Gesellschaft XXL: Deutsche werden immer dicker

Fabian Peters

Gesellschaft XXL birgt einige Herausforderungen: Deutsche werden immer größer und schwerer

16.07.2012

Die Menschen in Deutschland werden durchschnittlicher immer größer und schwerer. Damit verändern sich auch die Anforderungen an medizinische Produkte und Alltagsgegenstände. Die ersten Flugzeugbauer setzen bereits XXL-Sitze ein. In den Krankenhäusern werden immer häufiger übergroße OP-Tische und andere Spezialgeräte erforderlich.

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Die bisher gültigen Standards verlieren aufgrund der massiven Zunahme des durchschnittlichen Körpergewichts und der Körpergröße zusehends ihre Gültigkeit. Beispielsweise verschieben sich die personenbezogenen Angaben der Förderleistung bei Aufzügen. Entsprachen sieben Personen früher einer maximalen Last von 450 Kilogramm, so liegt ihr durchschnittliches Gesamtgewicht heute deutlich höher (über 500 Kilogramm) und es sind nur noch sechs Personen zur Beförderung zugelassen. Durch die Gewichtszunahme werden Sicherheitsstandards unter Umständen gefährdet. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen sind daher gezwungen zu reagieren.

Zwei Kilo mehr Durchschnittsgewicht in den letzten zehn Jahren
Die durchschnittliche Körpergröße und das Gewicht der Bevölkerung nehmen seit Jahrzehnte kontinuierlich zu. Damit verbunden sind unter anderem veränderte Anforderungen an technische Produkte, medizinische Einrichtungen und Transportmittel. Den Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge hat sich das Durchschnittsgewicht in den Jahren 1999 bis 2009 in Deutschland um rund zwei Kilogramm erhöht. Der durchschnittlich Bundesbürger wiegt heute 75,6 Kilogramm bei einer Größe von 172 Zentimetern (Frauen: 68,1 Kilogramm bei 1,65 Meter; Männer: 83,4 Kilogramm bei 1,78 Meter), wie aktuelle Auswertungen des Statistischen Bundesamtes ergaben. Daher müssen zum Beispiel die Hersteller von Transportmitteln wie Flugzeugen, Autos oder auch Fahrstühlen die anhaltende Zunahme des Körpergewichts und der Körpergröße in ihren Konzepten berücksichtigen.

Flugzeugsitze XXL
So erläuterte beispielsweise die Sprecherin des Flugzeugbauers Airbus, Zuzana Hrnkova, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“, dass in dem A 320 als meistverkauften Mittelstreckenflieger des Konzerns heute bereits breitere Sitze eingebaut werden, da „die Menschen größer und größer werden, besonders die Kinder.“ Abhängig von der generellen Ausstattung der Flieger seien bis zu 60 der insgesamt 180 Sitze im A320 extrabreit, so die Airbus-Sprecherin weiter. Die XXL-Sitze befinden sich grundsätzlich am Gang und bieten laut Airbus circa fünf Zentimeter mehr Platz als die normalen Flugzeugsitze mit ihren knapp 46 Zentimetern. Laut Zuzana Hrnkova werden die breiteren Sitze jedoch nicht nur für Übergewichtige eingebaut, sondern auch weil viele Fluggäste mehr Platz während des Fluges wünschen. Zum Beispiel wünschen „Sie sich mehr Komfort und mehr Platz für ihre Computer“ zum Arbeiten, erläuterte die Airbus-Sprecherin. Aufgrund der wachsenden Körpermaße der Fluggäste, seien in einigen Fliegern neuerdings auch extra geräumige Toilette installiert, so Hrnkova weiter.

Autos an die veränderten Körpermaße angepasst
Die Automobilhersteller sind sich der wachsenden Körpermaße ihrer Kunden seit langem bewusst und passen ihre neuen Fahrzeuge kontinuierlich den veränderten Anforderungen an. So erklärte der BMW-Sprecher Michael Rebstock gegenüber der „dpa“, es sei Fakt, „dass die Autos mit den Leuten mitgewachsen sind.“ Auch der Sprecher von Audi, Armin Götz, bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur diese Aussage. Allerdings sei die wachsenden Verbreitung der sogenannte „Sport Utility Vehicles“ (SUV) nicht im Zusammenhang mit der Zunahme bei der durchschnittlichen Körpergröße und beim Gewicht zu sehen.

Neue Konzepte im Umgang mit den zunehmenden Körpermaßen gefragt
Bei dem bereits angesprochen Problem der Fahrstuhl-Förderleistung ist zwar der Sicherheit durch kurzfristige Änderungen der maximal zugelassenen Personen Rechnung getragen, doch damit können insgesamt deutlich weniger Menschen transportiert werden. Im Zweifelsfall müssen einige die Treppe nehmen, was insbesondere in modernen Bürohäusern mit etlichen Geschossen zu einem Problem werden kann. Daher sind die Aufzugbauer im Sinne der Nutzer ihre Produkte dazu aufgefordert, ihre Konzepte zu überdenken, um in Zukunft genauso viele Menschen befördern zu können wie heute, erläuterte der TÜV-Süd-Sprecher Thomas Oberst. Seiner Einschätzung nach, müssen künftig „mehr Aufzüge mit einer größeren Grundfläche gebaut werden.“ Die aufgrund des zunehmenden Gewichts und der Körpergröße veränderten Anforderungen betreffen laut Oliver Heiss, Geschäftsführer für Aus- und Weiterbildung an der Bayerischen Architektenkammer, auch die Planung von Gebäuden. Heiss betonte gegenüber der „dpa“: „Dass die Menschen größer und schwerer werden, macht sich für uns im Grunde in allen Bereichen permanent bemerkbar – von der Höhe der Treppengeländer bis hin zur Breite der Badewanne.“ Die hier gültigen Normen verschieben sich laut Aussage des Architekten entsprechend den menschlichen Durchschnittsmaße.

Veränderte Ansprüche in Kliniken
Erhebliche Probleme ergeben sich aufgrund der zunehmenden Körpermaße bisweilen auch im Gesundheitswesen. Immer wieder wurde in der Vergangenheit von Rettungstransporte berichtet, bei denen die Patienten zuerst mit einem Kran aus ihrer Wohnung geborgen werden mussten, da für sie der normale Weg über die Treppe nicht mehr in Frage kam. Doch auch abseits solcher Extreme hat die Zunahme des Durchschnittsgewichts und der durchschnittlichen Größe Folgen für die Krankenversorgung. So erklärte der Chirurg Christian Jurowich vom Adipositaszentrum des Universitätsklinikums Würzburg im Gespräch mit der „dpa“, dass ganz klar „immer mehr adipöse Patienten“ versorgt werden müssen. Entsprechend häufiger kämen Spezialgeräte wie überdimensionale OP-Tische, extrabreite Betten oder Hebebühnen zum Einsatz. Zudem würden die Eingriff am Bauch bei den sehr übergewichtigen Patienten deutlich komplizierter. Von besonderen Erfordernissen im Umgang mit schwergewichtigen Patienten berichtet auch, Jens Schriewer vom Universitätsklinikum Erlangen. Diese Patienten bräuchten „alles in XXL“ und immer häufiger komme es vor, dass Patienten mit über 200 Kilogramm Körpergewicht per Lastwagen eingeliefert werden. Für sie seien im Universitätsklinikum Erlangen extra Spezialbetten mit der doppelten Breite eines gewöhnlichen Krankenhausbettes angeschafft worden. (fp)