Gefährliches Koffeinpulver weiter in der Kritik

Fabian Peters

Lebensmittelaufsicht prüft Koffeinpulver

28.07.2011

Das an Berliner Kiosken erhältliche Koffeinpulver mit dem Namen „Coffaina bleibwach“ sorgt weiterhin für aufsehen. Nachdem Mediziner vergangene Woche bereits vor den möglichen Nebenwirkungen des Koffeinpulvers gewarnt haben, schaltet sich nun auch die zuständigen Aufsichtsbehörde ein und lässt Proben des Pulvers im Landeslabor Berlin-Brandenburg überprüfen.

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Die Zusammensetzung des an den Berliner Kiosken theoretisch auch von Kindern und Jugendlichen zu erwerbende Koffeinpulvers wird nach Angaben der Sprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, Regina Kneiding, derzeit vom zuständigen Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt untersucht. Während Ärzte vor gefährlichen Nebenwirkungen warnen und Suchtexperten ebenfalls Bedenken äußerten, kann die Herstellerfirma die Kritik an ihrem Produkt nicht nachvollziehen.

Zusammensetzung des Koffeinpulvers wird überprüft
Im Rahmen der Untersuchung durch das Berliner Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt soll überprüft werden, ob die Zusammensetzung des Koffeinpulvers tatsächlich den Herstellerangaben entsprechend aus Zucker und 120 Milligramm reinem Koffein besteht und ob die Tüten mit dem weißen Pulver in ihrer jetzigen Form verkehrsfähig sind, erklärte Renate Kneiding. Mit ersten Ergebnisse rechne die Senatsverwaltung in etwa zwei bis drei Wochen. Bei der sensorischen Prüfung sei jedoch einen extrem bitterer Geschmack festzustellen gewesen, der Kinder vermutlich eher abschrecken dürfte, so die Hoffnung der Sprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz.

Drohende Nebenwirkungen des Koffeinpulvers
Das Koffeinpulver „Coffaina bleibwach“ war Anfang letzter Woche massiv in die Kritik geraten, nachdem Medien über den Verkauf an Berliner Kiosken berichtet hatten. Die für zwei Euro erhältlichen Koffeinpulver-Tütchen könnten theoretisch auch in Kinderhände gelangen und bei diesen schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen, so die Befürchtung von Medizinern und Suchtexperten. Auch Patienten mit Herzrhythmusstörungen, Leberzirrhose, Schilddrüsenüberfunktion drohen bei Verwendung des Koffeinpulvers gesundheitliche Beeinträchtigungen, warnte die Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Ursula Sellerberg, gegenüber „Welt Online“. Die genannten Risikopatienten dürfen am Tag nicht mehr als 100 Milligramm Koffein zu sich nehmen, betonte die Expertin. Gleiches gelte für Frauen in der Schwangerschaft und stillende Mütter. Bei massiven Überdosierungen mit Einnahmemengen über einem Gramm Koffein drohen Vergiftungserscheinungen wie Herzrasen (Tachykardien), Muskelzittern, Kopfschmerzen und Krämpfe, so Sellerberg weiter.

