Herz-Kreislauf-System: Amazonas-Ureinwohner mit den weltweit gesündesten Arterien

Alfred Domke
Kaum Herzerkrankungen: Amazonas-Ureinwohner haben die gesündesten Arterien weltweit
Jedes Jahr sterben weltweit Millionen Menschen aufgrund von Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Bei den Tsimane, einem Volk das im Amazonasgebiet lebt, sind solche Krankheiten fast unbekannt. Verantwortlich für ihre gesunden Blutgefäße sind offenbar ihre Ernährung, viel Bewegung und weitgehender Rauchverzicht.

Millionen Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden jährlich 17,5 Millionen Todesfälle auf Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems zurückgeführt. In Deutschland sind sie sogar Todesursache Nummer eins. Besonders verbreitet ist die Arteriosklerose (Arterienverkalkung), die dramatische Folgen haben kann. Die häufigsten sind Herzinfarkt und Schlaganfall. Bei den Tsimane sind solche Krankheiten so gut wie unbekannt. Die Arterien dieser Amazonas-Ureinwohner in Bolivien sind gesünder als bei allen anderen bislang gemessenen Menschengruppen, berichten US-amerikanische Forscher.

Einer neuen Studie zufolge haben die Menschen des Tsimane-Stammes weltweit die gesündesten Arterien von allen bislang gemessenen Bevölkerungsgruppen. Die Amazonas-Ureinwohner ernähren sich gesund, bewegen sich sehr viel und rauchen kaum. (Bild: gustavofrazao/fotolia.com)

Geschmeidige Blutgefäße von 80-jährigen Ureinwohnern
Die Menschen des Tsimane-Stammes haben die niedrigste vaskuläre Alterung von allen bislang gemessenen Bevölkerungsgruppen. Arterienverkalkung ist bei ihnen fünfmal seltener als bei US-Amerikanern, berichtet das Fachmagazin „EurekAlert!“.

Herausgefunden haben das Wissenschaftler um Professor Hillard Kaplan von der University of New Mexico (USA). Den Forschern zufolge seien die Blutgefäße eines 80-jährigen Ureinwohners im Schnitt so geschmeidig wie die eines Mittfünfzigers aus den USA.

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Vermutlich sei die Ernährung mit wenig gesättigten Fettsäuren, viel Ballaststoffen und extrem viel Bewegung sowie weitestgehender Verzicht aufs Rauchen für die gute Herzgesundheit der Ureinwohner verantwortlich.

Niedriges Risiko für Herzkrankheiten
Um zu ihren Ergebnissen zu gelangen, untersuchten die Forscher insgesamt 705 ältere Mitglieder des Tsimane-Stammes. Es wurden sowohl Computer-Tomographische Aufnahmen der Arterien gemacht als auch Messungen der Cholesterin-, Blutzucker- und Blutdruck-Werte durchgeführt.

Wie die Wissenschaftler im Fachjournal „The Lancet“ berichten, zeigte sich, dass 85 Prozent der 40- bis 94-jährigen Probanden keinerlei Risiko für Herzkrankheiten aufwiesen.

Im Magazin „EurekAlert!“ wird ein Vergleich mit einer älteren Studie angeführt, die zeigte, dass diese Rate bei älteren US-Amerikanern lediglich bei 14 Prozent liegt.

Gesunde Gefäße durch gesunde Ernährung
Es ist lange bekannt, dass eine gesunde Ernährung gesunde Gefäße fördert. Auch bei den Amazonas-Ureinwohnern wird die Ernährung als wesentlicher Grund für die guten Arterien angesehen.

Fast drei Viertel ihres Speiseplans (72 Prozent) besteht aus Kohlehydraten und Ballaststoffen – in Form von Reis, Maniok, Kochbananen, Mais, Nüssen und Früchten. Zudem essen sie wenig Proteine durch Fleisch und Fisch (14 Prozent) und ebenso wenig Fett.

Des Weiteren ist Rauchen bei ihnen kaum verbreitet. Nicht zuletzt bewegen sich Tsimane im Vergleich zu anderen Menschengruppen äußerst viel. Während beispielsweise in Deutschland elf Stunden Sitzen pro Tag nichts ungewöhnliches ist, ruhen sich die Amazonas-Bewohner nur zehn Prozent ihrer Tageszeit aus. Den Rest verbringen sie mit Jagen, Fischen oder Getreideanbau.

Veränderungen des Lebensstils zeichnen sich ab
Die Forscher stellten in ihrer Studie auch fest, dass über die Hälfte der untersuchten Tsimane erhöhte Entzündungswerte hatte. „Nach konventionellem Denken erhöhen Entzündungen das Risiko für Herzerkrankungen“, sagte Co-Autor Professor Randall Thompson.

„Allerdings waren die Entzündungen, die bei den Tsimane verbreitet waren, nicht mit einem erhöhten Risiko von Herzerkrankungen verbunden und könnten stattdessen das Ergebnis hoher Infektionsraten sein.“

Laut den Studienautoren zeichnet sich bei den Ureinwohnern jedoch ein Wandel ab. „In den vergangenen fünf Jahren haben neue Straßen und die Einführung motorisierter Kanus den Zugang zur nahen Marktstadt, wo Zucker und Speiseöl zu kaufen sind, dramatisch erhöht“, erklärte Mitautor Dr. Ben Trumble.

„Dies führt zu großen wirtschaftlichen und ernährungsbedingten Veränderungen für die Tsimane.“

Wie wichtig natürlicher Lebenswandel ist
„Diese Studie deutet drauf hin, dass koronare Arteriosklerose vermieden werden könnte, wenn die Menschen einige Elemente des Tsimane Lebensstils übernehmen“, sagte Studienautor Dr. Gregory S. Thomas: Den LDL-Cholesterinwert, Blutdruck und Blutzucker sehr niedrig halten, nicht rauchen und körperlich aktiv sein.

Wirklich neu sind diese Erkenntnisse aber nicht. „Die heutigen Empfehlungen zur Prävention von Herz-Kreislauf-Krankheiten, aber auch anderen Wohlstandskrankheiten, zielen auf die gleichen Lebensstil- und Risikofaktoren wie Ernährung, Bewegung, Körpergewicht ab, die sich in dieser Studie als so protektiv erwiesen haben“, sagte der Ernährungsmediziner Hans Hauner vom Klinikum Rechts der Isar in München in einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa.

Leider seien sie aber nach wie vor zu wenig bekannt. Jeder einzelne müsse in diesem Bereich mehr Eigenverantwortung lernen.

Heribert Schunkert vom Herzzentrum München und Wissenschaftlicher Beirat der Deutschen Herzstiftung wies zudem darauf hin, dass man aus den Konventionen seiner jeweiligen Lebensumwelt nur schwer herauskomme. Trotzdem: „Die Studie erinnert daran, wie wichtig natürlicher Lebenswandel ist.“ (ad)