Geburtsgewicht deutscher Babys rund 500 Gramm höher als das indischer Neugeborener

Alfred Domke
Deutsche Babys wiegen bei der Geburt durchschnittlich 500 Gramm mehr als indische
In einer neuen Studie hat sich gezeigt, dass Babys, die in Deutschland zur Welt kommen, bei der Geburt durchschnittlich 500 Gramm schwerer sind als indische Neugeborene. Ein geringeres Geburtsgewicht geht mit zahlreichen gesundheitlichen Risiken einher.

Gesundheitliche Risiken durch geringes Geburtsgewicht
Vor einigen Jahren zeigte sich in einer Studie, dass weltweit rund eine Million Babys am Tag ihrer Geburt sterben. Frühgeburten sind eine der häufigsten Todesursache für Kinder, nicht zuletzt, weil die Kleinen nur sehr wenig wiegen, wenn sie zur Welt kommen. Ein geringes Geburtsgewicht birgt eine große gesundheitliche Gefahr. In einer neuen Studie zeigte sich nun, dass das Gewicht von Neugeborenen in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ausfällt.

Das Geburtsgewicht von Babys variiert von Land zu Land teilweise enorm. Beispielsweise sind Neugeborene in Deutschland durchschnittlich 500 Gramm schwerer als diejenigen in Indien. (Bild: Maria Sbytova/fotolia.com)

Studie mit Forschern aus zehn Ländern
Wie schwer ein Baby bei der Geburt ist, variiert von Land zu Land und wird von verschiedenen weiteren Faktoren wie mütterliches Alter und Geschlecht des Kindes bestimmt. Das hat eine multinationale Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter maßgeblicher Beteiligung von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ergeben.

Wie das Hamburger Krankenhaus in einer Mitteilung berichtet, sind Kinder in Mittel- und Nordeuropa bei der Geburt deutlich schwerer als etwa in Indien oder im Kongo – obwohl es sich jeweils um risikoarme Schwangerschaften handelt und die Frauen in einer vergleichbaren sozioökonomischen Umgebung leben.

Die Studie, deren Ergebnisse in der Fachzeitschrift „PLOS Medicine“ veröffentlicht wurden, umfasste 1.387 gesunde Frauen mit risikoarmen Schwangerschaften.

An der Untersuchung waren Forscher aus Argentinien, Brasilien, der Demokratischen Republik Kongo, Dänemark, Ägypten, Frankreich, Deutschland, Indien, Norwegen und Thailand beteiligt.

Deutschland an zweiter Stelle
Die Klinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin des UKE unter Leitung von Prof. Dr. Kurt Hecher war das Studienzentrum für Deutschland. „139 Hamburgerinnen wurden in die Studie einbezogen. Die von ihnen geborenen Kinder wogen im Durchschnitt 3480 Gramm“, erklärte Prof. Hecher.

Deutschland lag damit im internationalen Vergleich an zweiter Stelle. Norwegische Mütter gebaren demnach mit durchschnittlich 3575 Gramm die schwersten, indische mit 2975 Gramm die leichtesten Babys.

Den Angaben zufolge sind die Unterschiede nicht auf die jeweiligen sozioökonomischen Verhältnisse zurückzuführen, alle werdenden Mütter lebten in einem vergleichbar guten Umfeld.

Ermittlung des wahrscheinlichen Geburtsgewichts in der Schwangerenvorsorge
Wie es in der Mitteilung des UKE heißt, spielt die Ermittlung des wahrscheinlichen Geburtsgewichts in der Schwangerenvorsorge eine bedeutende Rolle.

„Eine Schätzung des fetalen Gewichts ist wichtig, da ein geringes Geburtsgewicht mit einer höheren Sterblichkeit in der Geburtsphase, häufigeren Erkrankungen in der Kindheit und längerfristigen gesundheitlichen Risiken als Erwachsener verbunden ist“, erläuterte Dr. Anke Diemert, Oberärztin in der UKE-Geburtsklinik.

Bei risikoarmen Schwangerschaften werden in aller Regel in der 12., 22. und 32. Schwangerschaftswoche Ultraschalluntersuchungen vorgenommen.

Gleichmäßig verlaufendes Wachstum
Anhand dieser Messungen konnten die Wissenschaftler nun im Rahmen der Studie fetale Wachstumsdiagramme für den Kopf- und Bauchumfang, die Länge des Oberschenkelknochens sowie das Geburtsgewicht festlegen.

„Wichtig für eine Schwangerschaft ist vor allem, dass das Wachstum gleichmäßig verläuft, der Fetus sich zu jeder Zeit der Schwangerschaft ungefähr im selben Bereich der Wachstumskurve befindet“, so Dr. Diemert.

Wie die Experten schreiben, sind Schätzungen des Geburtsgewichts per Ultraschallmessungen weit verbreitet und ein wichtiges Instrument bei der Identifizierung und Betreuung von Hochrisiko-Schwangerschaften.

„Viele Länder verwenden jedoch fetale Wachstumskurven, die auf nur einer einzigen Population aus Ländern mit hohem Einkommen basieren“, erklärte Prof. Hecher.

Auswirkungen auf die ärztliche Schwangerenvorsorge
„Mit der jetzt vorliegenden Studie konnten jedoch deutliche Unterschiede zwischen Ländern und Regionen identifiziert werden. Dies wird weltweit erhebliche Auswirkungen auf die ärztliche Schwangerenvorsorge haben“, so der Mediziner.

Den Angaben zufolge sind die zum Teil deutlichen Unterschiede beim durchschnittlichen Geburtsgewicht in Indien (2975 g), Ägypten (3100 g), Thailand (3130 g) und Kongo (3170 g) im Vergleich etwa zu Frankreich (3370), Dänemark (3462 g), Deutschland (3480 g) und Norwegen (3575 g) insbesondere auf mütterliche Faktoren wie Alter, Gewicht und Zahl der Geburten sowie auf das Geschlecht des Neugeborenen zurückzuführen.

„Diese neu erhobenen Daten deuten darauf hin, dass die Identifizierung von Risikoschwangerschaften weltweit verbessert werden kann, wenn diese Faktoren berücksichtigt werden“, sagte Prof. Hecher.

Die WHO hat aufgrund dieser Untersuchungsergebnisse neue fetale Wachstumskurven entwickelt, die insbesondere auch die regionalen Unterschiede berücksichtigt.

Interessant in diesem Zusammenhang sind auch neue Erkenntnisse, die Wissenschaftler vor wenigen Monaten im Fachjournal „BMC Medicine“ präsentiert haben. Demnach kann eine Urinuntersuchung bei Müttern zur Identifizierung des zukünftigen Geburtsgewichts führen. (ad)