Warnung vor Überdosierungen
Zwar werden die Kioskbetreiber auf der Rückseite der Verpackung des Koffeinpulvers dazu aufgefordert „Coffaina bleibwach“ nicht an Kinder zu verkaufen und den Aussagen des Herstellers zufolge wurde den Verkäufern zusätzlich in persönlichen Gesprächen erklärt, „dass das nicht für Kinder ist“. Die Weitergabe an Minderjährige ist jedoch nicht generell verboten und so darf bezweifelt werden, ob die auch auf der zugehörigen Facebook-Seite hinterlegten Warnhinweise stets eingehalten werden. Eigentlich sollte das Koffeinpulver als Ersatz für die bekannten Energy Drinks dienen und das Durchhaltevermögen des Berliner Partyvolks in den Nächten erhöhen, erklärte der 30-jährige Inhaber der Herstellerfirma „2Drinks Company“. „Unsere Zielgruppe sind junge Leute ab 25. Denen sind die gängigen Energydrinks häufig viel zu süß“, so die Aussage des Herstellers. Das Koffeinpulver wird von den Konsumenten in ein Getränk gemischt, um dort seine wach machende Wirkung zu entfalten. Koffeinhaltige Getränke sind den Angaben auf der Verpackung zufolge hierfür nicht geeignet und der Produzent warnt ausdrücklich vor einer Überdosierung.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Koffein
Mediziner wie der Oberarzt der Pädiatrie der Berliner Charité, Stephan Henning, hatten bereits Anfang letzter Woche vor den drohenden Nebenwirkungen des Koffeinpulvers gewarnt. Der auch in zahlreichen Pflanzen wie Guarana, Kaffee, Mate und Tee, enthaltene Naturwirkstoff stimuliert das Zentralnervensystem, erhöht die Herzfrequenz, steigert den Blutdruck und hebt so die Ermüdungserscheinungen auf. Doch damit einher können erhebliche Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen und Schweißschüben gehen, warnte Stephan Henning gegenüber „Welt Online“. Dem Experten zufolge drohen bei noch höherer Dosierung unter Umständen sogar schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen wie zum Beispiel Herzrhythmusstörungen. Mit der Zeit gewöhnt sich der Körper an das Koffein, die Nebenwirkungen gehen unter Umständen zurück, doch nun können ähnliche Symptome wie oben beschrieben beim Absetzten des Koffeins auftreten. Kinder reagieren laut Aussage des Experten weit empfindlicher auf das Koffein, so dass bei ihnen bereits eine Dosis von rund sieben Milligramm Koffein pro Kilogramm Körpergewicht ausreicht, um gravierende Nebenwirkungen zu verursachen. Wie die Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Ursula Sellerberg, ergänzte, liegt die potenziell tödliche Dosis für Nikotin bei drei bis zehn Gramm. Eine tödliche Überdosierung sei „jedoch selten, da nach oraler Einnahme von Überdosen rasch Erbrechen eintritt.“

Verkauf des Koffeinpulvers an Kiosken äußerst umstritten
Nach Ansicht der ABDA-Sprecherin ist der Verkauf der „Coffaina“-Tütchen an den Berliner Kiosken kein Problem, so lange das Pulver nicht für medizinische Zwecke verkauft wird. Sellerberg erklärte: „Wenn auf dem Produkt stehen würde, dass es gegen krampfhafte Schlafanfälle hilft, müsste es genehmigt werden.“ Aber Müdigkeit sei keine Krankheit und das Koffeinpulver daher frei verkäuflich, betonte die ABDA-Sprecherin. Darüber hinaus seien Koffeintabletten in ähnlicher Dosierung rezeptfrei in jeder Apotheke zu erwerben, so Sellerberg weiter. Der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfrage, Raphael Gaßmann, kann den Standpunkt der ABDA-Sprecherin jedoch nicht teilen. „In einer Apotheke herrscht ein anderes Umfeld als im Kiosk“, erklärte Gaßmann und ergänzte: „Da wird man einem Kind diese Tabletten nicht geben, auch wenn kein Gesetz dagegen spricht.“ Zudem könne das Koffeinpulver auch gefährlich sein, obwohl es legal ist. Denn mit dem Pulver lasse sich eine absichtliche Überdosierung viel einfacher erreichen als zum Beispiel mit Kaffee oder Energydrinks, erläuterte Gaßmann.

Hersteller von Koffeinpulver weist Vorwürfe zurück
Der Hersteller wehrt sich derzeit energisch gegen die aufkommenden Vorwürfe und bezeichnete vor dies als aus der Luft gegriffen. Insbesondere die Anschuldigung, er verführe Jugendliche mit dem weißen Pulver zu frühem Drogenkonsum, wies der Inhaber der Herstellerfirma massiv zurück. „Wer gleich an so etwas denkt, hat wahrscheinlich selbst mit Drogen zu tun“, geht der Jungunternehmer im Gespräch mit „Welt Online“ in die Offensive. Außerdem gebe „es auch Backpulver und Traubenzucker zu kaufen, da hat ja auch niemand etwas dagegen“, so der 30-Jährige weiter. Allerdings dürfte es auch für Aufsehen und Empörung sorgen, wenn Backpulver und Traubenzucker als Puder in kleinen Tütchen verkauft würde, die eine Aufschrift tragen, welche verdächtig an das Rauschmittel Kokain erinnert. Kaum verwunderlich daher, dass die Kritiker der Herstellerfirma von „Coffaina“ vorwerfen, bei Namensgebung und Produktdesign bewusst mit der Nähe zu dem Rauschgift gespielt zu haben. Außerdem hinkt der Vergleich mit Backpulver und Traubenzucker ohnehin, da diese keine vergleichbaren Nebenwirkungen auslösen können, wie das an den Berliner Kiosken vertriebene Koffeinpulver. (fp)