Herzinfarkt Sterblichkeitsrate Wohnort-abhängig

Alfred Domke

Sterblichkeitsrate bei Herzinfarkt stark abhängig vom Wohnort

19.10.2013

Der Wohnort spielt in Deutschland eine wichtige Rolle dabei, ob ein Herzinfarkt tödlich verläuft. Teilweise sei das Risiko nach einem Infarkt zu sterben in den östlichen Bundesländern doppelt so hoch wie im Westen. Experten versuchen die Unterschiede zu erklären.

Herzkranke Patienten leben heute länger
Allgemein leben heutzutage herzkranke Patienten länger und besser. Und auch mehr Menschen überstehen einen Herzinfarkt dank moderner Medizin oft ohne bleibende Schäden. Doch im Jahr 2011 war akuter Herzinfarkt die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Dabei fällt das Sterblichkeitsrisiko in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich aus. Das geht aus dem 24. Herzbericht der Deutschen Herzstiftung hervor, der Anfang 2013 erschienen ist und die statistischen Herzinfarkt-Daten aus dem Jahr 2010 regional aufschlüsselt.

Große regionale Unterschiede
Bundesweit gab es damals insgesamt 212.914 Fälle von akutem Herzinfarkt. Heute überleben deutlich mehr Patienten einen solchen Infarkt, als noch vor zehn Jahren. So sank die Sterbeziffern zwischen den Jahren 2000 und 2010 um 15,8 Prozent bei Männern und um 14,8 Prozent bei Frauen. 2010 starben insgesamt 55.541 Menschen hierzulande an einem Herzinfarkt. Dabei fallen große regionale Unterschiede auf. So sei nicht nur das Herzinfarktrisiko in Ostdeutschland höher, wie die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) vor kurzem bekannt gab, sondern auch die Zahl derjenigen, die nach einem Infarkt sterben, sei in Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen fast doppelt so hoch wie in Schleswig-Holstein, Hessen, Berlin, Baden-Württemberg oder Bayern. Im Osten sticht nur Mecklenburg-Vorpommern positiv heraus.

Bessere kardiologische Behandlung im Westen
Statistisch sterben mit 111 Todesfällen auf 100.000 Einwohner die meisten Menschen in Sachsen-Anhalt an einem Herzinfarkt. Mit 56 Personen in Berlin und jeweils 57 in Schleswig-Holstein und Hessen sind dort die Zahlen auf 100.000 Einwohner gerechnet am niedrigsten. Kardiologen rätseln darüber, warum das so ist.Christian Hamm, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), meint: „Über die Ursachen kann nur spekuliert werden.“ Möglicherweise könnte die bessere kardiologische Behandlung im Westen eine Erklärung sein. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, kritisiert: „Die Versorgung für Patienten mit Herzerkrankung ist den verschiedenen Regionen nicht gleich gut.“

Mängel in Brandenburg
Laut dem Herzbericht seien eine geringere Ärztedichte in den Hochrisikoregionen, ein weniger effektives Notarztsystem und eine dadurch resultierende längere Prähospitalzeit, also der Zeit zwischen Infarkt und Behandlung, weitere mögliche Ursachen für die ungleiche Risikoverteilung. In Brandenburg sei vor kurzem bekannt geworden, dass scheinbar jeder achte Anruf bei der Notfallnummer 110 ins Leere ging. Und wie es aus dem Innenministerium hieß, musste fast jeder vierte der beinahe 440.000 Anrufer länger als 30 Sekunden warten bis er mit wem sprechen konnte. Beim Notruf in Brandenburg lag die durchschnittliche Wartezeit bei 13 Sekunden. Aber die Zeit, bis nach einem Notruf Hilfe am Einsatzort eintrifft, werde offenbar immer länger.

