für einen Lernvorgang und die Gedächtnisbildung gesehen werden, erklären die Experten. Bei den älteren Mäusen in dem Versuch verjüngte sich die Gehirnaktivität teilweise sogar so stark, dass sie der Aktivität ähnelte, welche normalerweise nur bei jungen Mäusen auftritt.

Wird Cannabis bald zur Reduzierung der geistigen Auswirkungen des Alterns verwendet?

Durch eine Reaktivierung der durch die Alterung verlangsamten sogenannten CB1-Rezeptoren im Gehirn ist es scheinbar möglich, eine wirksame Behandlung gegen den geistigen Abbau im Alter zu erreichen. Dieser Effekt war zumindest bei Mäusen zu beobachten, wenn die Tiere eine niedrige Dosis von THC erhielten. Es ist also möglich, dass medizinisches Cannabis in Zukunft zur Reduzierung der geistigen Auswirkungen des Alterns eingesetzt wird. Bisher kommt medizinisches Cannabis vorwiegend gegen Schmerzen oder auftretende Appetitlosigkeit bei schweren Erkrankungen zur Anwendung. (as)