Herznotfallambulanzen unterschiedlich verteilt
Aber genau diese Zeit zwischen Infarkt und Beginn der Behandlung ist so wichtig für die Chance zu überleben. Viele Betroffene sterben bevor ein Rettungswagen eintrifft. Wenn jedoch Patienten rechtzeitig in eine Klinik gebracht werden, kann dort das Blutgerinnsel, welches das Herzkranzgefäß verstopft, meist schnell aufgelöst werden. Allerdings sind spezielle Herznotfallambulanzen, die mit modernen Geräten ausgestattet sind und die besten Überlebenschancen bieten, über die Bundesländer hinweg sehr unterschiedlich verteilt. Sie befinden sich nicht unbedingt dort, wo sie am nötigsten wären, etwa dort, wo vor allem alte Menschen leben. „Besonders in manchen ostdeutschen Gebieten ist das leider nicht der Fall“, rügt Meinertz.

Mehr Herzinfarkte in armen Stadtteilen
Außerdem sei die Bevölkerung vor allem in Gebieten, die hohe Todesraten aufweisen, eher schlecht über Symptome des Herzinfarkts informiert. Von der DGK hieß es, viele Menschen würden es nicht als Alarmsignal werten, wenn sie einen Druck in der Brust oder Herzrhythmusstörungen spürten. Dabei ist solches Wissen so bedeutend für die Überlebenschancen, denn jede Sekunde kann zählen. Laut Studien würden Herzinfarkte in sozial benachteiligten und armen Stadtteilen deutlich häufiger auftreten. Patienten aus diesen Vierteln seien demnach auch jünger als diejenigen, sie aus privilegierteren Bezirken kommen und hätten ein höheres Risiko innerhalb eines Jahres nach dem Infarkt zu sterben.

In Hamburg geringeres Herzinfarkt-Risiko
Laut dem Herzbericht wurden in Bremen und Sachsen-Anhalt mit 342 und 341 Menschen auf 100.000 Einwohner, statistisch gesehen die meisten Patienten wegen eines Herzinfarktes in eine Klinik eingeliefert. In Hamburg (218), Bayern (221) und Berlin (225) gab es die wenigsten Klinikaufenthalte deswegen. Zu ähnlichen Ergebnissen kam die Techniker Krankenkasse (TK), die sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes berief und Ende letzten Monats in Hamburg ein geringeres Herzinfarkt-Risiko feststellte.

Häufigste Todesursachen in Deutschland
Laut dem Statistischem Bundesamt führen drei kardiologische Krankheiten die häufigsten Todesursachen in Deutschland an: So war im Jahr 2011 eine koronare Herzkrankheit für 8,3 Prozent der Menschen die Todesursache, an einem akuten Infarkt starben 6,1 Prozent und an einer Herzinsuffizienz 5,3 Prozent. Zusammengenommen seien dies etwa 170.000 Menschen. Allerdings sank die Sterblichkeit in den letzten Jahren dank der Fortschritte bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen von über zehn auf unter sechs Prozent. So habe sich die Zahl der Todesfälle im Vergleich zu 1980 auf etwa 55.000 fast halbiert. Und dies vor dem Hintergrund, das die Bevölkerung im Schnitt immer älter werde und damit auch die Herzrisiken steigen würden.

Trend zu ungesundem Lebensstil
DGK-Präsident Christian Hamm meint, dies sei wohl auch ein Grund für die in den letzten Jahren wieder gestiegene Anzahl anderer Herzkrankheiten wie Herzklappenkrankheiten, Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz. Er erklärt dazu: „Zum einen erreichen in Deutschland immer mehr Menschen ein höheres Alter, und somit steigt das Risiko, eine Herzinsuffizienz zu entwickeln. Zum anderen überleben dank der besseren Behandlungsmöglichkeiten und Versorgungsstruktur immer mehr Menschen einen Herzinfarkt, die dann im höheren Alter an einer Herzinsuffizienz leiden.“ Laut Hamm wirke der Trend zu ungesundem Lebensstil den Fortschritten bei der Früherkennung und Behandlung von Herzkrankheiten entgegen. So nähmen Übergewicht und Diabetes zu und der Anteil von Rauchern gehe insgesamt kaum zurück. Somit würden die Erfolge relativiert, die Mediziner mit Medikamenten erreichen können. (ad)

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